Studie

Interessiert, aber von den Parteien enttäuscht: Wie junge Menschen in Deutschland politisch ticken

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Demo von „Fridays for Future“: Für junge Menschen ist Klimaschutz wichtig.
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Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung unter jungen Menschen zeigt eine Generation, die trotz Krisen zufrieden ist. Zwei soziale Netzwerke werden als besonders relevant eingestuft.

Viele junge Menschen sind politisch sehr interessiert, finden ihre Interessen aber in den Angeboten der Parteien nicht wieder. Das geht aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Dabei sagte mehr als die Hälfte der Befragten, es gebe keine Partei, deren Angebot sie rundum überzeuge. Eine mangelnde Offenheit der Parteien für Ideen junger Menschen beklagten sogar 70 Prozent. „Viele der Jungwähler:innen sind mit dem parteipolitischen Angebot unzufrieden und fühlen sich in der Politik nicht ausreichend gesehen“, heißt es in der Studie. „Das müssen Politikerinnen und Politiker ernst nehmen, damit die Akzeptanz für Entscheidungen steigt“, kommentierte der SPD-Politiker Martin Schulz, der als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung amtiert. Die Stiftung steht der SPD nahe.

Tiktok und Instagram besonders beliebt

Ihre Untersuchung befasste sich mit den Einstellungen von Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren. Dafür wurden im November und Dezember 2022 mehr als 4000 Personen vom Institut Infratest Dimap befragt. Auf dieser Basis wurden die Themen für vertiefende Interviews ausgewählt.

Die Erhebung zeigte, dass es den jungen Leuten „um Themen wie Klimaschutz, finanzielle Absicherung und Wohnen und explizit nicht nur um ,jugendliche‘ Themen wie Bildung“ gehe. „Außerdem wollen sie von Politiker:innen direkt angesprochen werden, am liebsten via Social Media oder an Orten, die ihre Lebenswelt berücksichtigen wie Schulen oder Universitäten.“ Besonders beliebt seien dabei die Plattformen Tiktok und Instagram, wobei Nachrichten auf Instagram eine größere Glaubwürdigkeit zugebilligt werde.

Grünen und die SPD mit größtem Wahlpotenzial

In der Studie wurden parteipolitische Präferenzen abgefragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Grünen und die SPD „über das größte Wahlpotenzial unter den 16- bis 30-Jährigen“ verfügten. Das entspricht zwar früheren Erhebungen, steht aber im Gegensatz zum Stimmverhalten der Jungwählerinnen und -wähler bei der Bundestagswahl 2021.

Damals hatten in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen Grüne und FDP deutlich vor SPD und Union gelegen. Dies zeigt nach Ansicht der Forscher:innen nicht, dass sich die Präferenzen geändert haben, sondern lediglich, „dass die Parteien ihr Potenzial verschiedentlich erfolgreich ausschöpfen“.

Junge Frauen ordnen sich etwas weiter links ein als junge Männer

Die Jungwählerinnen und Jungwähler geben in der Untersuchung an, dass die programmatischen Inhalte der Parteien am wichtigsten für ihre Entscheidung sei – deutlich bedeutsamer etwa als die Auswahl des Spitzenpersonals. Nur wenige setzen sich allerdings detailliert mit den Wahlprogrammen auseinander. Der Wahl-O-Mat, der entscheidende Themen in klare Fragen und Positionen umformuliert, ist daher ein sehr beliebtes Mittel, um die eigene inhaltliche Position mit jener der Parteien abzugleichen. „Das Ergebnis des Wahl-O-Mats erfährt anschließend einen Abgleich mit dem bestehenden Bauchgefühl und wird, soweit diese nicht miteinander übereinstimmen, unter anderem im Freundes- oder Familienkreis diskutiert“, beschreiben die Forscherinnen und Forscher den Entscheidungsprozess.

Junge Frauen ordnen sich etwas weiter links ein als junge Männer, formal Gebildete weiter links als Menschen mit einem niedrigen oder mittleren Bildungsabschluss. Im Durchschnitt schätzen sich die jungen Leute auf der politischen Skala leicht links der Mitte ein – ganz ähnlich wie die Gesamtbevölkerung.

„Sie wollen weder Rebellion noch riesige Sprünge machen“

Auch die Unzufriedenheit mit der Demokratie zeigt sich bei den Jungwähler:innen auf ganz ähnliche Weise wie bei den älteren. Nur eine knappe Mehrheit von 51 Prozent zeigte sich damit zufrieden, wie die parlamentarische Demokratie funktioniert, hält die Studie fest.

Bemerkenswert ist angesichts der zahlreichen Krisen, wie zufrieden die Befragten mit ihrem Leben sind. „Sie wollen weder Rebellion noch riesige Sprünge machen – sie sind keine Utopist:innen, sie wollen ein gutes, normales Leben führen“, fassen die Autor:innen zusammen. Dazu zählten ein sicheres Einkommen, Familie, Freundinnen und Freunde – „aber ganz klar auch eine saubere Umwelt und Respekt im Umgang im gesellschaftlichen Miteinander“. Die junge Generation sei „nicht resigniert oder desillusioniert, was ihr eigenes Leben angeht, wie man es vielleicht aufgrund der vielfachen Krisenerlebnisse erwarten könnte“. Vielmehr gingen sie „pragmatisch mit den Herausforderungen um“ und suchten konstruktiv nach Lösungen.

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