Rechtsextreme „Fratelli“ uneins

Italiens Putin-Abhängigkeit wird zum Wahlkampfzwist: Streit über Flüssiggas-Terminal in Mittelmeer-Stadt

+
Sonnenuntergang in Piombino: In der Mittelmeerstadt will sich Italien unabhängiger von Wladimir Putins Russland-Gas machen.
  • schließen

Ein Monat bis zur Italien-Wahl. In Umfragen liegen die rechtsextremen „Brüder Italiens“ in Front. Nun streiten sie allerdings innerhalb der eigenen Reihen.

Piombino – Im italienischen Piombino treffen Industrie und Tourismus direkt aufeinander. Die 30.000-Einwohner-Stadt in der Toskana ist bekannt für ein Eisenhüttenwerk mit Kokerei und ein Stahlwerk. Gleichzeitig liegt sie direkt am Mittelmeer und verbindet das italienische Festland durch eine Fähre mit der Insel Elba. Politisch war Piombino bisher vergleichsweise irrelevant. Jetzt wird die Stadt aber plötzlich zum Wahlkampfthema für die anstehende Parlamentswahlen Ende September. Streitpunkt ist ein Flüssiggasterminal.

Italien-Wahl: Mittelmeer-Land will raus aus der Russland-Abhängigkeit

Aufgrund der Folgen des Ukraine-Kriegs sorgt sich auch Italien um seine Energieversorgung. Das Credo ist ähnlich wie in Deutschland: weg von der russischen Abhängigkeit, hin zu Alternativen. Italien ist daher auf der Suche nach neuen Lieferanten außerhalb von Putin – in Afrika und auf der arabischen Halbinsel. Engere Partnerschaften sind zum Beispiel mit Algerien geplant.

Helfen soll ein Flüssiggasterminal in Piombino. Der Gasnetzbetreiber Snam plant, das Schiff „Golar Tundra“ im Hafen Piombinos zu platzieren und darüber ab dem Frühjahr 2023 angeliefertes Flüssigerdgas umzuwandeln und in die Netze zu speisen. Ein Teil des Gases kommt schon jetzt flüssig per Schiff statt durch die Pipeline, weshalb die „Golar Tundra“ nötig ist. Laut Betreiber Snam kann das Terminal in Piombino 6,5 Prozent des landesweiten Gas-Bedarfs abdecken. Italien ist auf zusätzliche Terminals angewiesen. Doch es richtet sich Widerstand gegen die Pläne.

Flüssigerdgas (LNG)

Flüssigerdgas (LNG) wird eingesetzt, wenn es keine Pipelineverbindung zwischen Hersteller und Abnehmer gibt. Erdgas wird flüssig, wenn es auf -162 Grad Celsius abgekühlt wird. Es ist für gewöhnlich teurer als Pipelinegas.

Italien-Wahl: Fratelli-Streit um LNG-Terminal: „Ja, aber nicht vor meiner Haustür“

 „Die Wahl Piombinos ist absolut falsch“, sagte Piombinos Bürgermeister Francesco Ferrari der Zeitung La Repubblica. Ferrari gehört zur rechtsextremen Partei Fratelli d‘Italia (FdI). Sie liegt in Umfragen zur Italien-Wahl aktuell in Führung. Der Bürgermeister steckt in einem Dilemma. Grundsätzlich spricht sich seine Partei für LNG-Terminals aus. Er selbst müsse aber seine Gemeinde schützen.

Ferraris Parteifreund Ignazio La Russa stellte die Position seiner Partei tags zuvor eindeutig klar. Er betonte, die Fratelli seien für die Gasverflüssigungsanlage in Piombino und man könne sich nicht immer mit „Ja, aber nicht vor meiner Haustür“ herausreden.

Auch andere Parteien schalteten sich am Freitag in die Debatte ein. Ex-Regierungschef Matteo Renzi von der kleinen Zentrumspartei Italia Viva kritisierte, dass der Fratelli-Bürgermeister in Piombino trotz Energiekrise immer noch gegen den Gasverflüssiger sei. Seine Mitte-Partei sei die einzige Partei, die den Wechsel zum Flüssiggas ernst meine. Renzis Partei gründete jüngst eine neue Zentrumsalianz mit dem früheren Minister Carlo Calenda und dessen Partei Azione. Laut Umfragen spielen sie bei der kommenden Italien-Wahl aber keine große Rolle.

Umfrage zur Italien-Wahl (Quelle: Politico, Stand: 24. August)

Fratelli d'Italia (rechtsextrem)24 %
Partito Democratico (links-sozialdemokratisch)23 %
Lega (rechtspopulistisch)14 %
Movimento 5 Stelle (EU-kritisch-populistisch)11 %
Forza Italia (konservativ)7 %
Azione & Italia Viva (mitte-links)6 %

Italien wählt am 25. September ein neues Parlament. Mario Draghi war zuvor als Regierungschef abgetreten. Vom aus dem Rücktritt resultierenden Politik-Chaos im Land könnte die extreme Rechte profitieren – oder zerfleischt sie sich selbst? Der Streit um das Terminal in Piombino ist nur eines der Themen, in denen die extreme Rechte uneins ist. (as)

Kommentare