VonChristoph Gschoßmannschließen
Israel wurde von den Hamas-Angriffen überrumpelt. Der Militär- und Geheimdienstexperte Yossi Melman analysiert das Sicherheits-Debakel.
Tel Aviv – Die Welt blickt geschockt und entsetzt nach Israel, wo die Terror-Miliz Hamas einen groß angelegten Angriff gestartet hat. Die Geheimdienste des Landes wurden offenbar völlig überrumpelt. Für Yossi Melman bedeutet dies den „schlimmsten Tag in unserer Geschichte“. Melman ist Schriftsteller und Journalist und gilt als Experte für Militär- und Geheimdienstfragen. „Der gesamte Staatsapparat ist gescheitert“, bilanziert er in einem Interview mit der italienischen Zeitung La Repubblica.
„Wir sind Zeugen von Kriegsverbrechen und fühlen uns nicht geschützt“
Die islamistische Hamas hatte am Samstag vom Gazastreifen aus überraschend Großangriffe gegen Israel begonnen. Auch aus dem Libanon wurde das Land beschossen. Israel antwortete seinerseits mit massiven Luftschlägen. Bislang kamen auf beiden Seiten Hunderte von Menschen ums Leben. „Während wir sprechen, wird immer noch geschossen, es sind immer noch Menschen in ihren Häusern verbarrikadiert. Wir verstehen nicht, wie das möglich ist“, äußerte Melman. Nicht nur die Zahl der Toten, sondern auch die Brutalität gegenüber Geiseln, sogar gegenüber Zivilisten und älteren Frauen sei erschreckend. „Wir sind Zeugen von Kriegsverbrechen und fühlen uns nicht geschützt.“
Israels Gesellschaft habe einen Offenbarungseid geleistet, so der 73-jährige Melman: Neben dem Geheimdienst, der die Attacke nicht vorhersehen konnte, dem Militär, das nicht effektiv reagiert habe, seien auch zivile Strukturen wie Krankenhäuser völlig durcheinander geraten. Melman: „Nichts hat funktioniert, die Terroristen sind kilometerweit ungestört vorgedrungen. Die gesamte militärische und zivile Befehlskette hat nicht so gehandelt, wie sie hätte tun sollen.“ Und weiter: „Die Regierung hat versagt.“
Hamas-Angriff auf Israel: Parallelen mit Jom-Kippur-Krieg von 1973
Dass der Angriff aber mit dem 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges zusammmenhängt, glaubt Melman nicht. „Die Hamas wollte an einem Feiertag wie heute nur agieren, um unbewachte Beute vor sich zu haben.“ Aus strategischer Sicht aber gebe es Ähnlichkeiten mit 1973: „Damals bereiteten sich die Araber mit vorgetäuschten Militärübungen auf den Angriff vor, jetzt führt die Hamas tagelang falsche Manöver durch, um Waffen anzuhäufen.“
Wie 1973 dachte der jüdische Staat, dass die arabische Seite zu schwach sei, um anzugreifen. Damals hatten sich Syrien und Ägypten beim Angriff auf den Sinai und die Golanhöhlen zusammengetan. „Wir waren jetzt gleichermaßen davon überzeugt, dass die Hamas nicht in der Lage war, gegen uns Krieg zu führen. Wir dachten, sie sei nur an Hilfe aus Katar und der Türkei interessiert. Es ist unsere Hybris, die uns wieder einmal blind macht“, so Melman. Dabei hätte die Israel schützende Barriere als „undurchdringlich gegolten“, sei aber mit Leichtigkeit zerfallen.
Angriff könnte zu Krieg werden - bisher „Mafia-Signal“
Laut Melman könne der Angriff zu etwas Größerem werden - einem Krieg in der Region. „Ich schließe es überhaupt nicht aus“, sagt er. Der Angriff sei bisher aber ein „Mafia-Signal“. Der Iran warne Saudi-Arabien, nicht mit Israel zu sprechen und zeige der Welt, dass Israel schwach sei. Der Angriff der Hamas sei in klarer Abstimmung mit Teheran erfolgt. „Es könnte ein Test sein“, mutmaßt Melman: „Sie untersuchen Israels Reaktion auf einen Krieg.“
Melman macht Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sowie die soziale Krise und den wirtschaftlichen Niedergang des Landes mit für die Schwäche Israels verantwortlich. Doch er sagt auch: „Israel wird das überwinden.“ Es werde aber Menschen geben, die für den Angriff bezahlen müssten. „Die heutigen Ereignisse ziehen eine Grenze, die nicht ignoriert werden kann.“ Auch aus Deutschland gab es harte Kritik am Hamas-Angriff, beispielsweise von Außenministerin Annalena Baerbock. (cgsc)
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