Europawahl

„Will Deutschtürken für dumm verkaufen“ – AfD wirbt ausgerechnet um Migranten

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Vor der Europawahl 2024 geht die AfD bei Deutschtürken auf Stimmenfang. SPD-Politiker Macit Karaahmetoğlu erkennt eine perfide Masche dahinter.

Berlin – Der TikTok-Stream von Maximilian Krah ist dieser Tage eine regelrechte Parolen-Parade: Ausgerechnet bei Menschen mit Migrationshintergrund wirbt der AfD-Mann, der immer wieder mit krachigen Kurzclips in den sozialen Medien für Debatten sorgt, um Stimmen. Krah ist Spitzenkandidat seiner Partei für die Europawahl 2024. Und er sagt: „Türken in Deutschland sollten AfD wählen.“

AfD wirbt um Menschen mit Migrationshintergrund: „Wem nehmen sie denn die Arbeitsplätze weg?“

Seine Partei sorge dafür, dass man „Vater und Mutter wieder ehrt“, und blockiere weitere Zuwanderung. „Denn diejenigen, die jetzt reinkommen: Wem nehmen sie denn die Wohnung und die Arbeitsplätze weg?“, fragt Krah suggestiv. Nicht der erste Vorstoß. Auch AfD-Chef Tino Chrupalla hatte zuletzt in einer Rede betont: „Auch diese Menschen mit Migrationshintergrund gehören zu Deutschland. Sie gehören auch zu unserer Partei. Wir können nur gemeinsam Wahlen gewinnen.“

Erst vor wenigen Monaten hatten AfD-Politiker gemeinsam mit Rechtsextremisten unter dem verfremdeten Schlagwort „Remigration“ offen über die Ausweisung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund debattiert. Jetzt geht die Partei ausgerechnet dort auf Stimmenfang. Die potenzielle Wählergruppe ist groß, in Deutschland gibt es rund neun Millionen Wahlberechtigte mit Migrationsgeschichte.

SPD-Politiker Macit Karaahmetoğlu: „AfD lügt den Menschen ins Gesicht“

Macit Karaahmetoğlu ist seit 2021 Bundestagsabgeordneter. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe Macit Karaahmetoğlu sieht dahinter eine perfide Strategie. „Auch die AfD-Funktionäre begreifen nach einem monatelangen Höhenflug der Umfragewerte, dass die Partei ihr Wählerpotential wohl ausgeschöpft hat“, sagt er. „Nun also wagt man sich an Türken und Muslime heran, eine Zielgruppe, die bislang nur in Form von Ressentiments und Vorurteilen ihren Platz im Vokabular der AfD hatte.“ Größer könne der Widerspruch zur eigentlichen Parteilinie nicht sein, findet Karaahmetoğlu. „Die AfD will Deutschtürken für dumm verkaufen“, so der SPD-Politiker.

Die AfD lüge „Menschen ins Gesicht“, sagt der Abgeordnete: „Die Partei gibt sich als Vertreterin des kleinen Mannes, macht aber Politik für Reiche. Sie solidarisiert sich mit den Bauern, will in ihrem Programm aber sämtliche Subventionen abschaffen.“ Die Methode, wie speziell Deutschtürken nun angesprochen würden, sei ähnlich perfide wie die Manipulation minderjähriger verunsicherter Männer auf Plattformen wie TikTok. Dort hatte Krah in einem Video erklärt, echte Männer würden rechts wählen – dann klappe es auch mit der Freundin.

AfD macht vor allem bei TikTok Stimmung

Die AfD ist bei TikTok Vorreiter. Die Videos der Bundestagsfraktion etwa werden laut einer Studie des Politikberaters Johannes Hillje auf der Plattform dreimal so oft aufgerufen wie die aller anderen Fraktionen zusammen. Ein immer wiederkehrendes Motiv: die direkte Ansprache, zugeschnitten auf bestimmte Zielgruppen. „Wenn man sich die Videos mancher AfD-Politiker anschaut, erkennt man eine direkte Ansprache auf emotionaler Ebene“, so Hillje im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Beispiel: AfD-Politiker Maximilian Krah, der jungen Männern vermeintliche Dating-Ratschläge gibt. „Er spricht in dem Video Teenager auf ein intimes Thema an. Und das ist zunächst apolitisch. Dann aber kommt der Dreh: Wenn du eine Frau haben willst, sei nicht grün, sondern rechts.“

Diesmal sind es vermeintlich konservative Deutschtürken, die Krah direkt anspricht. „Migrantische Wählerinnen und Wähler sind zahlenmäßig eine relevante Gruppe für alle Parteien. Traditionell ist die SPD bei Deutschtürken die beliebteste Partei“, sagt Johannes Hillje. Die AfD wolle vor allem Migranten zweiter und dritter Generation für sich gewinnen. „Die Strategie der AfD ist es, alte gegen neue Migranten auszuspielen. In der Vergangenheit konnte die AfD schon unter Deutschrussen erfolgreich mobilisieren.“ Nun wolle man Deutschtürken damit gewinnen, indem man sich gegen Migration aus dem arabischen und afrikanischen Raum stelle. „Eine perfide Strategie der sozialen Konkurrenz“, so der Politikberater.

Krah rät Deutschtürken, sie sollten eine Partei wählen, die nicht will, dass „ihre Kinder in der Schule umgedreht werden“. Das Wort „umgedreht“ ist im Untertitel mit einer Regenbogenflagge hinterlegt, einem Symbol der queeren Community. „Die AfD ist völlig skrupellos, wenn es darum geht, verschiedene Gruppierungen unserer Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Es ist gut, dass sie diese bösartige Fratze immer offener zur Schau stellt“, so SPD-Politiker Macit Karaahmetoğlu.

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa

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