- VonBirgit Holzerschließen
Nach einem islamistischen Mord in Arras fordert Präsident Macron Ausweisungen von „Gefährdern“.
Dominique Bernard war „ein Mann aus Gold“, so beschreibt es Camille, eine frühere Schülerin. „Der Beweis: Er hat sich für uns geopfert.“ Der 57-Jährige, ein Literatur-Liebhaber, beliebter Lehrer und Vater dreier Töchter, wurde am vergangenen Freitag auf dem Hof einer Schule in Arras im Norden Frankreichs von einem 20-jährigen Islamisten erstochen. Zwei weitere Mitarbeiter des Gambetta-Gymnasiums überlebten die Messerattacke schwer verletzt.
Die Schweigeminute am gestrigen Montag fand gleichzeitig für Bernard und für den Lehrer Samuel Paty statt, der vor genau drei Jahren brutal ermordet wurde, ebenfalls aus islamistischen Motiven. Paty war zum Verhängnis geworden, dass er im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Nach einer Hetzkampagne in sozialen Medien enthauptete ihn ein in Frankreich lebender Tschetschene auf der Straße. Auch diese Tat erschütterte das Land zutiefst.
Ob sich der mutmaßliche Mörder von Dominique Bernard diese Tat zum Vorbild nahm oder ob er auf den Krieg in Israel reagierte und dem Aufruf der Hamas zu einem „Tag des Zorns“ am vergangenen Freitag folgte, ist weiterhin unklar. Der junge Mann, der der Polizei als radikalisiert bekannt war und von Geheimdiensten überwacht und abgehört wurde, schweigt nach seiner Festnahme bislang in der Untersuchungshaft.
Macron fordert Ausweisung
Auch zehn Personen aus seinem Umfeld, darunter seine Mutter und Geschwister, wurden festgenommen. Mehrere Versuche, die Familie, die aus Inguschetien, einer autonomen Republik im Nordkaukasus, stammt und für ihre radikale Haltung berüchtigt ist, auszuweisen, waren in der Vergangenheit gescheitert. Macron wies nun die Behörden an, die nationale Gefährderdatei nach auszuweisenden Menschen zu durchkämmen, mit besonderem Augenmerk auf „jungen Männer aus dem Kaukasus“.
Am Montagmorgen musste das Gymnasium in Arras nach einer Bombenwarnung zeitweise evakuiert werden. Nach dem Attentat vom Freitag herrscht in Frankreich die höchste Warnstufe: „Notfall Attentat“. Bereits seit den Hamas-Angriffen auf Israel wurde der Schutz für jüdische Einrichtungen, Schulen und Synagogen in dem Land verstärkt. Seit dem gestrigen Montag sind 7000 zusätzliche Soldat:innen im Einsatz, um sensible Orte abzusichern.
Regierungssprecher Véran warnte davor, „den Konflikt in Nahost nach Europa zu importieren“. In einer Umfrage äußerten 85 Prozent der Französ:innen diese Sorge. In Frankreich lebt mit schätzungsweise mehr als einer halben Million Menschen Europas größte jüdische Gemeinde. Zugleich beherbergt es knapp sechs Millionen Muslime, darunter 100 000 aus Palästina.
Zigtausende gingen bei Solidaritätsmärschen für Israel auf die Straße, allein in Paris rund 20 000 Menschen. Trotz Verboten fanden sich auch viele Teilnehmende bei propalästinensischen Kundgebungen ein. Die französische Politik steht vor der schwierigen Aufgabe, eine ausgewogene Haltung einzunehmen.
Auch jüdische Menschen wurden in Frankreich mehrmals Opfer von Terror-Anschlägen, zuletzt im Jahr 2012 in Toulouse, wo ein Attentäter drei Kinder und einen Rabbiner in einer jüdischen Schule erschoss, sowie 2015 bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris. Seit den Hamas-Attacken gegen Israel gab es 102 Festnahmen in Verbindung mit antisemitischen Handlungen oder Worten. In einem Interview mit der Zeitung „Le Monde“ appellierte die Rabbinerin Delphine Horvilleur an alle, nicht in die Spirale des Hasses einzusteigen und auf eine „absolute Entmenschlichung des anderen Lagers“ zu verzichten.