VonMaria Sterklschließen
Die Angehörigen deutscher Geiseln fordern Berlin zum Handeln auf. Eine europaweite Initiative ruft zum Protest und zur Hilfe auf.
Nach und nach werden Fälle von Deutschen bekannt, die seit Beginn des Überfalls der Hamas Samstagmorgen in Israel vermisst werden. Allein vier vermisste Deutsche gehören der Familie von Shaked Haran an, einer 33-jährigen Israeli aus Beersheba. Haran erwartet nun, dass sich Deutschland für die Rückführung der Geiseln einsetzt. „Ich hoffe wirklich, dass Druck von Außen etwas bewirken kann. Wenn nicht für alle, dann wenigstens für kleine Kinder und Frauen.“
Shakeds Großvater kam aus Stuttgart, seine Familie fand dann auf der Flucht vor den Nazis im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina Zuflucht, Shakeds Mutter Shoshan nahm neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. Auch Shaked, ihre Schwester Adi und deren beiden Kinder sind Deutsche.
Seit dem Hamas-Guerilleros in den Kibbutz Beeri kamen, in dem Shakeds Eltern leben, fehlt von Shoshan, Adi, dem achtjährigen Nave und der dreijährigen Yael jede Spur. Nicht nur Shakeds Mutter, auch ihr Vater, zwei Tanten und ein Onkel zählen zu den Vermissten, sie sind nur keine deutschen Staatsangehörige.
Die letzte Nachricht der Vermissten kam am Samstag um 11.30 Uhr, eine Textnachricht an Shakeds Bruder. „Sie schrieben, dass sie in Probleme geraten sind und dass sie ihn lieben“, sagt Shaked. Seitdem ist Funkstille. Stunde um Stunde Warten folgte. „Wir hofften, sie würden sich verstecken und darauf warten, evakuiert zu werden. Wir warteten auf eine Nachricht nach der Evakuierung.“ Es kam nichts.
Shaked muss davon ausgehen, dass ihre Familie nach Gaza verschleppt wurde. Ein Freund der Familie blieb hartnäckig, rief mehr als hundert Mal das Handy von Shakeds Vater an. „Irgendwann antwortete jemand auf Arabisch“, erzählt Shaked. Der Mann benutzte auch ein hebräisches Wort: Jenes für „Geisel“. Und jenes für „Gaza“. Dann nannte der Mann den Namen Gilad Shalit: Jener Israeli, der 2006 im Alter von 19 Jahren nach Gaza verschleppt und dort fünf Jahre lang festgehalten wurde. Erst 2011 wurde Shalit befreit – im Austausch gegen mehr als 1000 palästinensische Gefangene.
Geiseln als Schutzschilder
Für die Hamas sind die Geiseln ein wichtiges Druckmittel, gegen Israel. Einerseits verkündete die Terrororganisation, die Gefangenen als menschliche Schutzschilder einzusetzen, um die israelischen Streitkräfte zu zwingen, vom Beschuss bestimmter Ziele abzulassen. Zudem hat die Hamas auch schon angekündigt, welchen Preis sie für die Freilassung der Gefangenen verlangt: Den Austausch gegen sämtliche palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen.
Tote Deutsche
Unter den Toten des Überfalls der Hamas ist Medienberichten zufolge auch eine deutsche Touristin. Die 22-Jährige sei im Kibbuz Nir Os nahe der Grenze zum Gazastreifen getötet worden, melden mehrere Medien.
Die Studentin aus Berlin war nach Angaben der Tageszeitung „Welt“mit ihrem britischen Freund im Urlaub. Das Paar besuchte demnach am Samstag Nir Os, wo der Brite aufgewachsen war. Am gleichen Tag habe die Studentin eigentlich wieder nach Deutschland zurückfliegen wollen.
Die 22-Jährige soll während des Angriffs noch eine Nachricht an ihre Mutter in Bremen geschickt haben. Sie schrieb, dass sie und ihr Freund in einen Bunker fliehen müssten und sie ihren Rückflug verpassen würden. Später habe die Mutter die Nachricht erhalten, dass die Leiche ihrer Tochter und ihres Freundes gefunden worden seien.
Eine offizielle Bestätigung für den Tod der Deutschen gibt es bislang nicht. Das Auswärtige Amt weiß um die Berichte: „Wir stehen in engem Kontakt mit den israelischen Behörden.“ afp
Mindestens 1500 Terroristen aus Gaza hatten Samstagmorgen den Grenzzaun nach Israel überwunden. Sie drangen in Dörfer und Städte ein, folterten und massakrierten israelische Zivilpersonen. Zwischen 100 und 150 Menschen sollen dabei nach Gaza verschleppt worden sein, wo sie nun als Geiseln gehalten werden. Wie viele von ihnen schon nicht mehr am Leben sind, ist unbekannt. Gaza unterliegt heftigem Beschuss. Auch zur Frage, wie viele Deutsche unter den Verschleppten sind, gibt es noch keine verlässlichen Angaben.
Nun wenden sich auch in Deutschland lebende Israelis an die Politik und fordern Unterstützung bei der Befreiung der Geiseln. Uri Rimon, der seit zehn Jahren in Deutschland ist und mit seiner Familie in Köln lebt, verlangt von Europas Regierungen, „alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um die Entführten zurückzubringen“. Deutschland solle dabei eine zentrale Rolle spielen. „Ich bin mir sicher, dass Deutschland mit seinen Schlichtungskompetenzen stark unterstützen kann“, sagt Rimon. Er mobilisiert mit anderen Auslandsisraelis und jüdischen Organisationen in verschiedenen europäischen Ländern für eine Großkundgebung vorm Europäischen Parlament am Mittwochnachmittag.
Rimon sieht Europa und im Besonderen Deutschland auch wegen seiner Rolle als Hilfeleister für die Palästinensergebiete in der Pflicht. „Deutschland schickt so viel Geld nach Palästina“, sagt er. „Es dürfen keine Hilfen mehr nach Gaza fließen.“ Rimons Organisation DID – „Defend Israeli Democracy“ – hat sich vor wenigen Monaten aus Anlass der umstrittenen Pläne zum Umbau der Justiz in Israel gegründet. Nun dient das regierungskritische Netzwerk humanitären Zwecken. Gemeinsam habe man in Europa binnen weniger Tage bereits „mehrere Millionen Euro“ an Spenden gesammelt, um den israelischen Opfern zu helfen.
Vom Protest zum Kampf
Auch in Israel beteiligen sich mehrere Protestplattformen, die in den vergangenen Monaten zu Massendemonstrationen mobilisiert hatten, an der Bewältigung der Krise. Die „Brothers and Sisters in Arms“, die im Protest gegen den Justizcoup dazu aufrief, den Reservistendienst zu verweigern, stand in den vergangenen Tagen an vorderster Front, um im Raketenhagel mitzuhelfen, Bewohner:innen der überfallenen Kibbutzim zu befreien.
Israels Regierung hat inzwischen eine nationale Anlaufstelle für Vermisste eingerichtet. Angehörige sollen sich mit Ausweisen, Fotos und DNA-Proben an die Stelle wenden, um die Identifizierung von Verschleppten und Getöteten zu ermöglichen.
Auf die militärische Planung Israels im Gazastreifen hat die Tatsache, dass sich dort auch viele Israelis befinden, zumindest offiziellen Angaben zufolge keinen Einfluss. Das bestätigte auch Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen, Gilad Erdan, Montagabend, gegenüber dem TV-Sender CNN: „Unser zentrales Bekenntnis ist es, die Terrorinfrastruktur der Hamas zu vernichten.“
