Jogginghose verboten

Die Kleiderordnung an Schulen dient einem bedenklichen Zweck

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In einer Sekundarschule Wermelskirchen herrscht schon Jogginghosenverbot. Der Bundeselternrat fordert nun zum Konsens über Kleiderordnungen an Schulen auf.
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Schulen sollen Schüler:innen wegen ihrer Kleidung heimschicken können, findet der Bundeselternrat. Zum Bildungsauftrag gehört heute also offenbar ein völlig falsches Bild der Realität. 

MEINUNG

Der Bundeselternrat hat sich nun offiziell für Bekleidungsregeln an Schulen ausgesprochen. „Wir empfehlen Schulen, einen Konsens über eine Kleiderordnung zu schließen“, sagte die Vorsitzende der Organisation, Christiane Gotte, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe am Donnerstag, 7. September 2023. So könne man Schüler:innen „nach Hause schicken und verlangen, dass sie sich ordentlich anziehen“, wenn sie „unangemessene, lottrige, zerrissene oder freizügige Kleidung“ tragen.

Der ganz normale Wahnsinn in Deutschland: Im März schickte eine Schule schon Schüler:innen nach Hause, weil sie Jogginghosen trugen. Damit herrscht in der Sekundarschule Wermelskirchen ein strengerer Dresscode als in jeder Universität, den meisten Berufen ohne Kundenkontakt und auch vielen Berufen mit Kundenkontakt.

Die Schule argumentiert, sie möchte ihren Schülern „gesellschaftliche Teilhabe“ ermöglichen, die in Jogginghose nicht möglich ist und bittet darum, „Kleidung zu tragen, die nicht zum ‚Chillen‘ verleitet“. An welche Gesellschaft die Schüler:innen teilhaben sollen, bleibt offen, doch ins ‚chillige‘ Jahr 2023 passt sie nicht.

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In der Schule wird gelernt und keine Jogginghose getragen, weil…

Das Jogginghosen-Verbot ergibt keinen Sinn. Als Schüler:in muss man vor allem eines: Schüler:in sein. Dazu gehört in Deutschland keinerlei Uniform oder Arbeitskleidung. Vorzugaukeln, wer in der Schule Jogginghose trägt, hätte später im Berufsleben Probleme, hat weder Hand, Fuß, noch sonstige fundierte Basis. Statt sich mit dem Schnitt und Stoff des Hosenbeins zu beschäftigen, sollten Schüler:innen und Lehrer:innen sich doch eigentlich mit dem Schulstoff auseinandersetzen, oder nicht?

Diese Grafik findet sich auf der Webseite der Sekundarschule Wermelskirchen und zeigt, was alles verboten ist.

Doch bei der Jogginghose hört es nicht auf. Auf der Kleiderordnung finden sich noch weitere Delikatessen, die dem Direktorat der Sekundarschule Wermelskirchen scheinbar nicht gefallen: Jegliche Kopfbedeckungen, die keinen religiösen Hintergrund haben. Bauchfreie Oberteile und tiefe Ausschnitte. „Leggins sind ok“, heißt es auf der Webseite, solange noch etwas darüber getragen wird.

Die weiteren Verbote lassen dann meine bereits hochgezogenen Augenbrauen völlig auf dem Hinterkopf landen. Mützenverbot gibt es (leider) in vielen Schulen. Ich musste mir von meiner Mathelehrerin anhören, meine Mütze wäre „respektlos“. Das soll mal einer verstehen: Nicht sie, die darüber entscheiden möchte, was ich auf dem Kopf trage, überschreitet eine Grenze des Respekts, sondern die Mütze an sich. In puncto Logik muss meine Mathelehrerin vielleicht noch etwas nachholen.

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Kein Bauchfrei, weil bauchfrei = sexy

Viel schlimmer als Mützenverbot ist allerdings die Regelung zu bauchfreier Kleidung und Ausschnitten, die auch an anderen Schulen, zum Beispiel hier in Bayern, existiert. Willkommen im 18. Jahrhundert. Oder wie ein ehemaliger Lehrer von mir es ausgedrückt hat: „Wenn die Mädels bauchfrei tragen, müssen sie sich nicht wundern, wenn meine Blicke dorthin wandern.“ Lieber Herr Bleibt-wohl-lieber-anonym, Sie sprechen hier als erwachsener Mann über 14-jährige Mädchen.

Damit umkurvt er zwar gerade so den Missbrauchsvorwurf, macht aber auf jeden Fall Mädchen, die sich über ihre Kleidung ausdrücken, zu Sexualobjekten. Nicht das bauchfreie Top sexualisiert, sondern der lüsterne Lehrer, der sich bedenklicherweise nicht im Griff hat. Natürlich ist das nicht der Grund, warum in Wermelskirchen kein Ausschnitt getragen wird. Stattdessen will die Schule den Schüler:innen „Zurückhaltung“ beibringen bzw. zwingt sie dazu. Warum und wovor sich zurückgehalten werden muss, bleibt offen. Stattdessen wird rückwärts denkendes Spießertum, fernab jeder feministischen Debatte, gelebt.

Am Ende geht es nicht um das Wohl von Schüler:innen

Zurück zur Jogginghose, dem Epizentrum der Debatte, die aber einen Punkt völlig vernachlässigt: Anstatt es ein despotisches Jogginghosen-Verbot auszusprechen, sollte man versuchen, nachzuvollziehen, warum Schüler:innen so gerne zur Jogginghose greifen. Gründe gibt es viele: So früh wie die Schule beginnt (früher als unzählige Berufe) bleibt einfach keine Zeit, viel über ein gewähltes Outfit nachzudenken. Außerdem ist Schule wirklich anstrengend: Nur wenige Berufe fordern es heutzutage, fünfmal die Woche im Büro zu erscheinen. Kein Wunder also, dass man da wenigstens über das Outfit ein wenig entspannen möchten.

Wer Schüler:innen etwas Gutes tun will, hört ihnen zu, spricht mit ihnen und respektiert ihre Bedürfnisse, wie man es auch mit Erwachsenen machen würde. Ein Kleidungsverbot mit Argumenten, die in jedem Debattierunterricht die Note sechs erhalten würden, ist stattdessen vor allem eines: Unterdrückung. Kinder werden in (Werte-)Kostüme gezwungen, denen sie sich anpassen müssen. So erzieht man sie zu meinungslosen Konformisten und nicht zu mündigen Erwachsenen.

Liebe Schüler:innen aus Wermelskirchen und auch sonst überall: Habt Mut zur Jogginghose! (lute)

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