VonKlaus Ehringfeldschließen
Lange belächelt, jetzt gefürchtet: Mit Javier Milei könnte ein Ultrarechter Präsident von Argentinien werden. Ein Porträt.
Er ist schon da, bevor es eigentlich losgeht. Der dunkle Pick-up bahnt sich zunächst fast unbemerkt den Weg durch Hunderte Anhänger:innen und den dichten Verkehr um die Plaza Grigera. Javier Milei sitzt auf dem Rücksitz, schaut sich das Treiben durch dunkle Scheiben an, Security schirmt den Wagen ab. Dann fährt er noch eine Runde um den Platz, steigt aus und klettert auf die Ladefläche des Pick-ups. Wie fast immer in schwarzer Lederjacke, dunklem Hemd und mit sorgsam zerzaustem Haar.
Die Menschen hier in Lomas de Zamora, einem Vorort von Buenos Aires, brechen in frenetischen Jubel aus, sie rufen „Milei presidente“, zünden gelbe Bengalos und schwenken gelbe Fahnen mit dem Antlitz eines schwarzen brüllenden Löwen darauf. Es ist das Markenzeichen des Politikers, der lange belächelt wurde, den dann niemand ernst nahm und der jetzt gefürchtet wird: „Ich bin nicht gekommen, um Schafe zu führen, sondern Löwen zu wecken“, sagte er mal. Was auch immer man von dem 52-Jährigen halten mag, er kann reden und erreicht mit seinem machiavellistischen Charisma die Massen.
Ungeliebte Peronisten
Milei könnte am Sonntag im chronischen Krisenstaat Argentinien tatsächlich Präsident werden, und zwar schon im ersten Wahlgang. Dafür bräuchte er 40 Prozent und einen Vorsprung von zehn Punkten auf den oder die Zweitplatzierte. Die jüngsten Umfragen sahen den Kandidaten der Partei „La Libertad avanza“ (Die Freiheit marschiert) bei 35 Prozent und deutlich vor dem Bewerber der regierenden Peronisten, Sergio Massa. Der ist derzeit noch Wirtschaftsminister und in den Augen der Bevölkerung mitverantwortlich für Geldentwertung, steigende Preise, Warenknappheit und Spekulation.
Milei musste gar nicht viel tun, um zum Hoffnungsträger eines Volkes aufzusteigen, das von den traditionellen Politiker:innen von links wie rechts genug hat. Der selbst ernannte „Anarchokapitalist“ hat den Nerv der Heerscharen von Enttäuschten getroffen, die bereit sind, alles in die Luft zu sprengen, um einen Neuanfang zu wagen. Milei steht für das Ende einer alten politischen Ordnung. Und dabei hilft ihm sehr, dass er nicht aus der Politik kommt, sondern mal Mitarbeiter internationaler Banken, Unternehmensberater und zuletzt TV-Kommentator war.
Rund 300 Anhänger:innen sind nach Lomas de Zamora gekommen, um ihrem Idol zuzujubeln. Eltern reichen ihre Kinder an, damit Milei sie berührt. Andere klettern auf die Laternen, um ihm nahe zu sein. Auch wenn der Kandidat jetzt keine Dollarscheine mit seinem Antlitz mehr unterzeichnet und auch die Motorsäge heute nicht dabei hat, wird er immer noch gefeiert wie eine Mischung aus Rockstar und Papst. Milei reckt die Faust, schaut so grimmig in die Menge, wie er auch auf den Wahlplakaten guckt. Sein Medienteam fotografiert und filmt alles, um damit schon wenige Minuten nach diesem bizarren Wahlkampfauftritt in der Vorstadt die sozialen Medien zu fluten.
„Unser Land kann nur ein Verrückter führen“
Und an diesem Tag geht es um die riesige Provinz Buenos Aires und den Speck- und Armutsgürtel um die argentinische Hauptstadt. Hier leben 40 Prozent der Wählerschaft. Bisher war das eine Bastion der regierenden Peronisten. So etwas wie das Bayern der Christsozialen, nur in Argentinien. Aber seit Milei vor knapp drei Jahren mit seiner Partei in die Politik eingebrochen ist, ist nichts mehr, wie es war. Milei ist so etwas wie ein Systemsprenger. Er ist aufbrausend, beleidigend.
„Aber er spricht die Sprache der Menschen“, sagt der Analyst Hugo Alconada Mon. „Sie sind nur vorformatierte Sätze von Politikerinnen und Politikern gewöhnt, die alle gleich klingen und die nichts ändern“.
Lilian Prieto (27) sagt es so: „Er ist verrückt, das ist ja gerade das Richtige für Argentinien. Unser Land kann nur ein Verrückter führen“. Die vierfache Mutter kann schon lange ihre Kinder mit dem mageren Gehalt ihres Mannes nicht mehr satt bekommen, weil das Geld jeden Tag weniger wert ist als an dem zuvor. „Wir wollten auswandern, was Besseres suchen“, sagt sie. Aber dann tauchte Milei auf. „Er hat mir die Hoffnung zurückgegeben, und er wird tun, was er sagt. Alles wird besser.“ „Und dann wickelt sich Prieto in die argentinische Fahne ein und posiert mit ihrem Milei-Shirt für die Kamera.
Die Zentralbank in die Luft jagen
Junge Menschen wie Lilian oder Franco Carmonesi, der erst 20 ist, dem das Land nie eine Perspektive bot und der sich und seine Familie als Parkplatzanweiser über Wasser hält, sind Mileis Fundament. „Ich habe nie gewählt und wollte es auch nicht. Aber als ich ihn sah und hörte, war es so, als spreche er aus, was ich denke. Jetzt wähle ich ihn“, kündigt er an.
Unter den Jugendlichen und jungen Menschen unter 30 hat Milei den größten Zuspruch. Es ist diese Generation Kollaps. Als sie geboren wurden oder jung waren, war das Land quasi bankrott. 1998 bis 2002 war das. In den 90er Jahren hatte eine Privatisierungswelle zu einer Spekulationsblase geführt, die 1998 platzte. Eine Wirtschaftskrise im Nachbarland Brasilien trug zu Argentiniens Zusammenbruch bei. Und die Regierungen damals haben die Schulden mit den Ersparnissen der Menschen bezahlt. Deswegen misstrauen die Menschen in Argentinien nur den Banken noch mehr als der Politik.
Und Javier Milei kommt da genau richtig. Er hält den Staat grundsätzlich für eine kriminelle Organisation, die von den Steuern lebt und die Bevölkerung bestiehlt. Und die Zentralbank will er gleich in die Luft jagen. Und er wettert anhaltend gegen die hohe Zahl von Subventionen und Sozialleistungen, die vom öffentlichen Nahverkehr bis zum Gas und Wasser und Strom gehen.
Wahlkampf vom Pick-up
Der mögliche neue Präsident Argentiniens hat nicht nur die Politik, sondern auch den Wahlkampf des südamerikanischen Landes revolutioniert. Keine langweiligen Reden von Bühnen auf Plätzen oder in Hallen. Der 52-Jährige tritt lieber wie in Lomas de Zamora auf seinem Pick-up auf, fährt darauf ein paar Straßen durch das Viertel – das war es dann. Er sagt ein paar Sätze bestenfalls, aber die bleiben hängen. Der argentinische Peso sei nur noch „Scheißdreck“ wert, er nennt Politiker:innen Verbrecher und den Staat eine Mafia, er will den Staatshaushalt und die Ministerien zusammenschneiden mit seiner Motorsäge, mit der er in den vergangenen Wochen immer durch das Land reiste. Und vor allem will er Argentinien dollarisieren und den schwindsüchtigen Peso durch die US-Währung ersetzen, so wie es auch schon Ecuador und El Salvador in Lateinamerika gemacht haben.
So soll das südamerikanische Land endgültig krisenfest und die Währung hart machen. Etwas, das seit 40 Jahren für die Argentinierinnen und Argentinier eigentlich nur in der Theorie existiert. Und die zuvor letzte massive Krise ist gerade einmal rund 25 Jahre her.
Damals wie heute ist Argentinien ein Sanierungsfall mit gespenstischen Wirtschaftsdaten, ein Land, das immer am Rande der Staatspleite tänzelt. Aber es ist eben auch ein Land der Kultur und Bildung und unfasslicher Ressourcen. Eigentlich. Es ist immerhin noch die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas und das Land mit der viertgrößten Bevölkerung. Aber am Rio de la Plata haben sie schon viele charismatische Figuren, Politiker und Politikerinnen von links und rechts gesehen. Evita Perón, ihren Mann und Nazifreund Juan Domingo Perón oder das Ehepaar Kirchner. Alle gingen, nur die Krise blieb. Jetzt tritt der Systemsprenger Javier Milei an.

