„Kein Bückling der USA“: Europa sucht nach Grönland-Krise neue Balance zu Trump
VonFelix Busjaeger
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Donald Trumps Grönland-Streit scheint nach Davos beendet. Für die Europäer steht nun ein Realitätscheck an und die Frage, wie sie künftig zu den USA stehen. Eine Analyse.
Was als Auftritt beim Weltwirtschaftsforum begann, entwickelte sich binnen weniger Tage zu einer Belastungsprobe für das transatlantische Verhältnis: Donald Trump testete in Davos nicht nur die Nerven seiner NATO-Partner, sondern auch die Frage, wie lange Europas strategische Abhängigkeit von den USA noch trägt. Als „Zirkus“ bezeichnete der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), Wolfgang Ischinger, die Debatte um die Arktisinsel und kritisierte den falschen Fokus: Eigentlich hätten die Nationen ihre Energie für Lösungen im Ukraine-Krieg aufbringen müssen.
Der Präsident des Europäischen Rates, Antonio Costa (r), und die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprechen bei einer Medienkonferenz zum Abschluss eines EU-Gipfels.
Doch nach Trumps Rede in Davos scheint eine Rückkehr zum ehemaligen Ist-Zustand verbaut. Zu einschneidend waren der Auftritt des Amerikaners und die rhetorische Eskalation der vergangenen Wochen. Für den Moment herrschte Erleichterung, dass sich der US-Präsident Grönland nicht mit Gewalt nehmen will. Doch als Reaktion laufen nun auf EU-Ebene Bestrebungen, sich unabhängiger von den USA zu machen. Aus deutscher Sicht fand der SPD-Fraktionschef, Matthias Miersch, eindringliche Worte:Europa müsse seine Abhängigkeit verringern und sich so aufstellen, dass „Großmächte uns nicht herumschubsen“ könnten. „Wir sind kein Bückling der USA.“
Reaktion auf Trumps Grönland-Streit: EU zieht Konsequenzen
Was diese Reaktionen antreibt, lässt sich erst mit einem Blick auf die Entstehung der Krise verstehen: Spätestens seit Dezember 2025 hatte Donald Trump öffentlich immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die USA „aus Sicherheitsgründen“ die Insel, die formal zu Dänemark gehört, brauchen würden. Das Interesse des US-Präsidenten an Grönland entspringt seit längerem einer Kombination aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Motiven. Unter der eisigen Oberfläche der Arktis-Insel vermuten Experten riesige Rohstoffvorkommen, darunter Gold, Diamanten, Uran, Zink, Erdöl und vor allem Seltene Erden. Gleichzeitig kontrolliert Grönland die strategisch wichtige GIUK-Lücke, über die unter anderem russische Marineaktivitäten überwacht werden können.
Beim Weltwirtschaftsforum behauptete Trump schließlich, dass Grönland zum Schutz der Welt von den Vereinigten Staaten übernommen werden müsse. Am Abend folgte die Kehrtwende und die Aussicht auf eine Einigung. Bei einem Sondergipfel in Brüssel gab es zwar Erleichterung darüber, dass Trump seine Strafzolldrohungen gegen Deutschland und andere europäische Alliierte vorerst wieder zurückgenommen hat. Spitzenpolitiker machten aber klar, dass es ein „Weiter so“ angesichts der Lage nicht geben sollte. So erklärte Kanzler Merz (CDU), die Europäer müssten nun Konsequenzen ziehen und ihre Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Trump greift nach Grönland: Der Streit um die Arktisinsel in Bildern
Diese ambivalente Haltung spiegelt sich auch in den Reaktionen deutscher Politiker wider. Miersch fand im Interview mit t-online deutliche Worte nach dem Auftritt von Trump. Der Präsident würde „aggressiv“ und „erratisch“ vorgehen.Trotz der Grönland-Einigung sehe er das Verhältnis zu den USA vor einer „historischen Belastungsprobe“. „Europa muss seine Abhängigkeit verringern und in den zentralen Bereichen schnell stärker werden: wirtschaftlich, militärisch, technologisch.“ Seine Empfehlung: Europa muss an einer Doppelstrategie arbeiten, die allerdings keinen Bruch risikiert. „Wir setzen auf Härte, aber unsere Hand bleibt ausgestreckt. Das sollte auch der künftige Kurs sein.“
EU-Zukunft mit Trump: Klingbeil pocht Davos-Rede des US-Präsidenten auf zwei Dinge
Auch Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) mahnt angesichts der Ergebnisse der vergangenen Tage zu Umsicht. Gegenüber Politico erklärte der Politiker: „Wer jetzt meint in Europa, dass man sich zufrieden zurücklehnt und sagt, es ist ja alles noch einmal gut gegangen, der hat nicht verstanden, worum es gerade geht.“ Aus europäischer Sicht seien nun zwei Dinge notwendig. „Das eine ist, wir müssen die Hand jederzeit ausgestreckt halten. Und wir dürfen von unserer Seite das transatlantische Verhältnis nie kaputt machen, nicht gefährden“, sagte Klingbeil.
Es ist eine Linie, die in ihrer Art offenbar europaweit auf Regierungsebene vertreten wird. Merz sprach in Davos davon, dass die neue Welt „kein kuscheliger Ort“ sei – gemeinsam mit mehreren Staats- und Regierungschefs beim EU-Sondergipfel setzt der Kanzler allerdings weiter auf eine enge Zusammenarbeit und vor allem auf den Erhalt der NATO. Merz betonte, dass die NATO als „erfolgreichstes politisches Bündnis, das es jemals zwischen Europa und Amerika gegeben hat“, erhalten werden müsse. „Ich habe auch den Eindruck, dass viele Amerikaner das mit uns so sehen“, sagte er.
Reaktion auf Grönland-Streit: Europa muss wegen Trump „wachsam“ bleiben
Unter anderem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Merz zeigten sich bei dem Gipfel überzeugt, dass das Auftreten der Europäer in den vergangenen Tagen maßgeblich für die Entwicklungen verantwortlich war. „Wenn Europa geeint reagiert und die Instrumente nutzt, die ihm zur Verfügung stehen, dann kann es sich, wenn es bedroht wird, Respekt verschaffen“, sagte Macron. Das ist es, was diese Woche geschehen sei.
Dennoch bleibt EU-weit die Sorge vor der nächsten Eskalation mit Donald Trump. Europa müsse trotz der „akzeptableren“ Situation „wachsam“ bleiben, führte Macron aus. Die oberste Diplomatin der EU, Kaja Kallas, sieht die Notwendigkeit, auch nach der US-Kehrtwende über „verschiedene Szenarien“ zu sprechen. Wie genau diese aussehen, ist bislang unklar. EU-Ratspräsident António Costa machte allerdings am Freitag klar, dass man am Aufbau eines „strategisch autonomeren Europas“ arbeite. „Der europäische Teil der NATO muss in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen“, brachte es Merz auf den Punkt.
Bruch im US-Verhältnis: Europa überdenkt transatlantische Freundschaft wegen Trump
Vielfach wurde Trumps Auftritt in Davos als Bruch für das Verhältnis mit Europa gesehen. Drohen, erpressen, einschüchtern – dies scheint die Taktik zu sein, auf die der US-Präsident auch bei seinen Verbündeten setzt. Ob sich Europa aber am Ende tatsächlich deutlich von den USA lossagen kann, gilt als unwahrscheinlich. Zu eng, zu weitreichend ist das transatlantische Verhältnis. Mehrere Bausteine machen einen europäischen Alleingang quasi unmöglich: Sollten die USA im Streit die NATO verlassen, würde das Bündnis seine Abschreckung in Europa verlieren. Großbritannien und Frankreich sind zwar auch Atommächte, ihr Sprengkopf-Arsenal ist allerdings sehr begrenzt.
Doch bei aller Entschlossenheit bleiben die praktischen Hürden einer europäischen Eigenständigkeit beträchtlich. Die Sorge geht um, dass die USA bei einem Bruch die Unterstützung für die Ukraine im Krieg einstellen könnte. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, halten es viele EU-Spitzenpolitiker für ausgeschlossen, dass Kiew den russischen Aggressionen ohne US-Hilfe standhalten könnte. Darüber hinaus würde ein Handelskrieg mit den USA die europäische Wirtschaft schwächen, als verwundbar gilt besonders die deutsche Wirtschaft, die stark von US-Exporten abhängig ist.
„Trennung siamesischer Zwillige“: Bittere Erkenntnis nach Trump Davos-Rede
Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass die Europäer an einem „De-Risking“ arbeiten könnten, wie auch die Welt schreibt. Die Strategie, die den Abbau von übermäßiger Abhängigkeit von einzelnen Märkten, Lieferketten oder Technologien vorsieht, wurde in der Vergangenheit vor allem im Zusammenhang mit China genutzt. Nun könnte sie auch gegenüber der Trump-Regierung Anwendung finden. Wie CNN einen europäischen Beamten zitiert, sei das Verhältnis zu den USA unwiderruflich verändert. Der Diplomat sprach im Zusammenhang mit dem Grönland-Streit von einem „Wirbelwind der Absurdität, der die transatlantischen Beziehungen schädigt, von der Ukraine ablenkt und China und Russland sehr freut.“
Dennoch wird eine Trennung von den USA kaum möglich sein. Dovilė Šakalienė, eine litauische Abgeordnete und ehemalige Verteidigungsministerin, sagte gegenüber CNN, Europa und die USA seien mittlerweile so eng miteinander verbunden, dass jede Trennung „einer Trennung siamesischer Zwillinge gleichkäme, mit dem höchstwahrscheinlich sicheren Tod für beide“. Ihrer Ansicht nach könnte Europa gegenwärtig nicht alleine bestehen. „Es wird mindestens fünf bis zehn Jahre dauern, bis wir ein ähnliches Niveau wie die Streitkräfte der Vereinigten Staaten erreicht haben.“
Der Grönland-Streit hat offenbar am Ende weniger eine neue Krise ausgelöst als eine alte Gewissheit zerstört: dass die transatlantische Partnerschaft unabhängig von politischen Stimmungen stabil bleibt. Europa beginnt, sich auf ein Verhältnis einzustellen, das nicht mehr auf Vertrauen, sondern auf Vorsorge beruht. (Quellen: dpa, CNN, Welt, Tagesschau, Spiegel, t-online, Politico) (fbu)