CO2-freier Strom?

Debatte flammt erneut auf: Kernkraft und Klimaschutz - wie passt das zusammen?

Auf den ersten Blick kontraintuitiv, doch für manche Experten die Lösung: Atomstrom könnte uns aus der Klimakrise helfen. Bill Gates ist einer der Verfechter dieser Idee.

Seattle - Die Preise für Energie steigen, gleichzeitig scheint die Klimakrise kaum mehr aufzuhalten: Das Pariser Abkommen will die Erderwärmung auf unter zwei Grad – oder idealerweise 1,5 Grad – im Vergleich zur vorindustriellen Zeit beschränken. Doch Umweltexperten und die UNO warnen: Aktuell steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,7 Grad in diesem Jahrhundert zu – mit gefährlichen Folgen. Für manche Experten ist Atomstrom die Lösung des Problems. CO2 arm, unabhängig von Wind und Wetter und günstig soll die Energie sein. Doch stimmt das?

Das spricht für Atomenergie als Klimaschutz-Lösung

Bill Gates bezieht in seinem Buch „Wie wir die Klimakrise verhindern“ klar Stellung. Fortschritt ist aus seiner Sicht die Antwort auf die Klimafrage, viele Prozesse sollen künftig elektrifiziert werden. Atomstrom könnte das Energieproblem lösen, dafür führt er einige Argumente ins Feld. Die Energiewende brauche Zeit, die die Welt aber nicht habe. Die Atomenergie produziere außerdem fast keine CO2-Emissionen. Für Bill Gates ist Atomstrom deshalb „saubere Energie“. An den Folgen der Luftverschmutzung durch Kohlekraft sterben laut einem Bericht der OECD etwa 23.000 Menschen pro Jahr in der EU. Atomunfälle wie Fukushima und Tschernobyl sind dramatisch und folgenreich, aber selten. Pro Terawattstunde gerechnet ist Atomenergie damit die sicherste unter den konventionellen Energieformen. Bei den erneuerbaren Energien Wind und Solar sind bisher nur bei Meeresbewohnern negative gesundheitliche Effekte bekannt: Der Bau von Offshore-Windanlagen kann, sofern keine entsprechenden Lärmschutzvorkehrungen getroffen werden, Tiere in Mitleidenschaft ziehen.

Aktuell sind in Deutschland noch sechs Atommeiler im Einsatz, die bis Ende 2022 abgeschaltet werden sollen. Quarks.de hat durchgerechnet, was passieren würde, wenn man diese am Netz ließe. Die Wissenschaftsexperten errechnen, dass fünf Braunkohlekraftwerke ersetzt werden könnten: Boxberg, Lippendorf, Neurath, Niederaußem, Boxberg und Jänschwalde. Das würde geschätzt etwa 70 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen – etwa zehn Prozent der deutschlandweiten Emissionen und knapp ein Drittel der energiebedingten Treibstoffausstöße der Bundesrepublik. Das klingt überzeugend! Doch es entstehen auch bei Atomstrom CO2-Emissionen, etwa beim Abbau von Uran, beim Bau des Kraftwerkes oder der Endlagerung. Die Experten von Quarks kommen aber zu dem Schluss: Selbst wenn das in die Kalkulation einfließt, könnten immer noch 54 Millionen Tonnen CO2 gespart werden, wenn die Atomkraftwerke länger am Netz blieben. Der Atomausstieg in Deutschland galt lange als beschlossene Sache. Doch gibt es ein Umdenken? Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze etwa brachte kürzlich eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ins Spiel.

Diese Argumente sprechen gegen Atomstrom

Die Nuklearkatastrophen in Fukushima und Tschernobyl sind wohl die naheliegendsten Gründe, die gegen Atomenergie sprechen. Wenn nukleare Energie außer Kontrolle gerät, hat das weitreichende Konsequenzen. Auch die Endlagerung ist ein noch nicht gelöstes Problem. Wohin mit dem radioaktiven Müll, ohne Gewässer zu verschmutzen oder Anwohner in Gefahr zu bringen? Eine recht kurzfristige Lösung fanden manche Staaten wie die USA, die ehemalige Sowjetunion, Großbritannien oder die Schweiz, die ihren Atommüll einfach in den Ozean einbrachten. Durch den starken Salzgehalt des Wassers lösen sich die Behälter allerdings auf, der radioaktive Abfall gelangte in die Natur.

Aufgrund der langen Halbwertszeit sollten Endlager theoretisch eine Million Jahre lang halten, doch wer kann schon mit Sicherheit sagen, was in dieser Zeitspanne passiert? Ein Transmutation genanntes Verfahren könnte die Halbwertszeit von Atommüll auf 500 bis 1000 Jahre verkürzen. Oder wie wäre es, den Atommüll mit Raketen ins Weltall zu schießen? Auch riskant, wenn man bedenkt, dass die Raketen explodieren könnten. In jedem Fall müssen Verfechter der Atomenergie die Entsorgung immer mitdenken.

Was ist günstiger: Atomstrom oder Windenergie?

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft berechnete in einer Studie die Kosten für Atomstrom mit 42,2 Cent pro Kilowattstunde, bei Windenergie kamen sie auf nur 8,1 Cent. Allerdings: Selbst die Berechnung von Stromkosten ist kompliziert und mit ideologischen Fragen verbunden. Sollten beispielsweise die Kosten für die Umwelt eingerechnet werden? Was ist mit den Kosten für die Gesundheit, etwa bei Kohlekraftwerken?

Zudem gibt es unterschiedlichste Berechnungen, die allesamt zu anderen Ergebnissen kommen: Eine Studie von Greenpeace aus dem Jahr 2017 sieht die Kosten für Atomenergie bei 6,2 Cent bis 15,2 Cent pro Kilowattstunde, das Energie- und Wirtschaftsministerium kommt auf 13 Cent pro Kilowattstunde für Atomstrom. Das Frauenhofer Institut kommt bei Onshore-Windkraftwerken auf 7,49 bis 13,79 Cent pro Kilowattstunde.

„Wir brauchen hunderte von Firmen, die verschiedene Dinge ausprobieren, egal ob Solar-, Wind-, Atom- oder Kohleenergie“, sagt Bill Gates in einem Video auf seinem Blog GatesNotes. „Zumindest ein paar davon sollten erfolgreich sein [...], damit arme Menschen günstige Energie erhalten und gleichzeitig die Umwelt nicht geschädigt wird“, wünscht sich der Microsoft-Gründer. Er forscht mit seiner Firma TerraPower an Laufwellenreaktoren und will bald in Wyoming ein Atomkraftwerk bauen. In der Zwischenzeit blickt die Welt auf die UN-Weltklimakonferenz wo die Länder dieser Welt derzeit um die Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise ringen.

Rubriklistenbild: © Chris Emil Janssen / Imago

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