Interview

Ethikrat-Chefin Buyx über Corona-Pandemie: „Ich dachte, wir sind alle etwas klüger“

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Ethikrat-Chefin Alena Buyx über Lehren aus Corona und warum Optimismus siegt.

Frau Buyx, der Bundeskanzler hat einen neuen Expertenrat Gesundheit und Resilienz einberufen. Ist das jetzt schon eine Lehre aus der Corona-Pandemie?

Das ist ein neues Gremium. Dieser Expertenrat soll nicht in einer bestimmten Krise beraten, sondern mit einem breiteren Blick unterschiedliche Themen insbesondere der öffentlichen Gesundheit ansehen und Vorschläge entwickeln, um die Resilienz des gesamten Systems zu erhöhen. Das ist also eine andere Aufgabenstellung, aber ich denke schon auch ein Lernen aus der Pandemie.

In diesem Monat jährt sich der erste Lockdown in der Corona-Pandemie zum vierten Mal. Müsste man die Entscheidungen von damals nicht auch mal gründlich aufarbeiten?

Also, es gibt ja sehr viel Arbeit dazu und in meiner Wahrnehmung ist auch an vielen Stellen gelernt worden. Das neue Expertengremium ist explizit auch eines, das für zukünftige Krisen vordenken soll. Eine der großen Lehren aus der Pandemie ist ja, dass es durchaus Pläne gab, die in irgendwelchen Schubladen lagen. Als es dann aber auf einmal so weit war, fühlte es sich dann doch für viele Beteiligte so an, dass die Vorbereitung nicht so optimal war.

Was ist in Ihrer Rückschau richtig gründlich schiefgegangen?

Eine Sache haben wir vom Ethikrat schon sehr häufig gesagt, das war der Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In verschiedenen Meetings von Wissenschaftlern referierten Psychologen, Kinderpsychiater, also verschiedene Expertinnen und Experten, die sich auskannten, dass die ersten Daten aus Befragungsstudien und Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen zeigten, dass sie sehr gut durch den ersten Lockdown gekommen waren. Anfangs also.

Alena Buyx.

Aber es ging ja weiter.

Genau. Was man dann unterschätzt hat, was auch wir unterschätzt haben, ist dass es für die Jugendlichen eben so lang dauerte. Beispielsweise waren die Älteren schon geimpft und konnten wieder ins Restaurant und die Jungen saßen noch sprichwörtlich hinter der Glasscheibe. Die Jungen hatten sich sehr am Riemen gerissen, sich zurückgehalten und hatten dann nachvollziehbar das Gefühl, dass die Gesellschaft ihnen da nicht wirklich was zurückgegeben hat, vor allem als die Pandemie noch weiterging. Da gab es dann dieses Problem der unerwiderten Solidarität. Da hatten wir auch beim Ethikrat ein Versäumnis, das haben wir gesehen.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

Wir hätten früher sagen müssen, dass die Kinder und Jugendlichen mehr Unterstützung brauchen und dass es mehr Angebote und Ausgleich geben muss. In der Schule, aber etwa auch bei der Anzahl von Therapieplätzen. Dass es verzahnte Unterstützungsangebote geben sollte, damit man früher erkennt, ob Krankheitswertiges entsteht. Das steht alles in unserer Ad-hoc-Empfehlung, die wir im November 2022 herausgegeben haben. Aber das war eigentlich schon zu spät. Wir hatten zuvor, im September 2022, eine große Tagung gemacht und ein paar Hundert Schüler geladen, die uns einfach mal erzählt haben, wie die Pandemie für sie war. Es waren sehr eindrückliche Schilderungen. Es war auch durchaus eine Mischung aus positiven und negativen Erfahrungen, das hatten wir gar nicht erwartet.

Zur Person

Alena Buyx (46) ist Doktorin der Medizin, Medizinethikerin und Hochschullehrerin. Seit 2020 ist sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der als unabhängiger Sachverständigenrat entsprechende Fragen und Folgen wissenschaftlicher Entwicklungen untersucht und die Politik berät. Ihre Forschung umfasst den gesamten Bereich der biomedizinischen und Public-Health-Ethik, insbesondere die Ethik medizinischer Innovationen und Gesundheitstechnologien, Fragen der Solidarität und Gerechtigkeit. FR

Jugendliche hatten auch positive Eindrücke aus der Pandemie?

Ja, es gab tatsächlich nicht nur negatives Feedback. Kann man sich auf unserer Webseite angucken. Die Jugendlichen waren eindrucksvoll differenziert. Es gab durchaus viele die sagten, sie haben bestimmte Phasen teils auch genießen können. Sie haben mit der Familie mehr Zeit verbracht. Viele haben auch den Wechselunterricht und die kleineren Klassen gut gefunden. Sie haben uns aber auch entlassen mit dem Eindruck, dass wir als Gesellschaft ihre Unterstützung und Disziplin dankend angenommen und sie dann vergessen haben. Da geht es nicht nur um Unterstützungsleistungen, man hätte da auch einfach mal ein Zeichen setzen können.

Wie meinen Sie das?

Ich finde, man hat es auf der großen gesellschaftlichen Bühne etwas versäumt, Anerkennung zu zeigen. Therapieplätze und Unterstützung sind natürlich dringlicher, aber Anerkennung ist eben auch wichtig. Es gab Regionen in Deutschland, wo das passiert ist. In Stuttgart zum Beispiel gab es ein tolles Projekt, das hieß „Welcome back“. Da wurde mit der Unterstützung der Stadt, von Stiftungen und Unternehmen Aktionstage für alle ihre Schülerinnen und Schüler im gesamten Raum Stuttgart gemacht. Es gab Gutscheine für Freizeitangebote, aber auch Coaching und andere Sachen. Aber vor allem wurde den jungen Leuten vermittelt: Wir haben euch gesehen, wir sind euch dankbar. Wir wollen jetzt, dass ihr merkt, wir denken an euch. Solche Dinge gab es, finde ich, insgesamt viel zu wenig.

Woran lag das, glauben Sie?

Das hat auch mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine zu tun. Das hat uns gesellschaftlich den Raum der ruhigen Rückschau ein Stück weit genommen. Damit meine ich natürlich nicht, dass das komplett unmöglich gewesen wäre, aber der gesamte Fokus etwa der Medien, der öffentlichen Aufmerksamkeit, der große Scheinwerfer, der auf dem Thema war, ist damals komplett übergegangen auf den Krieg. Nachvollziehbar, klar. Aber das genau zu der Zeit, als man dachte, jetzt ist endlich mal Ruhe, jetzt können wir mal ein bisschen heilen, jetzt können wir lernen, jetzt können wir das mal ein bisschen aufarbeiten.

Stattdessen kam gleich die nächste Krise.

Genau. Es gab Krieg und die Energiekrise und die Angst davor, dass es alles hier dunkel und kalt wird, dann die Inflation. Und deswegen sage ich, uns ist das ein Stück weit genommen worden. Ich glaube, wir wären sonst weiter. Es gibt sehr gute Bücher zu diesem Thema, die die Krisen und Katstrophen der letzten Jahrzehnte analysieren und zu dem Ergebnis kommen, dass immer dann, wenn eine Gesellschaft nicht den Raum hat, schlimme Krisen auch emotional zu verarbeiten, sich etwa Spaltungsphänomene verschlimmern.

Glauben Sie, dass das Streitthema Corona-Regeln durch das Streitthema Ukraine-Krieg und Waffenhilfen abgelöst wurde, mit dem Ergebnis, dass die unterschiedlichen Gruppen immer weiter auseinanderdriften?

Es ist gut untersucht, dass die Corona-Skepsis auch intentional angefacht wurde, von jenen, die geopolitisches Interesse daran haben, westliche Demokratien zu destabilisieren. Es ist keine Verschwörungstheorie, das ist gut belegt. Und da ist das eine Thema genauso gut geeignet wie das andere. Man sieht etwa, dass es bei beiden Themen zum Teil dieselben Accounts sind, die dazu Desinformationen verbreiten.

An dieser Stelle soll noch mal Jens Spahn zitiert werden, der sagte: Wir werden einander viel verzeihen müssen. Glauben Sie, dass wir schon so weit sind?

Dazu habe ich eine doppelte Antwort. Es gibt die sogenannte Cosmo-Studie von der Universität Erfurt, in der während der Pandemie repräsentativ die Stimmung und die Einstellungen der Menschen abgefragt wurde. Sie hat festgestellt, dass die Leute, die damals überzeugt waren von den Maßnahmen, es heute noch mehr sind. Umgekehrt sind die Leute, die damals dagegen waren, es heute auch noch mehr. Das gleiche gilt auch für die Impfung. Das heißt, wir erinnern uns in einer verstärkenden Art und Weise, was natürlich die Polarisierung nicht verbessert. Das ist der erste Teil der Antwort.

Und der zweite?

Ich bedauere es zutiefst, dass diese Diskussion, jedenfalls in meiner Wahrnehmung zum Großteil, öffentlich eher so eine Schuldigensuche war und ist, und dass eigentlich jeder, der sich dazu geäußert hat, von irgendeiner Seite wahnsinnig Ärger gekriegt hat. Dann hat natürlich kaum jemand mehr Lust, Dinge wirklich ernsthaft und seriös zu analysieren und das auch öffentlich zu tun.

Wie würden sie sich den optimalen Aufarbeitungsprozess dann vorstellen?

Viel passiert da in der Wissenschaft; etwa die wissenschaftlichen Fachgesellschaften, die wissenschaftlichen Akademien machen dazu viel. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass man auch einen gesellschaftlichen Heilungsprozess stärker in den Blick nimmt. Es gibt in anderen Ländern alle möglichen Verarbeitungsrituale oder Versöhnungskommissionen, auch aus anderen Krisen, da könnte man sich was abschauen. Man kann verschiedene Formen öffentlichen Innehaltens und Anerkennens organisieren. Das sind aber auch Dinge, die aus der Zivilgesellschaft kommen sollten, das kann man nicht unbedingt von oben verordnen.

Sind Sie persönlich eigentlich eher resigniert oder optimistisch aus dieser Krise gekommen?

Ehrlich gesagt, beides gleichzeitig. Ich bin resignierter mit Blick auf Desinformation und Fake News, etwa in den sozialen Medien und unsere gesellschaftliche Naivität im Umgang damit, und natürlich mit Blick auf den offenen Hass, der da teils formuliert wird. Ich dachte, wir sind alle ein bisschen klüger und resistenter in dieser Hinsicht – und Hass ist fast immer traurig und schlecht. Andererseits habe ich auch immer wieder gesehen, was es überall für fantastische Leute gibt, die gerade in Krisensituationen ständig zu Höchstleistung auflaufen. Ich bin am Ende optimistisch, weil ich daran glaube, dass die meisten Menschen gut sind und etwas zum Besseren verändern wollen, für sich, für andere und für die Gesellschaft.

Interview: Christine Dankbar

Rubriklistenbild: © IMAGO/Future Image

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