Kolumne

Israels Krieg gegen die Hamas: Gordischer Knoten Nahost-Konflikt

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Der Krieg in Gaza sorgt für katastrophale Lebensverhältnisse - wie hier in Beit Lahia im Norden des Streifens.
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Viele Hürden verhindern ein Ende des Krieges zwischen Israel und der Hamas.

Zuletzt war wenigstens etwas öffentliche Unruhe spürbar – wegen der beginnenden Debatte um Waffenlieferungen an Israel. Für viele aber ist es eher ein Nicht-mehr-Thema geworden: Was soll man noch denken und sagen zu dieser schier unauflösbaren Katastrophe im Nahen Osten, die sofort polarisiert, wenn auch nur ein erstes Stichwort fällt? Die Mehrheitsgesellschaft erträgt die brutalen Tagesnachrichten inzwischen mit stoischer Ratlosigkeit.

Für Menschen, die lebensgeschichtlich direkter betroffen sind, ist Verdrängen weniger einfach. Eine überraschende Beobachtung dabei: Dass ihnen niemand wirklich zuhört, dass ihre Geschichten niemanden interessieren, beklagen jüdische Gemeinden, aber in fast denselben Worten auch Menschen mit palästinensischem Hintergrund. Doch nicht einmal mehr diese banale Beobachtung ist problemlos auszusprechen. Sofort folgt der Gedanke: Gibt es sogar im Allein-gelassen-Sein noch zweierlei unvereinbare Sichtweisen?

Auch so ist der ferne Konflikt in der deutschen Gesellschaft angekommen. Es gibt die einfachen Antworten, mit moralischer Klarheit dann – und Einseitigkeit. Andere erzählen von einer totalen inneren Verunsicherung darüber, welche Realität man überhaupt noch die wahre nennen kann. Opfer- und Täterperspektiven vermischen sich, kontroverse Gespräche werden immer schwerer auszuhalten. Zwischen Menschen mit jüdischem Hintergrund und Menschen mit palästinensischen Wurzeln ist Sprachlosigkeit ausgebrochen.

Die einen denken, diese Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit seien moralisch schon wieder gleichgültig. Die anderen sehen schlicht keine Chance, angesichts des eskalierenden Gaza-Krieges neue Brücken zu bauen. Währenddessen passiert etwas, das rückblickend vielleicht einmal als Zäsur bewertet werden wird: ein Anwachsen des Gefühls, in diesem Land im Zentrum Europas vielleicht doch keine echte Heimat finden zu können.

Junge Menschen wachsen auf mit der Erfahrung, besser still zu sein, nicht offen aufzutreten angesichts ihrer eigenen religiösen und/oder kulturellen Prägungen. Da verschärft das Thema Nahost ein Problem zusätzlich, das sich ansonsten leichter wegschieben lässt. Nennen wir es das Empathieproblem: Wer redet eigentlich überhaupt noch mit wem, über das eigene engere Umfeld hinaus? Wer lässt andere Meinungen noch im Raum stehen?

Aus der Antisemitismusarbeit kommt die These, dass Menschen generationenübergreifend so etwas wie Gefühlserbschaften mit sich herumtragen. Sich dann aus Angst oder auch nur Scheu lieber zurückzuziehen – oder mit kämpferischer Einseitigkeit antworten. Solcherart Gefühlserbschaften werden seit dem Hamas-Überfall auf Israel und dem Gazakrieg aufgefrischt oder neu begründet.

Darüber offen zu reden, scheint nicht mehr erfolgversprechend, weil die harsche Gegenreaktion folgt. Wo sind da die Allianzen der Vernünftigen, der jüdischen wie der palästinensischstämmigen? Gerade weil die aktuelle Erfahrung so abgrundtief reicht, braucht es solche Haltepunkte wider die Traumata der Gegenwart.

Die Brutalität des Denkens in Nahost existiert. Damit sie überhaupt vorbei sein kann, fehlen bessere Erfahrungen im Umgang miteinander, auch in Europa. Positive Erfahrungen, die für die deutsche Gesellschaft wegen ihrer eigenen Traumata so wichtig wären.

Richard Meng ist Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Gesellschaft/ Frankfurter Hefte“ und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Richard Meng ist Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Gesellschaft/ Frankfurter Hefte“ und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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