Raketenbeschuss auf die Hamas

Hoffnung und Tod liegen nebeneinander: Krankenhäuser in Gaza kollabieren

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In den Kliniken drängeln sich die Menschen um Schutz und Versorgung. Selbst Trinkwasser wird knapp. Unschuldige und Schuldige sind in Gaza schwer zu unterscheiden.

Gaza – Der Wissenschaftler sieht das klar und unmissverständlich: „Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Es ist nach dem humanitären Völkerrecht nicht verboten, bei Angriffen gegen zulässige militärische Ziele auch Zivilpersonen oder zivile Objekte in Mitleidenschaft zu ziehen. Selbst hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung müssen also nicht per se rechtswidrig sein“, sagt der Völkerrechtler Wolf Heintschel von Heinegg gegenüber der Tageszeitung zu den hohen Zahlen an zivilen Opfern im Krieg zwischen Israel und der Hamas.

Was Militärs als „Kollateralschaden“ bezeichnen, sind immer und ausnahmslos menschliche Tragödien. Vor allem, wenn beispielsweise Krankenhäuser getroffen sind, wie vermutlich das christliche Ahli-Arab-Krankenhaus in der Innenstadt von Gaza.

Voll getroffen oder nur beinahe? Dieses Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt das Al-Ahli-Krankenhaus und dessen Umgebung in Gaza nach einem Raketen-Einschlag. Verursacher und Schaden sind unklar.

Die Zahlen werden zunehmen: Im Gaza droht der Kollaps des Gesundheitssystems

Traurigerweise erscheint das unvermeidlich in einem modernen militärischen Konflikt wie den fast ewig schwärenden auf dem Pulverfass Naher Osten: Der Gaza-Streifen ist ein Dschungel aus Beton – flächenmäßig so klein wie das Bundesland Bremen, bevölkert aber mit einem Vielfachen an Menschen, ohne klare Grenze zwischen Stadt und Land oder zwischen Freund und Feind. Eine chaotische Situation, in der die Terror-Organisation Hamas mittlerweile über fast 4000 Tote und rund 13.000 Verletzte auf palästinensischer Seite klagt. Die Zahl wird zunehmen.

Das Gesundheitssystem kollabiert demnächst, warnt Mohammed Abu Mughaiseeb, der stellvertretende Koordinator von „Ärzte ohne Grenzen“. Seit 2007 wird der Gaza-Streifen nach Räumung durch die israelische Armee von der Hamas regiert. Erstes Opfer in jedem bisherigen bewaffneten Konflikt seither ist die medizinische Versorgung der zivilen Bevölkerung.

Evakuierungsbefehl: Kampf gegen den Terror lässt die Opfer leiden

Paradoxerweise hat der Befehl der Israelis, den nördlichen Gaza-Streifen nach Süden hin zu räumen, die Lage der Krankenhäuser sogar verschärft: Mughaiseeb: „Die Krankenhäuser funktionieren kaum noch. Ein Großteil des medizinischen Personals hat mitsamt ihren Familien die Gegend verlassen.“ Als besonders bedrohlich empfand er die Situation auf der Station zur Behandlung von Verbrennungen im Dar-Al-Shifa-Krankenhaus: „Es gibt dort nur einen Chirurgen und einen Anästhesisten. Es gibt kein Pflegepersonal in dem Krankenhaus und auf dieser Abteilung, und es herrscht großer Mangel.“

Allerdings erklärte Tarik Jasarevic für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Verlegung schwer Kranker oder schwer Verletzter aus dem nördlichen Gazastreifen für unmöglich und einem „Todesurteil“ gleich kommend.

Sari Bashi von „Human Rights Watch“ verurteilt beide Krieg führenden Parteien – und räumt ein, dass die Hamas wahrscheinlich bewusst die Deckung durch Zivilisten sucht: „Wir haben ernsthafte Bedenken, dass die Hamas und andere Kombattanten keine angemessenen Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten ergreifen. Wenn sie also Waffen in zivilen Gebieten lagern, wenn sie ihre Kampfhandlungen in dicht besiedelten zivilen Gebieten konzentrieren, setzen sie Zivilisten einer Gefahr aus, und das ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Das gibt der israelischen Regierung jedoch nicht das Recht, ihre eigene Verpflichtung zu missachten, unverhältnismäßigen oder wahllosen Schaden von der Zivilbevölkerung abzuwenden“, sagt sie gegenüber dem Magazin New Yorker.

Bodenoffensive: Der Krieg erschwert die Arbeit der Ärzte

Das Dar-Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza bezeichnet der Guardian als „eine Art Nervenzentrum des gesamten Gesundheitssystems“ – dorthin fliehen die Menschen auf der Suche nach Schutz. Da wird der Gaza-Streifen am verletzlichsten, da liegen seine Leichen neben den Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft: Die lokalen Behörden wie auch Hilfsorganisationen schätzen, dass inzwischen auf dem gesamten Gelände 35.000 bis 40.000 Menschen campieren, wie der Guardian schreibt.

„Die Leute haben enorme Angst und glauben, dass dies der sicherste Ort ist, sagte Professor Ghassan Abu-Sittah, einer der Chirurgen des Dar-Al-Shifa-Krankenhaus. Doch stelle die hohe Zahl der Schutzsuchenden ein Risiko dar, da die hier Gestrandeten Nahrung und Wasser brauchten, wovon es aber so gut wie nichts gäbe. Laut Mohammed Abu Mughaiseeb von „Ärzte ohne Grenzen“ benötige die Suche allein nach Trinkwasser immer zwei Stunden, auch Medikamente seien knapp sowie Betten für Operationen. „Der Krieg erschwert unsere Arbeit“, berichtet auch der „Ärzte der Welt“-Projektkoordinator in Gaza, Alaa Alkhatib. „Jegliche Bewegung muss vor Verlassen des Hauses mehrmals durchdacht werden. Auch bei der Grundversorgung überlegt man sich zweimal, ob es sich lohnt, das Risiko auf sich zu nehmen, nur um dann festzustellen, dass nichts mehr verfügbar ist.“

Handlungsauftrag an Israel: Belastungen für Zivilisten entschärfen

Sein Kollege Abu-Sittah sieht darin einen zweiten Krisenherd neben dem miltärischen: „Dieser Andrang wird zu einem Ausbruch von Infektionskrankheiten führen. Damit droht eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit.“ Für den Völkerrechtler von Heinegg ein klarer Handlungsauftrag an die israelische Seite, die Belastungen der Zivilisten zu entschärfen, wie er in der tageszeitung fordert – beispielsweise durch den Verzicht auf Verknappung von Versorgungs-Gütern im von der Hamas kontrollierten Territorium: „Grundsätzlich ist sicherzustellen, dass Krankenhäuser, egal wen sie behandeln, weiterhin funktionieren. Und wenn sie nur mit Generatoren funktionieren, dann besteht nicht nur eine Verpflichtung, sie nicht anzugreifen, sondern auch ihre Funktionsfähigkeit zu gewährleisten. Das würde zum Beispiel Treibstofflieferungen einschließen.“

Rubriklistenbild: © AFP PHOTO / - / SATELLITE IMAGE 2023 MAXAR TECHNOLOGIES

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