Bildung

„In digitalen Medien steckt Teilhabe für alle“

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Schulbücher und -hefte bekommen zunehmend Konkurrenz.
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Medienpädagoge Heico Engelhardt über Wege zu gerechterer Bildung, das Internet als Wissensquelle und die Vision vernetzter Lernangebote.

Die meisten Kinder und Jugendlichen halten sich heutzutage ganz selbstverständlich im Netz auf. Egal ob in der Freizeit, bei den Hausaufgaben, in der Schule oder im Verein. Auf der technischen Ebene haben sie die Erwachsenen oft abgehängt. Die Aktion Safer Internet Day an diesem Dienstag schafft Aufmerksamkeit für einen sicheren Umgang mit digitalen Medien, macht aber auch deutlich: Nur weil Kinder schon viel selbstständig im Netz sind, sollten Erwachsene sie damit nicht alleine lassen. Das sagt auch Heico Engelhardt, Digitalexperte und Medienpädagoge von SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein.

Herr Engelhardt, wenn es um das Nutzungsverhalten von Minderjährigen mit digitalen Medien geht, wird oft auf Gefahren hingewiesen. Ist das zu einseitig für das komplexe Thema?

Eindeutig ist es das. Ich kann das ja gut nachvollziehen. Manche Menschen haben beispielsweise Angst vor dunklen Räumen, vor allem deshalb, weil sie nicht wissen, was da alles drin ist. Und das Internet ist so gigantisch, man kann es gar nicht greifen und nachvollziehen. Und dann werden häufig die Negativbeispiele auf den Tisch gebracht: Gewalt im Internet und mehr. Aber wir schauen gar nicht auf die Chancen. Auch das Autofahren ist sehr gefährlich, viel gefährlicher als zum Beispiel in einen Flieger zu steigen. Das wissen auch alle, aber da schaut man eher auf den Nutzen. Beim Internet und bei digitalen Medien hat man sich angewöhnt, eher auf die Nachteile zu schauen. Allerdings ist das kein Freibrief, die Gefahren zu ignorieren, Kinder haben ein Recht auf Schutz im digitalen Raum. Eine Verantwortung, der wir uns alle stellen müssen.

Welche Chancen sollten wir uns da bewusster anschauen?

Von der digitalen Arztsprechstunde bis zu Reisen, die wir mittlerweile bequem online buchen und uns vorher schon auf Youtube anschauen können. Das alles bedeutet auch Teilhabe. Die steckt in den digitalen Medien, und zwar unabhängig von Alter, körperlichem Zustand und vom Geldbeutel. Das sind alles großartige Vorteile. Und es ist schade, wenn man die nicht so in den Fokus rückt.

Und welche Chancen gibt es da in der Bildung?

Mit dem Internet haben wir mittlerweile die größte Bibliothek der Welt. So etwas hat es noch nie gegeben, seitdem es Menschen gibt. Wir haben das Wissen der gesamten Welt und wir können es vom Sofa aus abrufen. Gleichzeitig ermöglicht es digitale Vermittlungsmöglichkeiten von Wissen, die wir so noch nicht gekannt haben in der Vergangenheit. Deswegen glaube ich, dass die digitalen Medien auch ein Schlüsselwerkzeug für die Bildung unserer Zukunft sind. Ich bin davon überzeugt, dass ohne digitale Medien, Bildung in Zukunft nicht ausreichend stattfinden können wird.

Wie könnte eine solche Zukunft aussehen?

Ich habe die Vision von einer vernetzten Bildungsoffensive in Deutschland: Für mich ist das zentrale Element der digitalen Medien das Thema „Vernetzung“. Es heißt ja nicht zufällig Internet, das „Netz“ ist ja schon im Begriff enthalten. Auf den Bildungsbereich übertragen heißt es, dass pädagogische Fachkräfte zu Netzwerkerinnen und Netzwerkern werden müssen. Wir brauchen keine reinen Digital-Experten, die Hightech können. Aber die Menschen, die Bildungsarbeit machen, müssen in der Lage sein, Bildungsnetzwerke herzustellen. Es geht dabei auf der inhaltlichen Ebene nicht nur um reine Wissensvermittlung oder Lerninhalte. Netzwerke müssen soziale Kontakte sicherstellen und auch die soziale und emotionale Bildung, die Persönlichkeitsentwicklung und das Alltagslernen genauso mit beinhalten. Auf der Ebene der Akteurinnen und Akteure, die diese Bildungsarbeit leisten, geht es nicht nur um Lehrerinnen und Lehrer oder Erzieherinnen, sondern da müssen wir alle mithelfen: die Vereine, die Trainer, die Eltern, die Familie, Freunde. Wir alle müssen zu einem großen Bildungsnetzwerk werden.

Safer Internet Day

Am 6. Februar ist Safer Internet Day. Seit 2004 wird er am Dienstag der zweiten Februarwoche von der EU-Initiative „Klicksafe“ koordiniert. Alle Infos gibt es unter: www.klicksafe.de/sid24

Das Ziel ist ein selbstbestimmter und verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien. Vor allem die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen und ihrem Umfeld soll gestärkt werden.

Der Themenschwerpunkt 2024 ist „Let’s talk about Porno!“. Es geht um Schutz und Aufklärung über pornografische Inhalte, sexualisierte Gewalt und digitale Grenzverletzungen. alm

Haben Sie ein Beispiel für ein solches Netzwerk in der Praxis?

Es reicht nicht nur Geräte anzuschaffen und dann ist es gut. Investitionen sind wichtig, aber in Bildungsnetzwerke. Wir sind hier im Kinderdorf in Schleswig-Holstein gerade dabei eine Medienwerkstatt aufzubauen. Die steht aber nicht allein da, sondern ist vernetzter Bestandteil eines Kinder- und Jugendzentrums, welches für alle Kinder und Jugendlichen aus unserem SOS-Kinderdorf und aus unserer Stadt offen ist. Parallel bauen wir mit dem Naturschutzbund ein Umweltprojekt auf. Dort können Kinder lernen, was es heißt, nachhaltig und verantwortlich mit dieser Erde umzugehen. Dafür wollen wir dieses Jahr Bienen im Kinderdorf einziehen lassen. Weiterhin vernetzen wir noch die Medienwerkstatt mit dem Umweltprojekt: Es soll möglich sein, dass man diese Bienenstöcke, bei denen die Kinder auch ganz viel über deren Sozialverhalten lernen können, mit einer Webcam überwacht. Das ist ein Beispiel für ein vernetztes Bildungsangebot. Ein Netzwerk von verschiedenen Organisationen, verschiedenen Themen und unterschiedlichen Zielgruppen. Für die Zukunft gerne noch mit Schulen vernetzt. Ich bin wirklich überzeugt davon, dass als Antwort auf unsere vernetzte Welt nur ein Netzwerk von Bildung stehen kann.

Haben wir die Chance verpasst, digitale Medien und das Internet schneller in die Bildungsarbeit miteinzubeziehen?

Kinder und Jugendliche haben eine intrinsische Lust zur Mediennutzung. Die haben einfach Lust, mit ihrem Handy oder Computer etwas zu machen. Bei Schulbüchern habe ich das seltener gesehen. Ich muss zugeben, mir ist mein iPad oder mein iPhone manchmal auch lieber als ein Fachbuch aus Papier. Was ich schade finde, ist, dass man diese Lust bisher nicht ausreichend genutzt hat. Man versucht methodisch und didaktisch Konzepte zu entwickeln, um Kinder zum Lernen zu motivieren. Ich fände es besser, mehr Energie in die Entwicklung kreativer, digitaler Lernmöglichkeiten zu investieren, bei denen die Lust daraus schon in unseren Kindern und Jugendlichen vorhanden ist. Da sind die Schulen ja mittlerweile schon auf dem Weg. Es gibt Smartboards und Tablets an vielen Schulen, aber Bildungsarbeit ist noch lange nicht dort, wo sie hin kann. Es gibt so viele Bildungschancen im Netz durch digitale Medien und wir haben sie bis heute noch nicht richtig genutzt. Es ist leider so, dass der Grad des Bildungserfolges in Deutschland massiv vom Einkommen der Eltern abhängt. Gerade dort sehe ich eine unglaubliche Chance, in den digitalen Medien diese Bildungsungerechtigkeit zumindest zu minimieren.

Die meisten Kinder kennen sich technisch sowieso schon gut aus. Was bedeutet das für eine wirksame Vermittlung von Medienkompetenz heutzutage?

Von pädagogischen Fachkräften höre ich häufig Bedenken wie: Die Kinder können ja viel besser mit der Technik umgehen als wir. Mein Credo ist dann: Der beste Schutz vor digitalen Medien ist der Mensch selbst, der davor sitzt und sie nutzt. Und auch dort kann man ein kleines Bildungsnetzwerk knüpfen. Das Kind teilt bei diesem Beispiel mit uns sein Wissen über digitale Medien und wir unsere Expertise zu Sozialverhalten und vielem mehr. Und schon lässt man die Kinder nicht mehr allein mit digitalen Medien, ein unverzichtbarer Beitrag zum Kinder- und Jugendmedienschutz. Mein Fokus als Pädagoge ist auch der gleiche, der es seit Jahrhunderten in der Pädagogik ist: Ich muss Kinder und Jugendliche zu starken und sozialen Persönlichkeiten erziehen – dann sind sie damit auch für die digitale Welt gerüstet.

Wie kann das gelingen?

Ich muss ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit mitgeben und ihre Resilienz verstärken. Ich muss ihnen dabei helfen, ihren eigenen Weg zu einer sozialen Persönlichkeit zu finden. Ich bin davon überzeugt, ein starkes und resilientes Kind ist immer noch der beste Schutz vor digitalen Gefahren. Ein Kind, das in einer guten Beziehung zu den Menschen in seiner Umgebung lebt, das in der Lage ist, in einer Gruppe klarzukommen und ausreichend Selbstwertgefühl empfindet, das wird mit den Gefahren der sozialen Medien zurechtkommen. Das wird sich auch online sozial verhalten und sich nicht hinter irgendwelchen anonymen Namen verstecken. Ich versuche Erziehungsverantwortlichen, ob Eltern oder Fachkräften, die Angst vor den digitalen Medien etwas zu nehmen: Begleitet unsere Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg zu sozial agierenden und reflektierten Menschen, dann sind sie auch in der digitalen Welt sicher unterwegs und werden auch dort auf sich aufpassen können. Und wenn ihnen dort Unheimliches begegnet, dann haben sie ja uns Erwachsene, die sie begleiten, sie damit nicht alleine lassen und ihnen zur Seite stehen.

Heico Engelhardt (54) ist Medienpädagoge und Digitalexperte. Acht Jahre lang leitete er das SOS-Kinderdorf in Sachsen. Seit etwa zwei Jahren ist er Einrichtungsleiter in Schleswig-Holstein und baut eine Medienwerkstatt auf.

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