Russland setzt im Ukraine-Krieg offenbar mehr denn je auf seine quantitative Überlegenheit. Das geht längst nicht immer auf. Bald muss wohl Altgerät herhalten.
Donezk – Das Ziel von Wladimir Putin im Ukraine-Krieg ist überdeutlich: Der Kreml-Chef will mit dem Sieg in seinem Angriffskrieg seinen Einflussbereich Richtung Westen ausdehnen. Dabei scheint ihm so ziemlich jedes Mittel recht. Das Vorgehen seiner Truppen auf dem Schlachtfeld wirft bei Beobachtern aber immer wieder Fragen auf.
Russland verzeichnet immense Verluste im Ukraine-Krieg: Verwunderung über Panzer-Einsätze „für geringe taktische Ziele“
„Die Bereitschaft des russischen Militärkommandos, eine große Anzahl gepanzerter Fahrzeuge für geringe taktische Ziele einzusetzen, spiegelt die schlechte längerfristige operative Weitsicht wider“, schreibt das ISW und hält fest: „Mittel- bis langfristige Beschränkungen der russischen Ausrüstung werden solche fehlgeschlagenen Angriffe mit der Zeit kostspieliger machen.“
Als Beispiel wird einer der größten russischen Angriffe seit Oktober 2023 im Westen der Oblast Donezk herangezogen. Dazu teilte die 79. Luftangriffsbrigade mit, der Aggressor habe elf Panzer, 45 gepanzerte Kampffahrzeuge, einen „Terminator“-Panzer und zwölf Motorräder sowie 200 Soldaten eingesetzt, um im Morgengrauen aus verschiedenen Richtungen zu attackieren.
Dank Minen, Drohnen und Fallschirmjägern seien sechs Panzer, sieben Kampffahrzeuge und alle Motorräder ausgeschaltet worden. 40 russische Soldaten wurden getötet, 37 weitere verwundet. Der Angriff verpuffte demnach, kostete Russland also Menschenleben und Material.
Video: Ukrainischer Präsidentenberater warnt vor Pakt mit Russland
Putin und die Uralt-Panzer: Russland schickt wohl weitere Kampffahrzeuge aus Sowjetzeiten in Ukraine
Das ISW betonte weiter, Moskau habe für seinen Krieg bislang in großem Umfang Bestände von Waffen und militärischer Ausrüstung – insbesondere gepanzerte Fahrzeuge – aus der Sowjetzeit genutzt. Doch diese Vorräte seien bald aufgebraucht. Sollten die Angriffe im gleichen Tempo fortgesetzt werden, müssten sowohl die Wirtschaft als auch die Verteidigungsindustrie mobilisiert werden, heißt es weiter.
Dabei verweist der Thinktank auch auf die in der Ukraine ansässige Open-Source-Organisation Frontelligence Insight, die im Juni und frühen Juli Bewegungen von hunderten Fahrzeugen aus verschiedenen Regionen Russlands in Richtung Ukraine aufgedeckt haben will. Dabei handele es sich vor allem um ältere Modelle, genannt werden Panzer der Gattung T-62, T-55 und BMP-1, außerdem Schützenpanzer BTR-70 und BTR-80 sowie wenige Truppentransporter MTLB.
Diese stammen alle aus der Zeit der Sowjetunion. Die Fahrzeuge seien wahrscheinlich restauriert und in einigen Fällen modernisiert worden. Dennoch lässt sich wohl festhalten: Putins Truppen bauen mehr denn je auf Uralt-Panzer, um die Ukraine einzunehmen.
Russland und der Mangel an Panzern: T-80 zugunsten anderer Kampffahrzeuge ausgeschlachtet
Dem Bericht zufolge sind die erwähnten Fahrzeuge noch nicht auf dem Schlachtfeld aufgetaucht. Daher vermutet Frontelligence Insight, dass sie entweder für neue Einheiten der russischen Armee eingeplant sind oder bei Operationen später im Jahr zum Einsatz kommen sollen.
Auch hier wird aber erwähnt, dass der Nachschub an Kriegsgerät Putin längst nicht mehr so leicht von der Hand geht. Einige zerstörte Panzer hätten mehr als ein halbes Jahr auf Ersatzteile warten müssen, um wieder in den Kampf ziehen zu können. Die größten Probleme würden Motorbauteile mit sich bringen. Müsste hier nachjustiert werden, verlängere sich die Wartezeit. Wegen dieses Mangels seien manche Panzer wie der T-80 regelrecht ausgeschlachtet worden, um anderen Kampffahrzeugen neues Leben einzuhauchen.
Weiter heißt es, die Moral in der russischen Truppe habe sich extrem verschlechtert, einige Infanterieeinheiten seien erschöpft. Es gebe sogar Fälle, in denen die Einheiten Kommunikationsprobleme vortäuschen würden, um die Befehle nicht ausführen zu müssen.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Russland sucht Kämpfer für den Ukraine-Krieg: Bonus für Freiwillige offenbar vervierfacht
Zudem tue sich Russland – wie aber auch die Ukraine – schwer damit, neue Rekruten zu gewinnen. Die Bilder und Nachrichten von der Front schrecken offensichtlich ab. In Putins Reich soll deswegen der Rubel für Freiwillige rollen wie wohl noch nie zuvor.
Teilweise hätten sich die Boni für eine Verpflichtung im Vergleich zu den ersten beiden Kriegsjahren vervierfacht. Moskauer Einwohnern winke eine Einmalzahlung von 1,9 Millionen Rubel – rund 20.300 Euro. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatsverdienst in Russland habe im Juli 2023 gerade einmal 53.571 Rubel betragen – gut 570 Euro.
Für verwirrende Panzer-Taktik werden Putins Truppen im Ukraine-Krieg hohen Preis zahlen
Trotz allem geht das ISW davon aus, dass Russland weiterhin über ausreichend Ressourcen verfügt, um auch in absehbarer Zukunft genügend gepanzerte Fahrzeuge für großangelegte Angriffe heranziehen zu können. Dass das Militärkommando dabei für geringfügige taktische Vorteile große Verluste in Kauf zu nehmen scheint, statt das Militärgerät für bedeutsamere Ziele zurückzuhalten, werde Russland aber noch teuer zu stehen kommen.
Vermutet wird, dass Russland schnelle Erfolge einfahren will. Allerdings würden die großangelegten Frontalangriffe darauf hindeuten, dass die Militärführung bislang keine Lehren aus den blutigen Erfahrungen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gezogen habe.
Sieht aus wie eine Mondlandschaft, ist aber das Schlachtfeld in der Ukraine: Hier nehmen die ukrainischen Streitkräfte russische Kampffahrzeuge ins Visier.
Russland und der Ukraine-Krieg: Zweifel an ähnlich umfassenden Angriffen in der Zukunft
Frontelligence Insight geht nicht davon aus, dass Russland angesichts der hohen Verluste seine umfassenden Angriffe in dieser Regelmäßigkeit noch über Jahre fortsetzen kann. Allerdings werden Putins Streitkräfte unterstützt von Nordkorea, dem Iran und teilweise auch China weiter lokale Attacken setzen und die eroberten Gebiete halten können.
Gelegentlich müsse sich die Ukraine auch auf größere Offensiven gefasst machen. „Es bleibt jedoch unklar, ob Russland ausreichend wichtige Ziele erreichen wird, um den anhaltenden Krieg und die damit verbundenen Verluste, einschließlich der Verschlechterung des wirtschaftlichen Wohlergehens der Bürger, intern zu rechtfertigen“, wird abschließend festgehalten.
Die Frage danach, wie lange Putin und sein Machtzirkel das Blutvergießen noch vor dem eigenen Volk als alternativlos verkaufen können, stellt sich seit Monaten. Eigentlich seit Kriegsbeginn. Ob sie den Kreml-Chef selbst beschäftigt, ist aber fraglich. Seit Beginn seiner Präsidentschaft ist er es schließlich gewohnt, seinen Willen durchzusetzen und dabei kaum auf Widerstände zu stoßen. (mg)