Demokraten sind ernüchtert

Euphorie um Kamala Harris schwindet – trotz enormer Spendengelder

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Die Harris-Kampagne schwimmt in Spenden – doch die Euphorie der Demokraten schwindet. Sorgen um die Wahl überwiegen den finanziellen Erfolg.

Washington, D.C. – Die Begeisterung der Demokraten für Kamala Harris scheint weniger als einen Monat vor den US-Wahlen nachgelassen zu haben. Trotz einer soliden finanziellen Basis gibt es in der Partei offenbar Bedenken, die über die aktuellen Umfragewerte hinausgehen.

Finanziell könnte die Harris-Kampagne kaum besser aufgestellt sein. Obwohl die Einnahmen für September noch nicht bekannt gegeben wurden, waren sie laut der New York Times sehr hoch. Insgesamt habe die Kampagne laut drei Quellen, die mit den Spendeneinnahmen vertraut sind, über eine Milliarde US-Dollar eingenommen.

Umfragen zeigen Harris kaum in Führung gegenüber Trump – trotz beachtlicher Spendeneinnahmen

In den USA sind Wahlkampagnen verpflichtet, ihre Finanzberichte monatlich offenzulegen. Die Entscheidung des Harris-Teams, diese Informationen zurückzuhalten, ist dem Zeitungsbericht zufolge strategisch. Man wolle nicht den Eindruck erwecken, dass die Unterstützer sich zurücklehnen und den Rest des Wahlkampfs genießen können, heißt es dort. Es bestehe die Befürchtung, dass das Prahlen mit den Spenden die Spender in den letzten Wochen des Wahlkampfs abschrecken könnte. Zudem gebe es weiterhin Bedenken hinsichtlich der Fähigkeit der von Milliardären finanzierten republikanischen Super-PACs, das Rennen zu beeinflussen.

Die US-Demokraten um Kamala Harris kommen in Umfragen nicht so recht vom Fleck.

Doch das sind nicht die einzigen Sorgen. Vor zwei Monaten waren die US-Demokraten noch optimistisch, was die Chancen von Vizepräsidentin Harris auf einen Sieg über den ehemaligen Präsidenten Donald Trump betrifft. Nun hat sich jedoch Ernüchterung breit gemacht. Die Kampagne der demokratischen Kandidatin sieht sich mit einer Reihe von Problemen konfrontiert.

Harris versucht, durch Fernsehinterviews zu überzeugen – für Trump jedoch eine Gelegenheit zur Kritik

Eines davon sind die kürzlich von Harris gegebenen TV-Interviews, die aus Sicht vieler missglückt sind. Diese sollten eigentlich dazu dienen, den Wählern die Möglichkeit zu geben, die Kandidatin besser kennenzulernen. Harris war zuvor oft dafür kritisiert worden, dass sie seit ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin der Demokraten kaum noch Interviews mit den Mainstream-Medien gegeben hatte. Sie wolle damit offenbar schwierige Fragen vermeiden, so die Anschuldigung. Der Versuch, dieser Kritik mit Auftritten bei großen Nachrichten- und Radiosendern zu begegnen, ist jedoch nicht wie geplant verlaufen.

„Um es milde auszudrücken: Es ist nicht ihre Stärke, spontan auf kritische Fragen zu antworten“, sagte Thomas Gift, außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft, gegenüber dem US-Portal Newsweek. Inzwischen wünsche sich „ihr engerer Kreis wahrscheinlich, Harris hätte weiterhin die Kritik dafür auf sich genommen“, keine Interviews zu führen. Als einer der größten Fehler wird ihre Antwort auf die Frage gesehen, wie sie sich von Biden unterscheiden würde. In der Sendung 60 Minutes des Senders CBS News hatte Harris darauf geantwortet, dass ihr nichts einfalle. Damit habe sie sich vor laufender Kamera hinter jede Entscheidung von US-Präsident Joe Biden gestellt, so der politische Kommentator Chris Cillizza auf X. Für Trump sei das ein gefundenes Fressen.

Migration als brisantes Thema gegen Trump – Harris‘ Demokraten vor der US-Wahl zunehmend angespannt

Auch andere Aussagen der demokratischen Kandidatin haben ihrer Beliebtheit geschadet. Harris‘ Medienoffensive sei „mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert“ gewesen, so Craig Agranoff, Professor für politisches Marketing gegenüber Newsweek. Sie habe zwar viele Menschen erreicht, sich aber auch deren Prüfung unterziehen müssen, gerade bei heiklen Themen wie der Einwanderung. „Ihre Antworten, insbesondere zur Grenze und den Unterschieden zwischen ihrer Regierung und der von Biden, scheinen sowohl Republikaner als auch einige Demokraten unzufrieden gemacht zu haben“, so Agranoff.

Die Nerven bei den Demokraten liegen daher blank. „Alles ist festgefahren und die Zusammensetzung der Wählerschaft ist nicht vorhersehbar, und es gibt so viele Dinge, die beispiellos sind“, so der demokratische Stratege Jamal Simmons gegenüber der Politikwebsite The Hill. Auch der demokratische Stratege Anthony Coley räumte gegenüber der Veröffentlichung Nervosität ein und verwies auf stagnierende Umfragewerte. „Jetzt, wo der Zuckerschock vorbei ist, haben die Leute erkannt, was Kamala Harris von Anfang an gesagt hat, nämlich dass sie die Außenseiterin ist“. Es werde „ein harter Kampf“, denn „diese Zahlen sind einfach so hartnäckig“, so Coleys Einschätzung. (tpn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ron Sachs - Pool via CNP

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