Analyse

Anfänger: Die ersten 100 Tage der Merz-Regierung

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Friedrich Merz ist der Kanzler mit der geringsten politischen Erfahrung. Es ist nicht seine einzige Besonderheit.

Friedrich Merz ist seit zwanzig Jahren der erste Bundeskanzler, der Kinder und Enkelkinder hat. Man könnte es für eine Privatsache halten, doch bei Merz hat dieser Umstand Rückwirkungen auf seine Politik. Nicht immer geht das zu seinem Besten aus.

Nicht wenige auch aus seinem engeren Umfeld glauben, dass er den Antrag zu den Asylrechtsverschärfungen im Januar wohl nicht durchgedrückt hätte, wenn es den Anschlag von Aschaffenburg nicht gegeben hätte. Dort hatte ein Mann in einem Park eine Kitagruppe mit einem Messer angegriffen. Er tötet ein Kleinkind und einen Mann, der dazwischengehen wollte. Ein weiteres Kleinkind verletzt der 28-Jährige schwer. Die Tat des ausreisepflichtigen und psychisch kranken afghanischen Flüchtlings schockiert das Land. Friedrich Merz, den nach Aussage von Vertrauten vor allem der Tod des Kindes ins Mark erschüttert, nimmt die Morde im Januar zum Anlass, dem Bundestagswahlkampf abrupt eine neue Richtung zu geben.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

100 Tage Rot-Schwarz – Wirtschaft, Migration und viel Donald Trump

Vorher war es vor allem um Wirtschaftsthemen gegangen, doch auf einer Pressekonferenz am Tag nach den Morden kündigt Merz ein „faktisches Einreiseverbot“ für alle Menschen ohne gültige Papiere an. Er werde am ersten Tag als Kanzler seine Richtlinienkompetenz einsetzen und das Bundesinnenministerium anweisen, damit an allen Staatsgrenzen Kontrollen durchgeführt würden.

Merz zählt noch einige weitere Punkte auf, die er sofort nach Amtsantritt durchsetzen will: Ausweitung der Befugnisse für die Bundespolizei, die Festsetzung ausreisepflichtiger Menschen sowie Gewahrsam für „Gefährder“. Es klingt nicht gerade realistisch, aber sehr entschlossen.

Schwarz-Rot ist 100 Tge im Amt. Und wie läuft es?

Nicht wenige vermuten, dass sich Merz vom Auftreten des US-Präsidenten Donald Trump inspiriert gefühlt haben könnte. Der war erst drei Tage zuvor erneut ins Oval Office eingezogen und hatte sofort eine Unzahl von Dekreten mit dickem Filzstift und großen Buchstaben unterschrieben und so seine Regierungsmacht demonstriert. „So eine Optik brauchen wir auch“, zitiert Merz‘ Biografin Mariam Lau in ihrem Buch einen Vertrauten des Kanzlers aus jenen Tagen. Soll man darüber lachen oder schockiert sein?

Der Auftritt des CDU-Parteichefs und Spitzenkandidaten am 23. Januar jedenfalls macht Eindruck. Friedrich Merz hat sein Momentum. Und tut dann das, was er oft macht: Er überzieht. Gut möglich, dass er noch in der Situation der Pressekonferenz beschließt, einen unheilvollen Schritt weiterzugehen und eine Abstimmung im Bundestag über seine Pläne zu erzwingen. Er bringt sie dann mit den Stimmen der AfD durch. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich spricht vom „Tor der Hölle“, das Merz geöffnet habe.

Merz-Regierung aus Union und SPD – Schon in mehrere Krisen gerutscht

Die ganze Aktion hat der Union tatsächlich eher geschadet als genutzt, das magere Wahlergebnis von 28,6 Prozent im Februar spricht für sich. Beim künftigen Koalitionspartner SPD sorgt Merz für eine Verbitterung, die ihm vermutlich einen speziellen Eintrag in die Geschichtsbücher beschert: Friedrich Merz ist der erste Bundeskanzler, der einen zweiten Wahlgang braucht.

Der versiebte erste Wahlgang bei der Kanzlerwahl ist aber nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal von Friedrich Merz. Er ist auch der erste Kanzler, der keinerlei Regierungserfahrung mitbringt. Kein Ministerium, kein Bürgermeisteramt, keine Behörde. Merz fehlt Verwaltungserfahrung komplett.

Man stelle sich vor, eine Frau hätte es unter diesen Umständen gewagt, zu kandidieren.

Doch Merz kommt ausgerechnet das zugute, was bei den meisten seiner gleichaltrigen Geschlechtsgenossen eher hämisch vermerkt wird: Er ist ein alter weißer Mann. Mit seinen 69 Jahren ist er nach Konrad Adenauer der zweitälteste Kanzler bei Amtsantritt. Das Erscheinungsbild wird gewissermaßen automatisch zu seinen Gunsten ausgelegt. Der Mann hat schließlich Lebenserfahrung, nicht wahr?

Medientermin anlässlich des Treffens von Bundeskanzler Christian Stocker (rechts, ÖVP) und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz (links, CDU) im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Auf dem internationalen Parkett hat er damit bisher einiges richtig gemacht. Es ist nicht nichts, wenn man den unberechenbaren und launischen US-Präsidenten Trump mit ausgezeichnetem Englisch für sich einzunehmen weiß. Ein bisschen Glück war da allerdings auch dabei: Trump scheint große Männer zu mögen oder zumindest nicht sofort dominieren zu wollen. Was auch für den Sauerländer spricht: Er scheint eine gute Kondition zu haben, unverzichtbar für eine Spitzenposition in der Politik. Das 16-Stunden-am-Tag-Pensum und die vielen Reisen sind ihm zumindest jetzt noch nicht anzumerken.

100 Tage Bundeskanzler Friedrich Merz – Die Schonfrist für die Regierung ist abgelaufen

100 Tage ist Friedrich Merz im Amt. Früher war das die Frist, die man neuen Regierungen – zumindest theoretisch – gab, damit sie im Amt ankommen können. Aber die Zeiten sind natürlich längst andere geworden. Das Kabinett Merz ist innenpolitisch schon in mehrere größere und kleinere Krisen gerutscht. Manche sind der Impulsivität des CDU-Kanzlers geschuldet – und der Tatsache, dass er sich offensichtlich kaum in andere Menschen hineinversetzen kann oder will.

Das zeigte sich, als Merz noch vom alten Bundestag die Aufhebung der Schuldenbremse für die Aufrüstung und ein Milliardenpaket für Investitionen abstimmen ließ. Dafür brauchte Merz die Stimmen der Grünen – und handelte sich erst mal eine Ablehnung ein. Daraufhin folgten Tage zähester Verhandlungen, nur weil Merz die Grünen-Spitze unterschätzt hatte. Lag es daran, dass diese hauptsächlich aus Frauen besteht?

Friedrich Merz und die Frauen, das ist auch so Thema. Bei den Wahlumfragen erfährt der CDU-Kanzler immer wieder, dass er ausgerechnet bei ihnen nicht ankommt. Das liegt sicher auch an solchen unfreiwillig ehrlichen Sätzen wie jenen zur Frauenquote in seinem Kabinett. Dass er per se so viele Frauen wie Männer in seine Regierung berufen wolle, lehnte Merz schon früh im Wahlkampf ab – mit dem Hinweis auf die SPD-Politikerin Christine Lambrecht als Fehlbesetzung im Bendlerblock und dem gönnerhaften Zusatz: „Wir tun damit auch den Frauen keinen Gefallen.“

Wie weit er sich selbst einen Gefallen mit der Personalauswahl in seiner Regierung gemacht hat, bleibt auch noch abzuwarten. Ausgerechnet seine wichtigsten Mitstreiter patzten bereits. Fraktionschef Jens Spahn setzte mit der verkorksten Wahl zum Bundesverfassungsgericht einen Routinevorgang katastrophal in den Sand. Und Kanzleramtschef Thorsten Frei schwänzte eine wichtige Sitzung des Koalitionsausschusses, um bei der Sparkasse in seiner Heimat einen Vortrag zu halten. Nach Zufriedenheit im Job sieht das nicht gerade aus.

Dabei geht es für die Regierung jetzt erst richtig los.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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