Experten-Stimme aus Ramallah

Hamas-Angriff „in Brutalität einzigartig“ - Sorge nun vor „direktem Einsteigen“ des Iran

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Wie explosiv ist die Lage rund um Israel im Nahen Osten? Experte Steven Höfner gibt aus Ramallah keine Entwarnung.

München/Ramallah – Steven Höfner ist Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung im Westjordanland, das neben dem Gazastreifen Teil des Staates Palästina ist. Wir haben ihn in Ramallah erreicht. Höfner hält die Lage für höchst explosiv – und schließt nicht aus, dass der Iran in den Krieg einsteigt.

Münchner Merkur: Herr Höfner, wie ist die Situation in Ramallah?

Steven Höfner: Es liegt Anspannung in der Luft. Gestern gab es einen Generalstreik, die meisten Geschäfte sind zu, die Menschen bleiben zu Hause. Alle blicken Richtung Gaza. Es gab vereinzelt Angriffe auf Militär-Checkpoints und in den letzten zwei Tagen ein Dutzend Tote Palästinenser im Westjordanland. Viele sind sich sicher, dass sich in den nächsten Tagen die Situation auch hier verschärft.

Ist ein Aufstand denkbar?

Die Hamas hat bereits am Samstag ihre Anhänger im Westjordanland aufgerufen, zu den Waffen zu greifen. Wir wissen, dass es hier viele bewaffnete militante Gruppen gibt, die auch kampfbereit sind. Das Risiko ist hoch.

Dieser Angriff ist in seiner Brutalität so einzigartig, dass man keine Vergleiche mehr ziehen kann.

Steven Höfner von der Konrad-Adenauer-Stiftung sieht nach dem Überfall der Hamas auf Israel eine völlig neue Lage.

Gaza droht humanitäre Katastrophe - „Hamas ist dieses Risiko bewusst eingegangen“

Israel hat die komplette Abriegelung des Gazastreifens angeordnet. Keine Energie, keine Lebensmittel. Was bedeutet das?

Der Gazastreifen wird überwiegend von außen versorgt. Man sagt, dass der Vorrat an Treibstoff und Lebensmitteln nach etwa zehn Tagen aufgebraucht sein wird. Danach droht eine humanitäre Katastrophe. In der Vergangenheit gab es häufig nach sieben Tagen Entspannungszeichen, um zumindest humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Aber dieser Angriff ist in seiner Brutalität so einzigartig, dass man keine Vergleiche mehr ziehen kann. Für die Menschen in Gaza gibt es keine Fluchtmöglichkeiten. Sie sind in Gefahr – und die Hamas ist dieses Risiko ganz bewusst eingegangen.

Israel hat eine komplette Zerschlagung der Hamas angekündigt.

Israel wird nicht mehr akzeptieren, dass die Hamas im Gazastreifen die Kontrolle hat. Die Ereignisse sind eine Zäsur in dem Konflikt. Die Szenarien reichen von einer kompletten Besetzung des Gazastreifens mit Bodentruppen über eine völlige Zerstörung der Hamas-Strukturen bis hin zu einer neuen Formierung der Gebiete inklusive des Westjordanlandes. Die Hamas-Strukturen sind aber nicht so einfach zu zerstören. Es gibt sehr viele Zellen, auch im Westjordanland. Und sie ist international vernetzt.

Der iranische Präsident Ebrahim Raisi unterstützt den Angriff der Hamas auf Israel. In Teheran gingen Menschen mit palästinensischen Flaggen auf die Straße.

Auch mit dem Iran ...

Der Iran hat die Hamas mit Waffen, Technik und Finanzmitteln ausgestattet. Dieser Angriff kann niemals nur im Gazastreifen geprobt worden sein. Die Hamas hat sich mit dem Iran abgestimmt und mit der Hisbollah im Libanon. Der Iran steht hinter der Hamas und ist der entscheidende Faktor. Die große Frage ist, ob er direkt in die Konfrontation einsteigt.

Iran steht hinter der Hamas: „Die Frage ist, ob er direkt in die Konfrontation einsteigt“

Es kann sein, dass der Iran Israel den Krieg erklärt?

Ich würde das in dieser dynamischen Situation nicht ausschließen. Zunächst muss man auf die Hisbollah schauen, weil sie näher dran ist. Was die militärischen Fähigkeiten des Iran betrifft und angesichts der globalen Lage mit Ukraine-Krieg, gibt es aber durchaus Befürchtungen, dass der Iran, der innenpolitisch enorm unter Druck steht, dieses Momentum nutzen könnte für die Erreichung seiner Machtinteressen.

Das stellt auch die USA vor neue Herausforderungen.

Die USA haben sehr deutlich klargemacht, dass sie Israel unterstützen werden. Das wiederum trägt weiter zu einer globalen Blockbildung bei: auf der einen Seite Israel, die USA und sicherlich auch die Nato und die EU – auf der anderen Seite die Palästinenser, die auf den Iran schauen, auf Russland und auch auf die Haltung Chinas.

Das klingt nach einem langfristigen Konflikt ...

Ich bin angesichts der Vorgeschichte des Konflikts und der Tatsache, dass sich gerade sehr viel Bahn bricht, pessimistisch, dass sich das in einigen Tagen beruhigen wird.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Krieg in Israel wirft viele Fragen auch an Netanjahu auf - Versprechen der Hamas mit Vorsicht zu genießen

Ist auch mit Anschlägen bei uns zu rechnen?

Das ist sehr spekulativ. Die Hamas hat immer betont, keine Anschläge außerhalb Israels und Palästinas auszuführen. Sie hat aber auch immer betont, dass sie nie ausländische Bürger angreifen würde. Unter den Opfern sind aber auch viele Internationale. Deswegen würde ich auf die Versprechen der Hamas nicht so viel geben.

Die Hamas hat Israel regelrecht überrumpelt. Was bedeutet das für Ministerpräsident Netanjahu?

Die Aufarbeitung in der israelischen Politik wird sehr viel Zeit brauchen. Sobald die Eskalation im Griff ist, wird es viele Fragen geben an Netanjahu – aber auch an den Geheimdienst, der den Angriff nicht hat kommen sehen. Die Frage wird sein, ob sich die aktuelle Regierung im Amt halten kann. Ich bezweifle das.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

Transparenzhinweis: Dieses Interview wurde zuerst in der Print-Ausgabe des Münchner Merkur vom 10. Oktober veröffentlicht.

Rubriklistenbild: © Fotomontage/ZUMA Press Wire/Iranian Presidency Office/Pacific Press Agency/IMAGO

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