Trumps Annexionspläne

Kanada fürchtet um seine Souveränität wegen US-Dominanzansprüchen

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Präsident Trump mit dem kanadischen Premier Carney im Weißen Haus.
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Experten warnen vor existenzieller Bedrohung durch Trump. Ein Szenario beschreibt sogar mögliche militärische Intervention in Alberta.

Der Angriff der USA auf Venezuela und Donald Trumps Drohungen gegen Kolumbien, Kuba, Mexiko und Grönland werden in Kanada mit wachsender Sorge beobachtet. Noch hat der US-Präsident nicht von militärischem Druck gesprochen, aber seine Annexionsgelüste mit Blick auf den nördlichen Nachbarn sind bekannt. Der Anspruch der Trump-Regierung, die gesamte westliche Hemisphäre zu dominieren oder gar zu besitzen, wird in Kanada als Herausforderung wie Bedrohung gesehen.

Die Bevölkerung würde sich irren, sollte sie annehmen, sie sei nicht „on the menu“ – „auf der Speisekarte“ –, warnt Bob Rae, der bis Ende November Kanadas Botschafter bei den Vereinten Nationen war.

Trump hatte schon kurz nach seiner Amtseinführung im vergangenen Januar Kanada provoziert, als er den Nachbarn als 51. Bundesstaat der USA diffamierte. Davon war dann nichts mehr zu hören, nachdem Finanzexperte und Ex-Notenbanker Mark Carney im März die Nachfolge des von Trump gehassten smarten und jugendlichen Justin Trudeau übernommen hatte.

Beim Pariser Treffen mit europäischen Regierungsspitzen zu Wochenbeginn unterstrich Carney gegenüber der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen „Kanadas Unterstützung der Souveränität und territorialen Integrität Dänemarks einschließlich Grönlands“. Mehrfach haben Trump und seine Getreuen in den vergangenen Tagen davon gesprochen, sich Grönland notfalls mit militärischer Gewalt einzuverleiben. „Die Zukunft Grönlands wird von Grönland und Dänemark entschieden“, retournierte Carney in seiner Erklärung. Im Februar wird dann Kanadas Generalgouverneurin Mary Simon, die das Staatsoberhaupt Charles III. vor Ort vertritt, Grönland besuchen, ebenfalls ein Zeichen von Solidarität und Freundschaft zwischen Kanada und Großbritannien – das sich auch schon klar an die Seite Dänemarks gestellt hat – und Grönland und Dänemark.

Mit seinem Rohstoffreichtum und seiner strategischen Bedeutung in der Arktis gleich neben Grönland erfüllt Kanada auch die Kriterien, die Trump in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie über die amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre formuliert hat. Aus dem kanadischen Alberta fließt Schweröl in die US-Raffinerien im Mittleren Westen und an die Küste des Golfs von Mexiko. In den USA gibt es neben den Begehrlichkeiten bezüglich Kanadas Metallen und Mineralien auch solche auf dessen Wasserreichtum.

Auch wenn in der US-Sicherheitsstrategie Kanada nicht ständig mit Namen genannt werde, sei das Dokument dennoch „direkt gegen uns wie gegen andere gerichtet“, meint Rae. „Die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, sind existenziell.“ Die jetzige US-Regierung habe „Ambitionen und Ziele“ wie keine andere in der amerikanischen Geschichte, und die kanadische Bevölkerung müsse verstehen, „dass dies eine wirkliche Gefahr für alle Kanadierinnen und Kanadier und für die Zukunft unseres Landes“ sei. Dass Trump just nicht von Kanada als US-Bundesstaat spreche, sei kein Grund, beruhigt zu sein.

Ressourcen scheinen nur zum Plündern da

Auf kanadischer Seite wird in der Trump-Strategie der Versuch erkannt, die Souveränität Kanadas und anderer Nachbarn den eigenen nationalen Interessen, seiner Sicherheits- und Rohstoffpolitik zu unterwerfen. „Es sieht so aus, dass wir uns auf dem Weg befinden, von einem souveränen Nachbarn zu einem Junior-Rohstoff-Anhängsel der USA herabgestuft zu werden“, urteilt Fen Osler Hampson, Professor für internationale Politik an der Carleton-Universität in der Hauptstadt Ottawa. Nach der Übernahme des venezolanischen Öls durch die USA seien auch Kanadas Energie-Infrastruktur und seine kritischen Mineralien und arktischen Ressourcen auf dem Tisch – „alles, was die Vereinigten Staaten als wichtig für ihre nationale Sicherheit ansehen“. Das kann sich auf die Bemühungen Kanadas auswirken, seinen Handel zu diversifizieren. Die USA würden „enormen Druck ausüben, ihrer Führung zu folgen, wenn es um China geht, und sie werden sich sorgfältig die Investitionen ansehen, die andere Länder in unseren Rohstoffen machen“, glaubt Hampson.

Kanada kann bestens damit leben, wenn die USA auf der anderen Seite der Blue Water Bridge über den St. Clair River bleiben.

Trump hat gegenüber Kanada bisher zumindest „ökonomischen Zwang“ angedroht – und auch schon umgesetzt. Mit seinen Zöllen will er Kanadas Autoindustrie sowie die Stahl- und Aluminiumproduktion schädigen, was bereits zu nennenswerten Arbeitsplatzverlusten im Land geführt hat. Kanada sei ein „unverzichtbares Rohstoff-Hinterland“ für die USA, stellen Thomas Homer-Dixon, emeritierter Politik-Professor der Universität von Waterloo, und Adam Gordon, ein früherer Politikberater des kanadischen Außenministeriums, in einem Beitrag für die Tageszeitung „Globe and Mail“ fest. Der „autokratische Führer unseres Nachbarn ist nachweislich begierig, seine massive Militärmacht einzusetzen, um seine Interessen voranzubringen.“ Kanada müsse sich darauf vorbereiten.

Sie zeichnen ein aus ihrer Sicht „plausibles Szenario“ für die USA, militärische Macht gegen Kanada einzusetzen. In Alberta, der ölreichsten kanadischen Provinz, streben rechtspopulistische Kreise ein Referendum über die Zugehörigkeit zu Kanada an. Der Alberta-Separatismus hat in der Trudeau-Zeit mit dem Fokus auf Klimaschutz und CO2-Reduktionen stark an Fahrt aufgenommen und zeigt auch seit Carneys Amtsantritt trotz dessen ölfreundlicher Politik noch keine Anzeichen dafür, dass ihm die Puste ausgeht. Laut Umfragen könnten sich 25 bis 30 Prozent der Leute für eine Abspaltung aussprechen. Sollte es in einem von Trumps MAGA-Bewegung und ihren potenten Spendern finanzierten Referendum tatsächlich zu 30 Prozent für Separation kommen, könnte Trump das Ergebnis für gefälscht erklären und nach einem Hilferuf der Separatisten Truppen an die Grenze beordern – um Druck auf Kanada auszuüben, Alberta den Eintritt in die USA als 51. Bundesstaat zu erlauben.

Ein Guerilla-Krieg ist nicht unrealistisch

Wie beschädigt das Klima zwischen den USA und Kanada ist, zeigt die Fülle der Publikationen im vergangenen Jahr, die sich mit vergeblichen Invasionsversuchen der USA in der Vergangenheit auseinandersetzen, als Kanada noch britische Kolonie war. An Silvester 1775 waren US-Truppen bei Quebec geschlagen worden. Damit wurden Versuche der „Kontinentalen“ (die US-Revolutionäre), das damalige Kanada als 14. Kolonie im Unabhängigkeitskrieg auf ihre Seite zu ziehen, vereitelt. Im britisch-amerikanischen Krieg 1812/14 stießen US-Truppen auf das Gebiet der britischen Kolonie Kanada vor, mussten sich am Ende aber wieder zurückziehen – die Britisch-Kanadischen verbrannten dann Washingtons originales Weißes Haus. Im jetzigen Kontext warnt Professorin Aisha Ahmad von der Universität von Toronto, dass ein militärisches Abenteuer der USA gegen Kanada einen Guerilla-Krieg zur Folge haben könnte.

Premier Mark Carney beschäftigt sich mit derartigen Gedankenspielen wohl kaum. Noch wird davon ausgegangen, dass in diesem Jahr über das Handelsabkommen mit den USA und Mexiko neu verhandelt wird. Das erklärt auch sein vorsichtiges Agieren gegenüber dem erratischen Trump. Daneben liegt sein Fokus darauf, Kanada neue Handelspartner zu gewinnen, um die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren und die kanadische Wirtschaft zu stärken. Kanada, so Carneys Credo, brauche „verlässliche Partner“.

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