„Jetzt noch wieder zur EEG-Umlage zurückzukommen, halte ich für unwahrscheinlich.“
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VonJoachim Willeschließen
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert spricht im FR-Interview über den verschleppten Abschied von fossilen Energien, zu hohe Strompreise. Für die deutsche Solarindustrie fordert sie Hilfen.
Frau Kemfert, die deutsche Wirtschaft läuft schwach, die Bundesregierung erwartet nur 0,2 Prozent Wachstum. Wirtschaftsverbände fordern neben niedrigeren Steuern und Bürokratieabbau dringend auch niedrigere Energiepreise. Was sollte hier geschehen?
Claudia Kemfert: Die Energiepreise sind nur deswegen hoch, weil wir zu lange an fossilem Erdgas hängen, was bei hohen Gaspreisen in der Verstromung auch die Elektrizitätspreise erhöht. Fossile Energien treiben die Energiepreise nach oben, wir bezahlen den Preis der verschleppten Energiewende. Die Industrie kann vor allen Dingen vom schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren, vom Energiesparen und von der schnelleren Transformation weg von fossiler Energie. Nur darin sollte man sie unterstützen. Neben dem Bürokratieabbau spielt vor allen Dingen die Digitalisierung eine zentrale Rolle.
Energieexpertin Kemfert im Interview: „Fossile und atomare Energien sind alles andere als billig“
Die Ampel geht davon aus, dass der Strompreis sinken wird, wenn die Erneuerbaren nur stark genug ausgebaut sind. So zumindest Kanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck. Ist das realistisch? Und wann kann man damit rechnen?
Es ist richtig, dass der schnellere Ausbau erneuerbarer Energien den Strompreis an der Börse senkt. Nur, das muss auch bei den Verbrauchern ankommen. Leider setzt die Bundesregierung völlig unnötigerweise auf einen überdimensionierten Ausbau von fossiler Infrastruktur, Stichwort LNG-Terminals. Das zu lange Festhalten an fossilem Erdgas macht die Strompreise teuer und lässt sie nicht sinken.
Allerdings sind die Kosten für neue Strom-Fernleitungen und -Speicher sowie Reservekraftwerke, die im Erneuerbaren-System gebraucht werden, sehr hoch. Verhindert das nicht den „Öko-Billigstrom“?
Fossile und atomare Energien sind alles andere als billig, ein aus erneuerbaren Energien hergestellter Strom ist vergleichsweise preiswert. Wird dieser Ökostrom sofort und effizient eingesetzt, beispielsweise in der Elektromobilität oder Wärmepumpe, senkt dies die Energiekosten enorm. Je intelligenter, sparsamer, dezentraler, effizienter und flexibler das Stromsystem ist, desto weniger Leitungen und Speicher sind nötig, desto geringer die Kosten, desto billiger der Strom. Und: Je mehr teure Gaskraftwerke im System sind, desto teurer wird es.
Claudia Kemfert, 55, leitet die Energieabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Universität Lüneburg und außerdem Vize-Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung.
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Energiewende in Deutschland: „Selbst Atomkraftwerksbetreiber wollen die Atomkraft nicht mehr“
Unterdessen werden die Rufe nach einem Wiedereinstieg in die Atomkraft lauter. Der Chef des Chemieverbands VCI, Markus Steilemann, hat jüngst gefordert, drei bis sechs der zuletzt stillgelegten AKW wieder ans Netz zu nehmen, um günstigen Grundlaststrom zu erzeugen. Auch die FDP sowie Union und AfD sind dafür. Nicht überlegenswert?
Nein. Selbst die Atomkraftwerksbetreiber wollen die Atomkraft nicht mehr. Aus gutem Grund: Die Zeit der Atomkraft ist abgelaufen. Sie ist eine Technik von gestern. Statt teuren und risikoreichen Militärtechnologien hinterher zu laufen, sollten wir den deutlich preiswerteren und risikoarmen Friedenstechnologien, den erneuerbaren Energien, den Weg ebnen.
Was halten Sie von den geplanten Mini-AKW, die viele auch hierzulande als Lösung ansehen?
Nichts, da sie keine Lösung darstellen. Bisherige Projekte wurden mangels Umsetzbarkeit eingestampft. Es handelt sich nicht um eine neue, sondern uralte Technologie, die weder risikoarm noch preiswert ist.
Fakt ist, dass Deutschland vom Stromexport- zum Importland geworden ist, vor allem, seitdem die 2022 in Serie abgeschalteten französischen AKW zum Großteil repariert sind und wieder laufen …
Fakt ist, dass Deutschland jederzeit in der Lage ist, seinen Strombedarf durch heimische Energien zu decken. Dass wir temporär Strom importiert haben, hat etwas mit Energiehandel zu tun: Unsere Kohlekraftwerke sind aufgrund des hohen CO2-Preises vergleichsweise teuer. Es ist preiswerter, vergleichsweise billigeren Erneuerbaren-Strom aus Dänemark, Norwegen oder den Niederlanden zu importieren.
Der französische staatliche Stromkonzern EDF hat gerade einen Rekordgewinn von über zehn Milliarden Euro gemeldet, trotz der hohen Kosten für die Reparaturen und seine AKW-Neubauten in Frankreich und Großbritannien. Ist der Atomstrom also nicht doch ein Zukunftsmodell?
Absolut nein. Atomstrom ist irre teuer. Die Atomtechnologie verursacht enorme Kosten wie man an den Kostenexplosionen der Neubauprojekte aktuell in England beobachten kann. Fakt ist: EDF ist ein hoch verschuldeter und daher verstaatlichter Konzern. Diese hohen Schulden scheinen nun etwas abgemildert zu sein, dennoch sind sie da. Ohne die hohen staatlichen Subventionen wäre der Konzern längst komplett pleite und vom Markt verschwunden.
Wer wird am Ende billigeren Strom haben – Deutschland oder Frankreich?
Eindeutig Deutschland. Ein Energiesystem basierend auf erneuerbaren Energien ist deutlich preiswerter als eines mit Atomstrom. Ohne massive staatliche Subventionen würde die Atomtechnologie nicht existieren. Diese Subventionen halten den Strompreis künstlich niedrig. Würden alle Atomkosten eingepreist werden, wäre der Strompreis viel teurer. Allein die Tatsache, dass keine Bank ohne Subventionen Atomenergie finanziell unterstützt und keine Versicherung die Risiken absichern würde, zeigt, dass Atomenergie unbezahlbar ist.
„Energiewende nimmt Fahrt auf“ – Energieexpertin Kemfert im Interview
Aber läuft die Energiewende hierzulande denn inzwischen schnell genug? Hat die Ampel den Schalter umgelegt?
Die Energiewende nimmt eindeutig Fahrt auf. Aber es gibt Licht und Schatten. Vor allem der Ausbau der erneuerbaren Energien geht voran, insbesondere der von Solarenergie, beim Wind könnte es durchaus noch schneller gehen. Zudem sollten mehr dezentrale intelligente Netze ausgebaut werden. Die Gebäudewende ist zu langsam, aber immerhin gibt es nun ein Heizungsgesetz. Im Bereich Verkehr muss deutlich mehr passieren, der Schienenverkehr muss viel mehr unterstützt werden, und es müssen die Vorteile des fossilen Verbrennungsmotors abgebaut werden – Stichwort Diesel- und Dienstwagenprivileg.
Die Finanzierung des Erneuerbaren-Ausbaus kommt ins Rutschen. Das von der Bundesregierung zu finanzierende EEG-Konto leert sich wegen der gesunkenen Börsen-Strompreise schneller als gedacht, es drohen Milliardenrisiken für den Etat. Gibt es hier Möglichkeiten gegenzusteuern?
Es tritt genau das ein, wovor ich und einige – wenige – andere immer gewarnt haben. Wir haben stets empfohlen, bei der EEG-Umlage zu bleiben, um nicht in die Willkür des Bundeshaushalts, aber vor allem eines Finanzministers zu geraten. Insbesondere dann, wenn hohe Zuschüsse gezahlt werden müssen und die Kassen leer sind. Politische Prozesse sind dann nur wenig steuerbar. Ein Argument mehr, endlich die Schuldenbremse aufzuweichen.
Der Miterfinder des EEG aus dem Jahr 2000, Hans-Josef Fell, fordert eine Rückkehr zur EEG-Finanzierung über den Strompreis. Wäre das nicht sinnvoll?
Jetzt noch wieder zur EEG-Umlage zurückzukommen, halte ich für unwahrscheinlich, da die Mehrheiten dafür fehlen. Ich hielte da eher den vom Erneuerbaren-Branchenverband BEE vorgeschlagenen Weg für gangbarer, die erneuerbaren Energien nicht mehr über die festgelegten 20 Jahre zu fördern, sondern eine bestimmte Menge des von einer Anlage erzeugten Ökostroms.
Energieexpertin Kemfert fordert Hilfen für Solarindustrie
Bei der Energiewende spitzt sich derzeit ein weiteres Problem zu: Die hiesigen Solarproduzenten sind wegen der Billigkonkurrenz aus China von der Pleite bedroht. Was sollte die Bundesregierung tun?
Die Bundesregierung sollte alles dafür tun, dass die hiesigen Solarproduzenten nicht pleite gehen, sie sollten unterstützt werden. Zudem muss der Markt vor Dumpingpreisen geschützt werden. Wir sollten zudem nicht zu abhängig von den Importen aus China werden, sondern vor Ort in der Lage sein, Solarmodule herzustellen. Wir brauchen Resilienz.
Selbst aus der Branche kommt Ablehnung. Solaranlagen-Verkäufer wie Enpal und 1Komma5° halten den geforderten „Resilienzbonus“ im EEG, einen Zuschlag für Produkte aus der EU, für zu teuer und kontraproduktiv. Auch die FDP ist dagegen …
Einige Anbieter am Markt benötigen offenbar die Billigprodukte, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dennoch ist der Resilienzbonus richtig, weil wir nicht so abhängig von den Importen aus China werden sollten.
Die „Stiftung Klimawirtschaft“, in der von Aldi Süd über Heidelberg Materials bis Wacker Chemie viele Unternehmen organisiert sind, hat im Magazin klimareporter.de ein klimapolitisches Rollback in Deutschland beklagt und einen politischen Rahmen verlangt, der über mehrere Legislaturperioden Bestand hat. Hat sie recht?
Absolut. Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Die richtigen politischen Rahmenbedingungen sind elementar, sie dürfen nicht andauernd revidiert, zerfleddert oder ganz aufgekündigt werden. Das Erstarken der Rechten ist zusätzliches Gift. In vielen Bereichen sind andere Länder wie China oder USA führend, wie Elektromobilität, erneuerbare Energien oder Batterieproduktion. Zudem gibt es zig weitere Bereiche, wo Deutschland mal führend war und durch die vielen politischen Unsicherheiten nahezu den Anschluss verloren hat. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht andauernd wiederholen.

