Klimakrise

Der Arktische Ozean nagt an Kanada: Eismeer-Küsten erodieren

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Bedrohte polare Idylle: Tuktoyaktuk an der Beaufort-See.
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In Kanada lässt der Klimawandel den Permafrostboden auftauen – für die Arktis-Gemeinde Tuktoyaktuk geht es um die Existenz.

Tuktoyaktuk – Wenn Bürgermeister Erwin Elias durch seine Gemeinde geht, hat er den Arktischen Ozean stets in Blickweite – als offenes Meer oder schier endlose schneebedeckte Eisfläche. Der Ozean prägt das Leben in Tuktoyaktuk an der kanadischen Arktisküste. Aber er bedroht auch seine Zukunft. Das Meer nagt an der Küste. Der Klimawandel fördert das Auftauen des Permafrostbodens, macht die Küsten instabil und beschleunigt ihre Erosion. „Unsere ganze Gemeinde ist bedroht. Wir sehen die Erosion, wir verlieren Land“, lautet Elias’ Botschaft.

Es ist ein eisiger, aber sonniger Tag. In einen dicken, blauen Parka gekleidet steigt ein besonderer Gast aus dem Flugzeug, das auf der schneebedeckten Piste der knapp 1000 Einwohner:innen zählenden Gemeinde gelandet ist: der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Ehefrau Elke Büdenbender, die sich hier ein Bild über die Folgen des Klimawandels machen wollen. Sie kommen auf Einladung von Kanadas Generalgouverneurin Mary Simon. Sie ist die erste Inuk, die erste Angehörige eines indigenen Volks, die als Vertreterin von König Charles III, dem offiziellen Staatsoberhaupt, Kanadas höchstes Staatsamt bekleidet.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Klimawandel in an der Arktisküste: In Kanadas Norden wird die Gefahr sichtbar

In der Inuit-Sprache Inuktitut heißt Tuktoyaktuk „wie ein Karibu“, weil einige Felsen in der Gegend wie Karibus aussehen soll. In Tuktoyaktuk, oft nur „Tuk“ genannt, ist Klimawandel so deutlich wie an nur wenigen Orten in der Arktis zu sehen. Immer wieder spülen in den wenigen Sommermonaten gewaltige Wellen des Arktischen Ozeans Erdmassen weg. Im August 2018 wütete ein ungewöhnlich starker Sturm über der Beaufort-See. An einem Tag wurden 7200 Kubikmeter Erde weggerissen – fast so viel wie sonst in einem ganzen Jahr. Häuser sind vom Absturz in den Ozean bedroht und müssen umgesiedelt werden. Vor einigen Jahren fiel die Curling-Arena in den Ozean und die Menschen in Tuk befürchten, dass auch der Friedhof, der direkt an der Küste liegt, Opfer der Küstenerosion werden könnte.

„Wir sehen den Klimawandel. Er ist real“, sagt Elias. „Tuk“ liegt auf einer Landzunge, die in den Arktischen Ozean hineinragt. Vor 20 Jahren wurden Betonklötze nach Tuktoyaktuk gebracht, die als Wellenbrecher dienen und die Küste befestigen sollten. Aber das reicht nicht mehr. Ryan Yakeleyas Haus liegt nur noch wenige Meter von der Küste entfernt. Im vergangenen Sommer seien binnen weniger Tage zehn Meter Küste weggespült worden, erzählt er. „Jetzt muss ich mich fragen, wie lange ich noch bleiben kann.“

Klimakrise in der Arktis: Diese Rolle spielen Permafrostgebiete

An der Küstenlinie in arktischen Dauerfrostgebieten sind deutliche, durch Klimawandel geförderte Veränderungen zu beobachten. Permafrostboden ist Boden, der für mindestens zwei Jahre in Folge gefroren ist. Nur die oberste Schicht taut im Sommer auf, darunter beginnt permanent gefrorenes Erdreich. Ein Viertel der nördlichen Hemisphäre ist Permafrostgebiet. Es ist ein großes Gebiet rund um den Polarkreis, in dem rund fünf Millionen Menschen in etwa 1000 Gemeinden und Städten leben. Aber an vielen Stellen taut der Boden tiefer auf, wird instabil und das Ökosystem verändert sich. Hugues Lantuit, Permafrostforscher beim Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, der seit Jahren auf der Herschel-Insel zusammen mit den Inuit das Auftauen des Bodens und die Küstenerosion studiert: „Permafrost zementiert die Küste. Wenn er taut, verliert der Boden seine Konsistenz und wird weggespült“.

Der Klimawandel wirkt sich doppelt aus: Höhere Lufttemperaturen lassen den Boden von oben auftauen. Gleichzeitig führen der Verlust von Meereis und die längeren Phasen eisfreier Küsten dazu, dass die Wellen länger ungebremst gegen die Küsten schlagen. Die Permafrost-Küste wird somit horizontal und vertikal bedroht.

Klimawandel im Norden Kanadas: Immer mehr Land geht verloren

Noch vor zehn bis 15 Jahren ging durchschnittlich pro Jahr ein halber Meter Land verloren, zeigten damals internationale Studien. Jetzt sind es deutlich mehr. In manchen Regionen seien es Zehnerwerte, sagt Professor Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Das bedeutet, dass es Landverlust von zehn Metern oder mehr geben kann, etwa in Alaska oder an der Küste der kanadischen Herschel-Insel. Küstennahe arktische Ökosysteme verändern sich, Inuit-Gemeinden sind bedroht.

Nach Angaben des AWI enthalten die Böden in Permafrost-Regionen zwischen 1300 und 1600 Gigatonnen Kohlenstoff. Eine Gigatonne ist eine Milliarde Tonnen. „Davon sind etwa 825 Gigatonnen Kohlenstoff derzeit eingefroren. Zum Vergleich: Die gesamte Atmosphäre enthält derzeit rund 870 Gigatonnen Kohlenstoff.“ Taut der Untergrund aus Erde und Eis, bauen Bakterien und Mikroorganismen die darin enthaltenen Tier- und Pflanzenreste ab und wandeln Kohlenstoff in die Treibhausgase Kohlendioxid oder Methan um. Diese wiederum beschleunigen Erderwärmung und weiteres Abtauen des Permafrostbodens.

Im Norden Kanadas: Wie die Klimakrise das Leben in Küstengebieten beeinflusst

Erosion des Bodens, Überflutung, stärkerer Wellengang und schwindendes Meereis beeinflussen das Leben in vielen Küstengemeinden. Tiere wie Karibus, von denen die Subsistenzwirtschaft der Ureinwohner:innen abhängt, ändern ihre Wanderrouten. Die Erosion zerstört archäologische und kulturelle Stätten und bedroht die Infrastruktur, die auf tauendem Boden ihren Halt verliert.

Tuktoyaktuk hofft, dass der Küstenschutz verstärkt wird. Vor allem muss eine vorgelagerte Insel geschützt werden, denn sie dient als Wellenbrecher. „Die eisige Schönheit, die wir hier sehen, ist bedroht, sie ist höchst vergänglich. In circa 50 Jahren wird es große Teile dieses Ortes nicht mehr geben“, sagt der Bundespräsident in „Tuk“. Dies liege am Klimawandel, der sich an diesem Ort in seinen dramatischen Folgen zeige, „der aber auch unsere Verantwortung zeigt und was die Weltgemeinschaft zu tun hat“. (Gerd Braune)

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