Nahost

Nach Irans Angriff auf Israel: Netanjahu kündigt Vergeltung an

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Am Straßenrand in Tel Aviv gehen Menschen vor Raketen aus dem Iran in Deckung.
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Menschen suchen in Israel Schutz in Bunkern vor den iranischen Raketen. Regierungschef Netanjahu spricht von einem „großen Fehler“ des Iran. Seine Armee attackiert weiterhin die Hisbollah im Südlibanon.

Nachdem Israels Streitkräfte am Dienstag mit Operationen zu Boden im Süden des Libanon begonnen hatten, startete der Iran am Abend den befürchteten Raketenangriff auf Israel. Die Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht, feuerten nach eigenen Angaben Dutzende Raketen ab, darunter auch erstmals Hyperschallraketen. Israels Armee sprach von rund 180 Raketen, die meisten davon seien abgefangen worden.  Nach dem iranischen Raketenangriff auf sein Land hat Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu Vergeltung angekündigt. „Der Iran hat heute Abend einen großen Fehler gemacht – und er wird dafür bezahlen“, sagte Netanjahu nach Angaben seines Büros. Wann ein Vergeltungsschlag auf den Iran erfolgen könnte, blieb zunächst offen.

In Israel heulten am Dienstaglandesweit die Sirenen, Millionen Menschen suchten Zuflucht in Bunkern und Schutzräumen. Im Zentrum und anderen Orten Israels sowie im Westjordanland waren laut Armee einige Geschosse eingeschlagen. In Jericho im Westjordanland kam ein 38-jähriger Palästinenser durch Raketensplitter ums Leben. In der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv wurden zwei Menschen durch Raketensplitter leicht verletzt, wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte. Noch am Abend durften die Menschen überall in Israel die Schutzräume wieder verlassen.

Jordaniens Streitkräfte sollen bei der Abwehr der iranischen Raketen geholfen haben. Das Innenministerium erklärte, „mehrere Fragmente von Objekten“ seien infolgedessen in der Umgebung der Hauptstadt sowie in Karak niedergegangen. Zwei Menschen seien leicht verletzt worden. Israel drohte dem Iran mit einem Gegenschlag. „Dieser Angriff wird Konsequenzen haben“, warnte Armeesprecher Daniel Hagari. Dafür gebe es Pläne. Die US-Regierung hat den Angriff als „vereitelt und unwirksam“ bezeichnet und mit Konsequenzen gedroht. „Uns ist nichts über Schäden an Flugzeugen oder strategischen militärischen Einrichtungen in Israel bekannt“, sagte US-Sicherheitsberater Jake Sullivan in Washington. Man habe bereits deutlich gemacht, dass dieser Angriff Konsequenzen haben werde und daran arbeite man nun mit Israel. 

UN-Generalsekretär António Guterres appellierte an die Konfliktparteien in Nahost: „Ich verurteile die Ausweitung des Nahostkonflikts, der immer weiter eskaliert. Das muss aufhören. Wir brauchen unbedingt einen Waffenstillstand“, so Guterres auf der Plattform X. Ebenfalls dort äußerte sich auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne): „Den laufenden Angriff verurteile ich auf das Allerschärfste. Wir haben Iran vor dieser gefährlichen Eskalation eindringlich gewarnt.“ 

Ein israelischer Panzer manövriert in einen Bereitstellungsraum nahe der Grenze zum Libanon.

Die Bodenoffensive der israelischen Streitkräfte im Süden Libanons war bereits kurz vor zwei Uhr morgens gestartet. Laut der Armee handelt es sich um „begrenzte, gezielte und lokale“ Vorstöße entlang Israels nördlicher Grenze: Anders als in Gaza, wo Bodentruppen in kriegsmäßigen Bataillonsstärken einmarschierten, sind es jetzt kleinere Elite- und Fallschirmjägereinheiten, laut „New York Times“ in Divisionsgröße die in der unmittelbaren Grenznähe gegen dortige Stellungen der Hisbollah vorgehen. Der Umfang der Invasion des Gazastreifens betrug seinerzeit zwei Divisionen, also um die 20 000 Militärs. Zugleich findet schwerer Artilleriebeschuss statt, und Kampfjets wie Drohnen führen weiter Angriffe aus der Luft durch – nicht nur im Süden, sondern auch in der Hauptstadt Beirut.

Wie lange das dauern, die Hisbollah aus dem Süden Libanons zu vertreiben, ist offen. Israels Armee bemüht sich zu betonen, dass es sich um eine begrenzte Operation handelt – wohl auch im Hinblick auf die USA, die stets darauf gedrängt hatten, eine Eskalation im Libanon zu vermeiden. Die Truppen seien lediglich „in Gehweite“ zur Grenze mit Israel unterwegs, sagt ein hochrangiger Offizier. Von einem tieferen Vordringen oder sogar bis nach Beirut könne keine Rede sein. Auch zeitlich will man sich beschränken – die Vorstöße will man diesmal möglichst schon nach wenigen Tagen zurücknehmen.

Der heftige Raketenbeschuss der Hisbollah auf Israel setzte sich auch am Dienstag fort. Diesmal war nicht nur der Norden betroffen, sondern auch Zentralisrael und Tel Aviv, und anders als zuvor handelte es sich nicht um eine einzige Rakete, sondern eine ganze Raketensalve. Millionen Menschen im Ballungsraum Tel Aviv mussten die Luftschutzräume aufsuchen. Zwei Menschen wurden durch Splitter verletzt.

Der Krieg birgt viele Risiken, aber nicht nur: Im besten Fall für die geschröpfte Zivilmacht in Beirut gelingt es, den Einfluss der Hisbollah im Libanon zurückzudrängen und der libanesischen (Interims-)Regierung und Armee die Macht im Staat zurückzugeben. Die Tötung Nasrallahs war dafür ein wichtiger Schritt, die Schwächung der Hisbollah-Spitze wird dafür aber nicht ausreichen, meinen Fachleute. Es brauche dafür die intensive Kooperation mit den sunnitischen arabischen Staaten im Nahen Osten, um im Libanon die demokratischen Kräfte zu stärken. Diese Staaten werden dabei aber die Zukunft Gazas – oder auch allgemein der Palästinenser – nicht ausblenden wollen.

Zudem hat der jüngste Libanonkrieg im Jahr 2006 gezeigt, dass die Lage leicht außer Kontrolle geraten kann. Die Hügel im Süden des Libanon sind durchsetzt von Tunneln, von denen aus die Guerillakämpfer der Hisbollah damals immer wieder hinterrücks auf israelische Panzer feuern konnten. Israel hat diesmal versucht, durch intensive Luftangriffe diese Risiken zu minimieren. Schon am Dienstagmorgen teilte die Hisbollah jedoch mit, man habe israelische Einheiten im Süden des Libanon attackiert. Ein hochrangiger Offizier der israelischen Armee hielt das auf Anfrage für möglich, wollte es aber nicht bestätigen. Zugleich muss Israel immer mit Angriffen aus dem Iran und seinen Verbündeten im Irak und im Jemen rechnen. Laut israelischen Medienberichten sind die Vorbereitungen für eine neue Attacke aus dem Iran im Gange. Angriffe der iranischen Verbündeten betreffen nicht nur Israel, sondern auch US-Stellungen in Nahost. So wurde eine US-Einrichtung am Internationalen Flughafen Bagdad vergangene Nacht zum Schauplatz eines Raketenangriffs, verletzt wurde dabei laut US-Angaben niemand.

In Israel gibt es indes laute Stimmen, die jetzt den optimalen Zeitpunkt für einen präventiven Schlag auf die Nuklearinfrastruktur des Iran sehen: Da dessen Stellvertreter-Milizen in der unmittelbaren Nachbarschaft – also Hamas und Hisbollah – derzeit stark geschwächt sind, seien die Gefahren für Israel im Falle iranischer Vergeltungsaktionen nun viel weniger groß, als sie es in den vergangenen beiden Jahrzehnten waren, mit dpa

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