- VonStefanie Fischhaberschließen
Arztpraxen und Kliniken befinden sich derzeit im Dauerstress. Gesundheitsminister Lauterbach will nun besonders die Kindermedizin entlasten. Er plant einige Veränderungen.
Berlin – Erst kam das Coronavirus, jetzt sucht eine Krankheitswelle bei Kindern Arztpraxen und Krankenhäuser heim. Seit Jahren befinden sich Pflegekräfte und Ärzte im Dauerstress – und auch vor der Pandemie war die Situation nicht besser. Angesichts der Krise im Gesundheitssystem will Gesundheitsminister Karl Lauterbach die Kindermedizin nun mit einem 3-Punkte-Plan entlasten.
Überlastete Kliniken und fehlendes Personal: Lauterbach will Kindermedizin entlasten
Besonders in der Kindermedizin ist die Lage derzeit prekär: Vielen Kliniken fehlt es an Personal und Arzneimitteln, Eltern kämpfen mit vollen Praxen. Bundesgesundheitsminister Lauterbach will nun nachlegen. „Wir werden es nicht zulassen, dass die Kinder, die in der Pandemie so viel aufgegeben haben, jetzt nicht die Versorgung bekommen, die sie brauchen“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag (15. Dezember) im Bundestag.
Geplant sind deshalb Regelungen, um mehr Pflegekräfte in Kliniken zu finanzieren und Mehrarbeit überlasteter Praxen besser zu honorieren. Lauterbach schloss nicht aus, dass in einem nächsten Schritt notfalls planbare Eingriffe für Erwachsene verschoben werden könnten. Die Berliner Charité und andere deutsche Kliniken haben bereits hunderte Eingriffe bis Ende des Jahres verschoben. Kommen sollen auch Maßnahmen gegen Lieferengpässe bei manchen Medikamenten.
Berufsfeld soll attraktiver werden: Mehr Budget und Studienplätze in der Medizin
Konkret plant Lauterbach, Kinderarztpraxen finanziell zu entlasten. Für Ärzte und Ärztinnen in Kinderpraxen sollen Mehrleistungen nach festen Preisen komplett honoriert werden – ohne Abschläge wegen Budgets mit Obergrenzen. Zusatzleistungen werden künftig also auch entlohnt und nicht wie bisher über eine Budgetierung begrenzt. Um die Kinderheilkunde für Ärzte attraktiver zu machen, soll sie auch dauerhaft von Vergütungsbudgets ausgenommen werden. Diese Budgets führten dazu, dass Kinderärzte Leistungen teilweise nicht abrechnen können.
Um den Medizinberuf attraktiver zu machen, will der SPD-Gesundheitsexperte zudem mehr Medizin-Studienplätze schaffen. „Auf uns läuft eine mittlere Katastrophe zu, was das Ärzteangebot angeht“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung „Markus Lanz – Das Jahr 2022“. „Wir brauchen 5000 zusätzliche Medizinstudierende, sonst können wir die Babyboomer-Generation nicht angemessen versorgen.“ Man müsse jetzt handeln, weil die Ausbildung zehn Jahre dauere.
Lauterbach plant Krankenhausreform: Pflegekräfte sollen mehr Verantwortung bekommen
Zuletzt beabsichtigt Lauterbach, Pflegekräften mehr Verantwortung zu geben. Damit solle die Pflege im Krankenhaus aufgewertet werden. „Ich wünsche mir, dass wir hier künftig Pflegekräfte haben, die stärker auch wie Ärzte arbeiten“, sagte Lauterbach der Zeit vom Mittwoch. Lauterbach verwies auf die USA, wo „besonders gut ausgebildete Pflegekräfte vieles machen, was bei uns den Hausärzten vorbehalten ist“. In Deutschland wehre die Ärztelobby jede Übertragung von Kompetenzen an das Pflegepersonal ab.
Der Gesundheitsminister plant eine große Krankenhausreform. Die Vorschläge sehen unter anderem vor, Krankenhäuser einzurichten, die ohne angestellte Ärzte auskommen und ganz von Pflegekräften geleitet werden. Eine neue gesetzliche Regelung plant Lauterbach außerdem zur Überwindung der Lieferengpässe bei Arzneimitteln. „Wir arbeiten deshalb an einem Gesetz, das sicherstellt, dass Medikamente in mehreren Weltregionen gleichzeitig beschafft werden müssen, damit wir nicht mehr von ein oder zwei Fabriken weltweit abhängig sind“, sagte er der Zeitung.
Kritik an Lauterbachs Plänen: Gesetzesänderungen kommen zu spät
Für die Kinderärzte kommen diese Gesetzesvorhaben zu spät. „Wir brauchen jetzt eine von der Politik angeschobene Beschaffungsaktion, um wie zu Beginn der Coronapandemie in einer Notlage schnell an Fiebersaft, bestimmte Antibiotika und andere selten gewordene Präparate für kleine Kinder zu kommen“, sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, der Rheinischen Post. (sf mit dpa und AFP)