US-Experte widerspricht Trump und CIA und warnt: Irans Atomanlagen nicht zerstört - Technik ist „irrelevant“
VonKathrin Reikowski
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Ein hochrangiger US-Experte zu Atom- und Konfliktforschung widerspricht nun auch der US-Regierung und der CIA - und äußert andere Sorge.
Washington D.C./ Teheran - Während die Trump-Administration und CIA-Chef John Ratcliffe von einer vollständigen Zerstörung der iranischen Atomanlagen sprechen, zeichnet ein vorläufiger US-Geheimdienstbericht ein völlig anderes Bild der Angriffe vom Wochenende. Dieser Widerspruch wirft nun grundsätzliche Fragen über den tatsächlichen Erfolg der Militäroperation auf - ein US-Experte nennt den US-Geheimdienstbericht „sehr glaubwürdig“.
Der Bericht, den US-Medien am Dienstag teils publik gemacht hatten, kommt zu für die USA und Israel sehr ernüchternden Schlüssen: Die Attacken hätten das iranische Atomprogramm nur um einige Monate zurückgeworfen und die iranischen Zentrifugen sowie die Vorräte an angereichertem Uran seien nicht vollständig zerstört. Lediglich die Zugänge zu einigen Anlagen wurden demnach versperrt, ohne dass unterirdische Gebäude zerstört wurden. Diese Einschätzung ließ den US-Präsidenten wüten.
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Ganz anders klingt die offizielle Version: „Ich kann Ihnen sagen, dass die Vereinigten Staaten keinen Hinweis darauf hatten, dass angereichertes Uran vor den Angriffen verschoben wurde“, sagte Trump-Sprecherin Karoline Leavitt bei Fox News. Entsprechende Berichte seien „falsch“. Das Material sei „unter kilometerlangen Trümmermassen verschüttet, weil diese Angriffe am Samstagabend erfolgreich waren“, fügte sie hinzu.
Trump selbst hatte die Angriffe einen „spektakulären militärischen Erfolg“ bezeichnet. Auch CIA-Chef John Ratcliffe behauptet, der Wiederaufbau der iranischen Atomanlagen würde Jahre dauern. Ratcliffe steht Trump politisch nahe und wurde vom US-Präsidenten im Januar 2025 als CIA-Chef vereidigt. Woher die neuen Erkenntnisse der CIA kommen, wurde nicht offengelegt. Bei den Angriffen hatten am Wochenende B-2-Bomber zwei iranische Atomanlagen mit bunkerbrechenden GBU-57-Bomben angegriffen. Ein U-Boot griff eine dritte Anlage mit Tomahawk-Marschflugkörpern an.
US-Sicherheitsexperte Jeffrey Lewis: Atomanlagen liegen zu tief, um zerstört zu werden
US-Sicherheitsexperte Jeffrey Lewis vom Middlebury Institute of International Studies bewertet den kritischen Geheimdienstbericht als „sehr glaubwürdig“. „Der Bericht erscheint mir sehr glaubwürdig. Zwar wurden die meisten öffentlich bekannten Anlagen – in Natans, Isfahan und Fordo – schwer beschädigt, aber eben nicht alle“, sagt der US-Forscher Jeffrey Lewis dazu. „Es gibt bei Natans und Isfahan mehrere bekannte unterirdische Anlagen, die nicht angegriffen wurden, weil sie wahrscheinlich zu tief liegen, um zerstört zu werden.“
Lewis verweist auf Satellitenaufnahmen, die iranische Vorbereitungen dokumentieren: „Wir haben vor dem Angriff sowohl in Isfahan als auch in Fordo auf Satellitenbildern Lastwagen gesehen. Viele dieser Transporter waren daran beteiligt, die Eingänge zuzuschütten, um sie zu schützen“, sagte Lewis. „Das zeigt, dass die Iraner Zeit hatten, sich vorzubereiten und auch um das Material wegzubringen, wenn sie das denn wollten.“
Friedensforscher Ulrich Kühn: Schaden an Atomanlagen im Nahost-Konflikt nicht abschätzbar
Ähnlich skeptisch äußert sich der Leiter des Forschungsbereichs Rüstungskontrolle und neue Technologien am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), Ulrich Kühn. Die Anlage in Isfahan sei schon durch israelische Angriffe von Außen zerstört worden, meint Kühn im Interview mit BR24. Über die Auswirkungen auf die darunterliegenden Anlagen sei jedoch nichts bekannt. Und bei Fordo, der wichtigsten Anlage, wisse man noch weniger. „Wir sehen da einige Stellen, wo scheinbar in die Ventilationsschächte die entsprechenden Bomben der Amerikaner abgeworfen worden sind.“ Den Schaden in 100 Metern Tiefe könne man nicht abschätzen.
Doch Lewis geht noch weiter und stellt die Relevanz der gesamten militärischen Strategie in Frage. Lewis geht davon aus, dass der Iran rein technisch gesehen weiterhin nur wenige Monate vom Bau einer Atombombe entfernt sei. Das sei allerdings auch in den vergangenen 20 Jahren so gewesen. „Damit meine ich, dass die Hürde für den Aufbau eines nuklearen Arsenals nie technischer, sondern immer politischer Natur war. Unabhängig davon, wie lange Iran für den Durchbruch gebraucht hätte, war Tatsache, dass der Oberste Führer Ali Khamenei das Atomwaffenprogramm ausgesetzt hatte. Ich halte die technische Frage daher für irrelevant, da der politische Wille einfach nicht vorhanden war.“
Nahost-Konflikt: US-Experte sieht diplomatische Lösung zu Irans Atomprogramm effektiver - und ist überrascht
Der Experte sieht diplomatische Lösungen als weitaus effektiver an: Das unter der Obama-Regierung ausgehandelte (und von Trump später aufgekündigte) Atomabkommen JCPOA habe den Bau einer Atombombe weitaus länger hinausgezögert als die Bombardements, meint Lewis. „Niemand glaubt, dass die Bombardierung über zwei bis drei Jahre hinaus Auswirkungen haben wird, und das sind noch die optimistischsten Schätzungen der Israelis. Bestenfalls folgt jetzt nach dem Waffengang ein neues Abkommen wie das JCPOA.“
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Beunruhigend ist Lewis‘ Warnung vor einem anderen Aspekt, der nach den Angriffen Auftrieb bekommen könnte. Dazu verwendet wer einen Vergleich mit Nordkorea: „Als unter der Bush-Regierung das Atomabkommen mit Nordkorea scheiterte, testete Nordkorea drei Jahre später eine Atomwaffe. Trump hat sich 2018 aus dem Atomabkommen mit Iran zurückgezogen, und jetzt, sieben Jahre später, hat sich Iran immer noch nicht für den Bau einer Atomwaffe entschieden.“ Das findet er „überraschend“.
Der Sicherheitsexperte befürchtet, dass die Bombenkampagne die Haltung innerhalb der iranischen Regierung in Richtung Atomwaffenbau verschieben werde. „Wenn Iran sein Atomwaffenprogramm wieder aufnimmt, wird Heimlichkeit wichtiger sein als Geschwindigkeit.“ Eine solche Entwicklung würde wohl die Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde unmöglich machen. (kat)