VonMaria Sterklschließen
Nach den massiven iranischen Raketenattacken scheint eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten nun fast unausweichlich.
Der Iran hat an diesem Abend einen schweren Fehler gemacht, und er wird einen hohen Preis dafür bezahlen.“ Also sprach Israels Premier Benjamin Netanjahu Dienstagabend vor der Sitzung des Sicherheitskabinetts, das ausnahmsweise nicht in Tel Aviv zusammentrat, sondern in einem unterirdischen Bunker in Jerusalem – zum Schutz vor den Hyperschallraketen made in Iran.
Seither sind drei Tage vergangen, und die Welt rätselt, welchen Preis Teheran wohl zu erwarten hat. Bezahlen werden ihn allerdings alle – wenn etwa ein massiver Angriff auf die iranische Öl- und Gasproduktion eine Schockwelle an den globalen Kapitalmärkten auslöst.
Ein Schlag gegen die iranische Wirtschaft, und hier eben die Ölwirtschaft, ist eine der Optionen, die das Sicherheitskabinett erwägt. Einen Schlag gegen das Atomprogramm lehnt die US-Regierung ab.
Eines steht fest: Mit einer so milden Reaktion wie nach dem iranischen Angriff im April wird es nicht getan sein. Damals griff Israel ein Flugfeld nahe Isfahan an. Quer über alle politischen Grenzen hinweg – von den arabischen Parteien einmal abgesehen – sind sich in Israels Polit-Establishment alle einig, dass die Antwort auf die iranischen Raketen heftig sein muss.
Zugleich verschärft sich die Lage auch im Libanon: Israel hat weitere Bataillone für Bodenoperationen mobilisiert und greift in hoher Frequenz weiter aus der Luft an – auch im Zentrum Beiruts. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium ist die Zahl der Toten nach wenigen Tagen bereits auf 1974 angestiegen. Indes feuern Hisbollah-Einheiten aus ihren Stellungen ungebremst auf Israels Norden, allein bis Donnerstagmittag waren es rund 100 Raketen.
Teheran hat bereits angekündigt, dass die Reaktion auf einen möglichen israelischen Gegenschlag „härter“ ausfallen wird als am Dienstag. Die Spirale der Gewalt dreht sich also weiter – und niemand weiß, wie man sie stoppen kann.
Der Westen beratschlagt
Erschwerend kommt hinzu, dass die Diskrepanz zwischen dem, was das Ausland von Israel verlangt, und dem, was Israels Bevölkerung von ihrer Regierung erwartet, kaum größer sein kann. US-Außenminister Antony Blinken beriet sich am Donnerstag mit seinen Amtskolleg:innen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannienr, wie man die Ausweitung des Konflikts zu einem regionalen Krieg noch stoppen und eine politische Lösung herbeiführen könnte.
In Israel hingegen hat die Eskalation der vergangenen zwei Wochen der Armee, aber auch der Regierung einen wahren Popularitätsschub beschert. Vor den Funkangriffen im Libanon und der gezielten Tötung eines großen Teils der Hisbollah-Führung hatten nur 46 Prozent hohes Vertrauen in Armeechef Herzi Halevi, jetzt sind es 63 Prozent. Verteidigungsminister Joav Gallant verbesserte sich von 35 Prozent auf 57 Prozent.
Mindestens ebenso wichtig wie die Frage, wo Israel angreifen wird, ist der Faktor des Zeitpunkts. Israels Defensivkräfte müssen für eine mögliche Antwort des Iran gerüstet sein und das braucht seine Zeit – und vor allem Koordination mit den Verbündeten. Zugleich darf nicht zu viel Zeit zwischen der Attacke mit 180 ballistischen Raketen und der israelischen Reaktion darauf verstreichen: Je länger das dauert, desto weniger wird so eine Aktion in der Welt als legitime Gegenwehr akzeptiert werden.
Indes herrschte in Israel nun Rätselraten, inwieweit es Teheran geglückt ist, israelische Luftwaffenbasen zu treffen. Die Armee gestand ein, dass es auf mehreren Basen Einschläge gab, dabei seien aber kein Personal, Fluggeräte oder sonstiges kampfwichtiges Material zu Schaden gekommen. Die Luftwaffe sei in jedem Fall voll einsatzfähig und werde „auch weiterhin auf machtvolle Weise im Nahen Osten angreifen“, versicherte Armeesprecher Daniel Hagari.
Ziele in Syrien und Jemen
Das ist wohl ein Signal an die Verbündeten des Iran außerhalb des Libanon – vor allem Syrien und Jemen –, dass sie jederzeit mit Luftschlägen rechnen müssen. In Syrien griff Israel schon in den vergangenen Tagen intensiv ein, mehrmals in Damaskus, zuletzt aber auch in Latakia, wobei dortige russische Anlagen beschädigt worden sein sollen. Auf die Frage, ob auch eine Bodeninvasion auf syrischem Gebiet angedacht wird, gab Armeesprecher Hagari erwartungsgemäß keine Antwort, ausschließen wollte er das aber auch nicht.
„Wir werden auch weiter jeden verfolgen, der die Bürger des Staates Israel bedroht“, warnte Hagari. Wobei es eben kein israelischer Bürger war, der bei der iranischen Attacke um Leben kam, sondern ein Palästinenser aus Gaza, der nahe Jericho im Westjordanland von einem Raketensplitter erschlagen wurde.
Wieder einmal zeigte sich am Dienstag aber, dass die verletzlichste Stelle Israels nicht der Luftraum ist, sondern die Straße: Sieben Menschen kamen bei dem schwersten Terrorangriff seit langer Zeit im Süden Tel Avivs ums Leben. Gegen schießende Terroristen schützt keine Raketenabwehr und letztlich auch kein Grenzwall. Ob Anschlag und Raketenangriff zeitlich koordiniert waren, ist unklar, es liegt aber nahe.
Inzwischen wurde auch ein erster Toter aus dem Libanon gemeldet: ein 22 Jahre alter Hauptmann der Bodentruppen.

