Klimawandel

Kanada droht ein feuriger Sommer

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Waldbrand Anfang Juni am West Kiskatinaw River in British Columbia.
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In Kanada brennen die Wälder extrem, doch die Politik streitet weiter über den Klimaschutz. Die Konservativen ignorieren das ganze gleich komplett.

Die Feuerwehrleute wurden über den Atlantik aus Frankreich, Spanien und Portugal eingeflogen – ja, sogar aus Südafrika kamen sie, und natürlich schickte auch das Nachbarland USA Einheiten. Kanada erlebt dieser Tage Waldbrände von historischen Ausmaßen, die noch Monate anhalten dürften.

Derweil streiten Politik, Industrie und Umweltschützer:innen im Land über die richtigen Schlussfolgerungen aus dieser vom Klimawandel befeuerten Katastrophe. Alles dreht sich um die Frage: Soll das Land seine in den letzten Jahren stark gewachsene Erdöl- und Erdgas-Industrie herunterfahren oder nicht?

„Schuld ist Kanada“ – das war Anfang Juni eine Schlagzeile der „New York Post“. Die Metropole war für Tage die am stärksten von Luftverschmutzung betroffene Großstadt der Welt. Die Freiheitsstatue war eingenebelt, die Menschen trugen Atemmasken, Spielplätze wurden gesperrt. Das erregte auch international Aufsehen. Wobei die Brände in Kanada schon seit April wüten.

Starke Winde aus nördlicher Richtung trieben die Rauchfahnen aus Québec mehr als 500 Kilometer über die Grenze zu den Städten der dichtbesiedelten Ostküste. Danach drehten sich die Winde, New York und andere US-Städte blieben vom ganz dichten Rauch verschont, obwohl auch jetzt immer noch Belastungen gemessen werden. Die Brände in Kanada wüten weiter. In den betroffenen Regionen mussten bereits Zehntausende Menschen vor den Flammen fliehen, Tausende haben ihre Häuser verloren.

Waldbrände sind im zweitgrößten Land der Erde nichts Ungewöhnliches. Die Saison, in der die Feuer auftreten, dauert von April bis September. Doch diesmal wurden die Brände schon früh sehr intensiv – und greifen praktisch auf alle Regionen über. Schon bis Mitte Juni war mit rund 5,4 Millionen Hektar eine Fläche abgebrannt, die größer ist als Baden-Württemberg und Hessen zusammen, teilweise gab es mehr als 400 Brandherde gleichzeitig.

Es dürfte eines der heftigsten „Wildfire“-Jahre werden, die Kanada je erlebt hat, und möglicherweise wird der Rekord von 1989 getoppt. Damals waren 7,6 Millionen Hektar in Flammen aufgegangen. Die Behörden erwarten, dass es noch über Wochen brennen wird. „Uns steht ein Kampf bevor, der nach unserer Einschätzung den ganzen Sommer andauern wird“, sagte der Sicherheitsminister von Québec, François Bonnardel.

Drei Faktoren haben zu dem Inferno beigetragen. Seit Monaten herrscht sehr trockenes, windiges Wetter. Es gibt ungewöhnlich viele Blitzschläge, die die Mehrzahl der Brände ausgelöst haben, zudem hat sich viel trockenes brennbares Material in den Wäldern angesammelt. Fachleute gehen davon aus, dass alle drei Faktoren durch den Klimawandel verstärkt werden.

Kanadas mittlere Temperatur ist im Zuge der globalen Erwärmung seit 1950 um etwa 1,9 Grad gestiegen. Vor zwei Jahren wurde in der Gemeinde Lytton, rund 260 Kilometer nordöstlich von Vancouver, ein neuer Rekord von 49,6 Grad gemessen. Zuvor hatte das Maximum bei 45 Grad gelegen. Wenige Tage danach wurde Lytton von einem Feuer fast vollständig zerstört. Die Klimaforschungsgruppe „World Weather Attribution“ ermittelte damals, der Klimawandel habe die extreme Hitzewelle mit Rekordwerten von knapp 50 Grad 150 Mal wahrscheinlicher gemacht als in vorindustriellen Zeiten.

Zur Brandbekämpfung setzt Kanada vor allem Löschflugzeuge ein, wobei insgesamt aber nur rund 100 Maschinen verfügbar sind. Normalerweise leihen die Regionen sich die Maschinen je nach Bedarf gegenseitig aus. Aktuell funktioniert dieses System nicht mehr, weil Wälder gleichzeitig in vielen Teilen des Landes brennen. Bisher ist die Brandbekämpfung Sache der Provinzen. Außerdem gibt es Debatten darüber, wie das Waldmanagement in Sachen Brände verbessert werden kann. Ein Vorschlag lautet, die Forstbehörden sollten häufiger kontrollierte Brände legen, um so die Ausbreitung von Großfeuern zu verhindern. Das werde bisher zu wenig gemacht.

Doch natürlich läuft in Kanada nun auch die Debatte über die richtigen Konsequenzen aus der mit den Bränden noch offensichtlicher werdenden Klimakrise. Kanada zählt mit einem CO2-Ausstoß pro Kopf von rund 15 Tonnen jährlich zu den stärksten Emittenten in der Welt. Zum Vergleich: Der EU-Schnitt liegt bei 7,4 Tonnen, in Deutschland sind es 8,8 Tonnen. Zudem hat Kanada die Förderung von Erdöl und Erdgas in den letzten Jahren stark ausgeweitet, unter anderem für den LNG-Export, wie er auch für Deutschland als Abnehmer geplant ist. Kanada verfügt über die drittgrößten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Der fossile Sektor macht bis zu sieben Prozent der Wirtschaftsleitung und ein Fünftel der Warenexporte aus, und er ist für rund 28 Prozent der Treibhausgas-Emissionen des Landes verantwortlich.

Trotz des derzeitigen Infernos ist die Klimapolitik weiter höchst umstritten. Die Regierung des progressiven Liberalen Justin Trudeau hat beschlossen, den CO2-Ausstoß im Land bis 2030 um 40 bis 45 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken und bis 2050 die Netto-Null zu erreichen. Den fossilen Sektor drastisch herunterzufahren, ist freilich nicht geplant. Vielmehr soll die umstrittene CCS-Technik der Kohlenstoff-Abscheidung und Endlagerung ihn klimafreundlich machen.

Die sonstige Klimapolitik ist heftig umkämpft. So forderte Kanadas Oppositionsführer, der Konservative Pierre Poilievre, jetzt sogar eine Abschaffung der in Kanada geltenden CO2-Steuer, während die Brände vielerorts die Luft mit giftigem Rauch vernebelten und viele ihre Häuser verlassen mussten. Während seiner Rede wiederholte er eines seiner wichtigsten Versprechen für den Fall, dass seine Partei wieder an die Macht kommt: „Technologie, nicht Steuern.“

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