VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Zielgenau und unaufhaltsam soll sie sein – die neue Rakete, mit der der Iran Israel und die Welt bedroht. Experten befürchten große Gefahr auch für Europa.
Jerusalem – „Der Name der Rakete symbolisiert Rache“, schreibt die Economic Times. Rache an Donald Trump. Als Rakete, die „den USA und Israel Kopfschmerzen bereiten“ könnte, tituliert die Wirtschaftszeitung denn auch die neue Waffe, die der Iran vermutlich aktuell gegen Israel eingesetzt hat. Das behauptet jedenfalls die iranische Nachrichtenagentur Fars. Darüber hinaus schockiert der Stern gerade mit der Aussage, dass auch Europäer zum Ziel des Iran werden könnten, wenn die Lage eskaliere: Sie seien keineswegs lediglich Zaungäste des Krieges rund um Israel.
„Qassem Basir“ lautet der Name der neuen Rakete als verbesserte Variante der iranischen „Haj-Qassem“-Serie; sie ist benannt nach Qassem Soleimani, dem 2020 getöteten General der Iranischen Revolutionsgarden. Wie das Magazin Armyrecognition die Angaben des Iran weitergibt, soll die Rakete „mehrere Modifikationen aufweisen, die ihre Präzision, ihre Überlebensfähigkeit gegen Raketenabwehr und ihre Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Gegenmaßnahmen verbessern“. Sie sei damit unempfindlich gegen moderne Luftabwehrsysteme wie THAAD („Terminal High Altitude Area Defense“) und Patriot und insofern immun gegen das Beste, das die USA und Israel an Luftabwehr zu bieten haben; quasi unaufhaltsam. Ihre Reichweite wird angegeben mit 1.200 bis 1.400 Kilometern.
Israel verwundbar: Ob Qassem Basir eingesetzt worden war oder die Fattah oder Khyber Shakhan ist offen
Diese Entwicklung könne das strategische Gleichgewicht im Nahen Osten erheblich verändern und Anpassungen der Verteidigungsstrategien erforderlich machen, schreibt die Economic Times – anders ausgedrückt: Trotz seines Iron Domes stünde Israel möglicherweise schutzlos da gegen einen erstarkten Iran. Wie die Jerusalem Post berichtet, sei aber keineswegs gesichert, dass der Iran seine neue Waffe eingesetzt habe – das Blatt bezieht sich auf den Nahost-Analysten Fabian Hinz. Der hat auf X (vormals Twitter) gepostet, dass ein durch einen israelischen Angriff vom 13. Juni ausgebrannter Sattelauflieger „offenbar“ ein Haj-Qassem-Raketenwerfer gewesen war.
„Wenn die Lage eskaliert, wenn sich die alte Ordnung des Nahen Ostens vollends auflöst, dann könnte es auch sein, dass Europäer zum Ziel werden – noch bevor Amerikaner ins Visier geraten.“
Womit offen bleibt, ob die Qassem Bassir eingesetzt worden war oder die Fateh/Fattah oder Khyber Shakhan, was Hinz ebenfalls für möglich gehalten habe. „Nur ganz wenige Staaten auf der Erde besitzen derartige Möglichkeiten. Damit wird der Iran nicht zu einer globalen Supermacht, doch er wächst aus dem Rahmen einer begrenzten Regionalmacht heraus. Denn Teheran ist in der Lage, militärische Macht auch weit über 1. 000 Kilometer vom eigenen Land entfernt zu entfalten“, schreibt der Stern – dies entweder mit Raketen oder Marschflugkörpern, von denen der Iran auch mehr als ein Dutzend verschiedene Typen entwickelt hat.
Die Rakete ist Anfang Mai vorgestellt worden, wie die iranische Nachrichtenagentur IRNA mitgeteilt hat. Demnach verfüge die Waffe über einen Rumpf aus Karbonfasern und ein hochmodernes Steuer- und Leitsystem, das ihr eine herausragende Tarnfähigkeit gegenüber feindlichen Radarsystemen verleihe. Laut dem Verteidigungsministerium sei selbst für satellitengestützte Abwehrsysteme wie das US-amerikanische THAAD das Gefechtsmodul dieser Rakete nicht zu orten. Die Entwicklung basiere auf den praktischen Erfahrungen, die der Iran durch große Raketenoperationen wie „True Promise I“ und „True Promise II“ im April und Oktober 2024 gesammelt habe.
Iran siegessicher: Erfolg feindlicher Abfangsysteme auf weniger als 5 Treffer bei 100 Raketen reduziert
Laut Armyrecognition wiege der Sprengkopf rund 500 Kilogramm. Angetrieben würde die Haj-Quasem-Familie durch Festbrennstoff; dadurch könne die Rakete im Vergleich zu flüssigbetriebenen Alternativen schneller gestartet sowie stabiler gelagert werden. „Militärischen Fachanalysen zufolge wird durch die Weiterentwicklung ballistischer Raketen die Erfolgsquote feindlicher Abfangsysteme unter vergleichbaren Bedingungen auf weniger als fünf Treffer bei 100 abgefeuerten Raketen reduziert“, schreibt die iranische Nachrichtenagentur.
„Rache“ an Donald Trump
„Qassem Bassir“ lautet der Name der neuen iranischen Mittelstreckenrakete – und steht für Rache. Rache an Donald Trump. Die Waffe ist benannt nach Generalmajor Qasem Soleimani, der im Januar 2020 durch einen Drohnenangriff auf Befehl des damaligen US-Präsidenten in der Nähe des internationalen Flughafens von Bagdad im Irak getötet wurde. Als Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, einer Untereinheit der Iranischen Revolutionsgarden galt Soleimani nach dem iranischen Führer Ali Khamenei als zweitmächtigste Person im Iran.
Quelle: Economic Times
Nach Angaben der Arms Control Association (ACA) gehören zu Irans ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen fast zwei Dutzend Typen mit verschiedenen Kompetenzen – beispielsweise:
- Shahab-1 („Komet-1“) ist die erste vom Iran modifizierte Kurzstreckenrakete. Sie basiert auf der nordkoreanischen Hwasong-5 mit einer geschätzten Reichweite von 300 Kilometern; als Shahab-2 und Shahab-3 fliegt sie mehr als 2.000 Kilometer;
- Das Fateh/Fattah-System („Eroberer“/„Sieger“) – ein eher leichtes, straßenmobiles System mit Typen für mehrere Reichweiten;
Zolfaghar (benannt nach einem berühmten Schwert) mit 700 Kilometern Reichweite; - Emad-1 („Säule“), eine in Entwicklung befindliche Rakete, die eine Nutzlast von 750 Kilogramm bei einer Reichweite von bis zu 1.700 Kilometer mit einer Genauigkeit von rund zehn Metern ins Ziel transportieren können soll;
- Die Sejil-Familie („gebackener Ton“), eine Rakete mit 1.500 bis 2.500 Kilometern Reichweite – laut dem Magazin Breaking Defense behauptet der Iran, dass diese Rakete, gestartet aus der Stadt Natanz, Tel Aviv in weniger als sieben Minuten erreichen könnte.
Clearest view of a destroyed launcher yet. Appears to be a Haj Qasem trailer launcher originally disguised as a civilian truck (note the frame to attach covers). https://t.co/giexUOF6jL pic.twitter.com/6DG0EE1wqw
— Fabian Hinz (@fab_hinz) June 15, 2025
Ein hochrangiger Kommandeur des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) hatte darüberhinaus Ende 2022 die Entwicklung einer ersten iranischen Hyperschall-Rakete vom Typ Fattah-1 angekündigt, wie Breaking Defense berichtet hat. „Die Rakete hat eine große Geschwindigkeit und kann sowohl in die Erdatmosphäre hinein als auch aus ihr heraus manövrieren“, sagte Amir Ali Hajizadeh, der Leiter der Luft- und Raumfahrtabteilung des IRGC, gegenüber Reportern.
Iran kann den Krieg weit hinaus tragen: Möglich, „dass Europäer zum Ziel werden“
Die ist inzwischen auch einsatzbereit, wie Pars Today berichtet – neben den Haj-Qassem-Raketen machen vier weitere Modelle den Iran zur Raketenmacht im Nahen Osten und lassen den Einfluss des Regimes weit über das eigene Territorium hinaus wachsen, so das iranische Nachrichtenportal.
- Khorramshahr (4) (fröhliche/grüne Stadt), Reichweite: 2.000 Kilometer, Geschwindigkeit: Mach 16 außerhalb der Atmosphäre Mach 8 innerhalb der Atmosphäre;
- Khyber Shakhan, Reichweite: 1.450 Kilometer, Geschwindigkeit: mehr als 5.000 Kilometer pro Stunde;
- Paveh (Rakete / Marschflugkörper), Reichweite: 1.560, Geschwindigkeit: 600 bis 900 Kilometer pro Stunde.
- Qadr-Rakete (Bestimmung, Vorherbestimmung, Schicksal), Reichweite bis zu 1.950 Kilometer, Geschwindigkeit: ca. Mach 9.
Die Waffen bedrohen neben den Israelis auch deren Verbündete, wie die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schreibt: Immer wieder hätte der Iran gedroht, dass er auch gegen US-amerikanische Streitkräfte im Nahen Osten ins Feld ziehen wolle, sollte Israel zuschlagen, so NZZ-Autor Daniel Böhm: „Bisher war nicht klar, ob es sich dabei um Säbelrasseln handelt oder ob eine derartige Strategie tatsächlich in Erwägung gezogen wird. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob die Iraner es ernst meinen.“
Israel im Krieg mit Iran: Raketen fliegen, Menschen werden evakuiert




Das Regime befehlige noch über 3.000 Raketen, sagt Vali Nasr. Gegenüber dem Stern macht der Professor der Johns-Hopkins-University im US-Bundesstaat Maryland zwar klar, dass die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump vielleicht keine direkten Teilnehmer des Krieges werden würden – außer dass sich das Regime und seine Verbündeten auf Terrorakte im Ausland versteiften. Er ist aber sicher, dass der Krieg im Nahen Osten Auswirkungen auch auf Europa habe, würden sich die Kämpfe auf die Golfregion ausweiten. Das würde wirtschaftlich spürbar werden.
An der Peripherie dieser Auseinandersetzungen stünden die Europäer deshalb noch lange nicht, wie Nasr gegenüber dem Stern sagt: „Wenn die Lage eskaliert, wenn sich die alte Ordnung des Nahen Ostens vollends auflöst, dann könnte es auch sein, dass Europäer zum Ziel werden – noch bevor Amerikaner ins Visier geraten.“ (KaHin)
