Schwere Krankheit – oder außereheliche Affäre?

Seit drei Wochen verschwunden: Rätselraten um Chinas Außenminister

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Qin Gang, hier bei einem Treffen mit der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock im Mai, wurde seit Wochen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.
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Wo steckt Qin Gang? Zuletzt wurde Chinas Außenminister vor drei Wochen in der Öffentlichkeit gesehen, angeblich ist er krank. Eine Erklärung, die viele nicht glauben wollen.

München/Peking – Der Gesuchte wurde zuletzt vor drei Wochen gesehen. Jener 25. Juni war für Qin Gang, Chinas Außenminister, ein Tag voller Termine. Zunächst traf er seinen Amtskollegen aus Sri Lanka, danach den stellvertretenden Außenminister Russlands. Später am Tag dann kam Qin zu Gesprächen mit dem vietnamesischen Außenminister zusammen. So kann man es auf der Seite des chinesischen Außenministeriums nachlesen. Dazu stellte die Behörde mehrere Fotos, auf denen Qin freundlich Hände schüttelt und verhalten lächelnd in die Kameralinse blickt.

Seit jenem Sonntag vor drei Wochen aber herrscht Funkstille. Keine Treffen mehr mit ausländischen Spitzendiplomaten, keine Fotos mehr, nichts. Wer auf der Internetseite von Chinas staatlicher Nachrichtenagentur Xinhua nach dem Namen des Außenministers sucht, erhält als neuesten Treffer eine kurze Meldung über Qins Begegnung mit Russlands Vize-Außenminister. Der Text besteht aus nur einem Satz, die beiden Politiker hätten sich „über internationale und regionale Fragen von gemeinsamem Interesse ausgetauscht“, erfährt man dort.

Angeblich „aus gesundheitlichen Gründen“: China Außenminister verschwunden

In den Tagen danach war Qin, verheiratet und Vater eines Jungen, wie vom Erdboden verschluckt. Als US-Finanzministerin Janet Yellen Anfang Juli zu viertägigen Gesprächen in Peking eintraf, fand zwar Chinas Premierminister Li Qiang Zeit für den Gast aus Washington; Außenminister Qin aber glänzte durch Abwesenheit. Zudem sagte China ein Treffen von Qin mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell ab, nur wenige Tage vor dem geplanten Abflug des Spaniers. Gründe nannte Peking nicht. Und auch als Staats- und Parteichef Xi Jinping den Präsidenten der Salomonen-Inseln traf, einen engen Verbündeten, war Qin nicht dabei.

Am 11. Juli verkündete das chinesische Außenministerium dann, dass der 57-Jährige auch das Treffen der Außenminister der Asean-Gruppe in Jakarta verpassen werde – „aus gesundheitlichen Gründen“, wie ein Sprecher erklärte. Im offiziellen Transkript der Pressekonferenz fehlt der entsprechende Hinweis allerdings.

Ist Qin also einfach nur krank? Medien aus Hongkong jedenfalls berichteten zuletzt von einer angeblichen Covid-Erkrankung des Außenministers. Was freilich die Frage aufwirft, warum sich Chinas Außenministerium tagelang in Schweigen hüllte über Qins Befinden und sogar in Kauf nahm, die EU mit der kurzfristigen Absage des Borrell-Besuchs zu verärgern. Für eine Erkrankung des Außenministers hätte man in Brüssel sicher Verständnis gehabt, mehr jedenfalls als für eine kommentarlose Ausladung des europäischen Spitzendiplomaten. Zumal Borrell seinerseits bereits im April wegen einer Covid-Infektion eine Peking-Reise absagen musste.

Hatte Chinas Außenminister eine Affäre mit einer Journalistin?

Am vergangenen Wochenende nun nahm die Posse um Chinas Außenminister eine neue, unerwartete Wendung. „Außereheliche Affäre steckt hinter der Abwesenheit des chinesischen Ministers Qin“, titelte am Samstag die japanische Nachrichtenagentur Kyodo News unter Berufung auf Medienberichte aus Taiwan.

Demnach wurde Qin Ende vergangenen Jahres Vater eines unehelichen Kindes, die Kommunistische Partei untersuche den Fall derzeit. Bei der Mutter des Jungen soll es sich um Fu Xiaotian handeln, eine Journalistin des chinesischen Fernsehsenders Phoenix TV. Fu hatte Qin im März 2022 zu einem Interview getroffen, als der heutige Außenminister noch Botschafter in Washington war. Später machte die Journalistin mehrfach Andeutungen, die nahelegen, dass Qin der Vater ihres neugeborenen Sohnes sei.

Seit einigen Tagen kursieren vermehrt Fotos und Videos des angeblichen Paares in den sozialen Medien. Heikel: Der Junge soll in den USA zur Welt gekommen sein und deshalb die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Peinlich für einen chinesischen Außenminister, der immer wieder mit antiamerikanischen Ausfällen von sich reden macht.

Ungewöhnlich wäre es jedenfalls nicht, dass sich ein chinesischer Spitzenbeamter eine Geliebte leistet. Vor allem ab den 90-er Jahren, als Chinas Wirtschaft boomte und das Land reich wurde, machten Geschichten wie jene über einen Parteibeamten aus der Provinz Jiangsu Schlagzeilen, der 146 Geliebte gehabt haben soll. In der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen soll es seinerzeit gar ein ganzes Stadtviertel voller Mätressen gegeben haben – 50.000 Frauen lebten damals angeblich in diesem „Dorf der Konkubinen“. Ein Beamter aus Shenzhen hat sich in jenen Jahren seinen Harem Berichten zufolge 3.000 Euro kosten lassen – am Tag. Was die Frage aufwarf, wie sich die nicht üppig bezahlten Regierungsmitarbeiter ein derart teures Lotterleben überhaupt leisten konnten. Mit rechten Dingen ging es dabei wohl nicht immer zu.

„Keine Informationen“ zum Verbleib von Qin Gang

Als Xi Jinping 2012 an die Macht kam, wurden derartige Meldungen seltener. In einer beispiellosen Antikorruptionskampagne rief er zum Kampf gegen „Tiger und Fliegen“ auf, also gegen hochrangige Regierungsbeamte und lokale Kader; Zehntausende von ihnen fanden sich in den Folgejahren vor Gericht wieder.

Weltweit Schlagzeilen machte zuletzt der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai. In einem Post auf dem sozialen Netzwerk Weibo hatte Peng Ende 2021 eine Affäre mit dem ehemaligen chinesischen Vize-Ministerpräsidenten Zhang Gaoli öffentlich gemacht. Zhang habe sie gegen ihren Willen zu Geschlechtsverkehr gedrängt, schrieb Peng damals. Der Post wurde umgehend gelöscht, Peng verschwand wochenlang aus der Öffentlichkeit.

Auf die Gerüchte zu Qin Gang angesprochen, gab sich Chinas Außenamt zuletzt bedeckt. Von einer Sprecherin hieß es am Montag lediglich, sie könne derzeit „keine Informationen anbieten“. Wo sich Qin befindet, verriet sie nicht.

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