VonFelicitas Breschendorfschließen
Eltern regen sich gerne auf, wenn sich die Kleinsten über das Mittagessen beschweren. Dabei können sie womöglich nichts für ihr Verhalten.
Die neunjährige Libby versteht ihre Eltern manchmal überhaupt nicht. „Mama und Papa essen Brokkoli“, sagt das Mädchen aus Darmstadt im Bundesland Hessen. Ihr schmeckt das gar nicht. Ihre Schwester, die siebenjährige Milly, mag keine Tomaten. „Ich habe mal eine Tomate probiert, die war eklig. Die hat irgendwie so einen Saft.“
Eltern finden solche Beschwerden oft nervig: Sie glauben, ihre Kinder seien wählerisch oder „schleckig“, wie man im Süden von Deutschland sagt. Dabei ist es gut möglich, dass sie das Gemüse irgendwann mögen werden, wenn sie erwachsen sind.
Gemüse schmeckt für Kinder womöglich extrem bitter
Der Ernährungsexperte Stefan Wahlen sagt, dass unsere Geschmacksknospen im Alter weniger werden. Geschmacksknospen liegen auf unserer Zunge und sorgen dafür, dass wir verschiedene Geschmacksstoffe erkennen können.
„Kinder nehmen verschiedenes Essen viel intensiver wahr als die Erwachsenen“, sagt er. Das liege daran, dass sie noch mehr Geschmacksknospen besitzen. Lebensmittel oder Getränke könnten sie dadurch zum Beispiel als extrem bitter wahrnehmen. Wenn Kinder Gemüse als eklig empfinden, sind sie also nicht unbedingt besonders wählerisch oder stellen sich an. Zucchini, Aubergine, Tomate und Co schmecken für sie womöglich tatsächlich schlechter.
Das könnte auch der Grund sein, warum Kinder im vergangenen Jahr nur halb so viel Obst und Gemüse als empfohlen aßen. Das zeigten Untersuchungen eines Bündnisses aus Ernährungs- und Kinderschutzorganisationen, die das Redaktionsnetzwerk Deutschlands (RND) veröffentlichte. Werbung für ungesundes Essen zu verbieten, wie es die Mehrheit der Verbraucher:innen möchte, könnte schlussendlich nichts bringen.
Hang nach Süßigkeiten muss kein Hinweis auf schlechte Erziehung sein
Es könnte sein, dass Eltern ihren Kindern zu Unrecht schlechte Essgewohnheiten unterstellen, wenn sie Gemüse verabscheuen. Aber was ist mit Lebensmitteln, die offensichtlich nicht bitter schmecken? Bei Süßigkeiten wird bei Kindern ja oft behauptet, dass sie diese viel zu gerne und oft essen. Im vergangenen Jahr aßen sie laut dem eben genannten Bündnis sogar doppelt so viele davon als empfohlen.
Grund für ihre Liebe zu zuckerhaltigem Essen ist laut einer Studie der Universität Washington jedoch nicht, dass sie unerzogen sind. Knochenwachstum führt demnach dazu, dass Kinder den süßen Geschmack bevorzugen. Deshalb essen der Studie zufolge besonders Kleinkinder in ihrer Wachstumsphase so gerne Süßigkeiten.
Der Heißhunger danach beginnt aber noch viel früher: Wie der Kinder- und Jugenarzt Berthold Koletzko dem Portal der Kinder- und Jugendhilfe erklärte, wird er schon „durch den leicht süßen Geschmack der Muttermilch oder der Babynahrung geprägt“.
Manche Mütter zwingen ihre Kinder zur Diät – man nennt sie auch „Almond Moms“.
(mit Material der dpa)
