Analyse

Keine Angst vor der Dunkelflaute

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Es wird hierzulande auch Strom geben an Tagen, an denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst.
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Phasen mit wenig Wind- und Solarstrom sind eine Herausforderung für das Stromnetz. Doch sie lassen sich bewältigen. Ein Kommentar.

Die Stromversorgung in Deutschland zählt zu den zuverlässigsten weltweit. Sie fällt im Schnitt nur wenige Minuten pro Jahr aus, 2023 war es keine Viertelstunde. Und das ist der Fall, obwohl die Elektrizität bereits zu über der Hälfte aus erneuerbaren Energien stammt, deren Einspeisung weniger zuverlässig ist als die der fossilen Kraftwerke.

Trotzdem kann es kritische Situationen geben, vor allem in der berüchtigten „Dunkelflaute“ mit wenig Windkraft und, nächtens, null Sonnenenergie. Und die hat Deutschland gerade zweimal erlebt, und das brachte Rekordpreise an der Strombörse. Ein Signal, dass bei der Energiewende nachgesteuert werden muss.

Haushalte, Energieversorger und Unternehmen mit langfristigen Stromverträgen merkten von der Krise nichts, Firmen jedoch, die sich kurzfristig an der Börse versorgen, mussten irre Preise zahlen oder ihre Produktion herunterfahren. Im sogenannten Day-ahead-Handel kostete Strom am 6. November 820 Euro pro Megawattstunde und am 12. Dezember sogar 936 Euro, also fast einen Euro pro Kilowattstunde. Dazwischen waren es meist um die 100 Euro, und in dieser Woche, da der Wind wieder kräftig zurückkam, fiel der Preis sogar zeitweise auf null.

Dunkelflaute: Preisschock am Energiemarkt sorgt für Wirbel

Der Preisschock sorgte für viel Wirbel. Für Energiewendegegnerinnen und -gegner in Politik und Medien war es Wasser auf ihre Mühlen. Sie insinuierten, mit dem grünen „Zappelstrom“ sei kein verlässliches Elektrizitätssystem zu machen, Deutschland entgehe dem Blackout nur dank Atom- und Kohlestrom aus dem Ausland.

Doch auch Institutionen wie die Bundesnetzagentur und das Bundeskartellamt sahen sich zu einer Reaktion genötigt. Sie untersuchen, warum in der letzten Woche so wenige von den vorhandenen Erdgas- und Kohlekraftwerken am Netz waren, die für den fehlenden Windstrom hätten einspringen können. Mit anderen Worten, ob sich Teilnehmer am Strommarkt missbräuchlich verhalten haben, um die Preise in die Höhe zu treiben.

Würde sich das bestätigen, es wäre der Hammer. Der Verdacht steht im Raum, die Strombranche habe dadurch einen Warnschuss an die Politik abfeuern wollen, um sie zu mehr Tempo etwa beim Bau flexibler, wasserstofffähiger Gaskraftwerke zu bewegen.

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Ein Projekt, das in den drei Jahren Ampelregierung allzu langsam vorankam und nun, nach deren Aus, wegen fehlender Mehrheit im Bundestag ganz gekippt wurde. Schwer vorstellbar, dass finstere Mächte in der Branche sich so etwas ausdenken, zumal es ein Marktmissbrauch wäre, der, wenn aufgedeckt, für die betreffenden Kraftwerksbetreiber teuer würde.

Wie dem auch sei, die Dunkelflauten machen noch einmal klar: Das Stromsystem muss dringend für die weiter steigende Grünstromeinspeisung umgebaut werden. Die künftige Koalition im Bund steht in der Pflicht, schnell einen Nachfolger für das gescheiterte Habeck’sche „Kraftwerkssicherungsgesetz“ zu verabschieden, damit die nötigen Back-up-Meiler gebaut werden können.

Außerdem braucht es schnell mehr Flexibilität bei den Stromverbrauchern, ob Unternehmen, Haushalte oder E-Auto-Flotte. Ziel dabei ist es, die Stromabnahme besser an Überfluss- und Mangelsituationen anzupassen. Hier rächt sich, dass die letzten Bundesregierungen die Einführung der dafür in den Haushalten nötigen intelligenten Stromzähler jahrelang verschlafen haben.

Und der europäische Stromverbund muss weiter ausgebaut werden. Die Analyse der für die „Dunkelflaute“ hierzulande verantwortlichen Großwetterlage („Hoch Mitteleuropa“) durch den Deutschen Wetterdienst zeigte nämlich: Während hier kaum Wind wehte, gab es in Nord- und Südwesteuropa jede Menge davon.

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