„Lifestyle“ oder notwendig?

Arbeitszeit-Zoff: Jetzt widerspricht Dobrindt dem Unions-Wirtschaftsflügel – und nennt seinen Maßstab

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Notwendig – oder nur „Lifestyle“? Kritiker des CDU-Vorschlags sind empört und verweisen auf strukturelle Hindernisse.

Update, 27. Januar, 6:44 Uhr: Eine zentrale Figur lässt die Union in der Teilzeit-Debatte ins Leere laufen: Innenminister Alexander Dobrindt sieht keinen Grund, den Rechtsanspruch darauf einzuschränken: „Ich glaube nicht, dass daraus ein politisches Programm wird“, sagte der CSU-Politiker in der ntv-Talkshow „Pinar Atalay“. „Ich sehe da keinen Änderungsbedarf.“

Das sei etwas, was sehr individuell entschieden werde, was auch in die Lebensmodelle der Menschen reinpassen müsse. Was der CSU-Politiker stattdessen bei der Arbeitszeit für sinnvoll hält: „Mein Maßstab ist eher Flexibilisierung der Arbeitszeit. Ich glaube, dass wir wegmüssen von diesem reinen 8-Stunden-Tag und hin zu einer Wochenarbeitszeit.“ Das komme dem Lebensgefühl der Menschen näher. Insgesamt sollte in Deutschland mehr gearbeitet werden, um wettbewerbsfähiger zu sein: „Das würde ich zwingend unterstützen.“

Hat derzeit alle Hände voll zu tun: Innenminister Alexander Dobrindt schaltet sich in die Teilzeit-Debatte ein (Archivbild).

Streit um Recht auf Teilzeit: Merz-Ministerin Reiche pocht auf mehr Vollzeitarbeit

Erstmeldung: Der Wirtschaftsflügel der CDU hat vorgeschlagen, den Rechtsanspruch auf Teilzeit nur noch in bestimmten Fällen gelten zu lassen. Die Unionspolitiker wollen die Regelung auf die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und Weiterbildungen beschränken. Begründet wird der Vorstoß mit dem Fachkräftemangel.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) indes hat sich für mehr Vollzeitarbeit in Deutschland ausgesprochen – sich jedoch nicht hinter den Vorstoß der Mittelstandsunion zur Teilzeitarbeit gestellt. „Es ist richtig, dass die Arbeitsproduktivität in Deutschland gesteigert werden muss“, sagte Reiche laut Reuters in Hamburg auf eine entsprechende Frage.

Die besten Arbeitgeber in Deutschland: Zu diesen Unternehmen wollen Fachkräfte 2025 gehen

Siemens AG - Hauptversammlung
Siemens hat es an die Spitze geschafft: In Deutschland würden viele Ingenieure am liebsten zu diesem Arbeitgeber gehen. Dort erhoffen sie sich neben guter Bezahlung und flexiblen Arbeitszeiten eine Firma, die für Innovation steht.  © Sven Hoppe/dpa
Die Vorstände des Technologie-Konzerns Bosch Christian Fischer (l-r), Markus Forschner, Stefan Grosch, Stefan Hartung (Vorsitzender), Tanja Rückert, Markus Heyn und Frank Meyer stehen bei der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns an einem Bosch Logo.
Bosch ist auf Platz 2 der führenden Arbeitgeber für junge Fachkräfte im Ingenieurswesen in Deutschland. Damit ist erstmals kein Automobilunternehmen ganz oben mit dabei - dafür aber ihre Zulieferer.  © Bernd Weißbrod/dpa
Porsche 911 Turbo 50 Jahre
Im Ranking der Beratungsfirma Universum hat es Porsche auf den dritten Platz geschafft. Beim letzten Ranking stand der Autokonzern noch an der Spitze, büßt bei Ingenieuren also zwei Plätze ein.  © Porsche AG
BMW-Stammwerk in München
Auch die BMW Group gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern der deutschen Ingenieure. Wie viele Autokonzerne kämpft auch BMW mit harten Zeiten - doch beim Thema E-Mobilität hat dieses Unternehmen die Nase vorn.  © Sven Hoppe/dpa
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group, Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, stehen während der Eröffnungsfeier des Mercedes-Benz-Campus ´zusammen
Bei Mercedes-Benz erhoffen sich Ingenieure ebenfalls eine gute Zukunft mit guter Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen. Noch dazu scheint das Unternehmen sich als besonders innovativ herausstellen zu können.  © Sebastian Gollnow/dpa
Ein Airbus von Qatar Airways landet auf dem Hamburger Flughafen
Einen Platz nach oben gerutscht ist im Universum-Ranking für Ingenieure auch Airbus. Der Flugzeughersteller konnte sich in den vergangenen Monaten gegenüber dem Konkurrenten Boeing positiv positionieren - letzterer ist geplagt von Skandalen und Negativschlagzeilen.  © Georg Wendt/dpa
Gernot Döllner, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2023.
Auch Audi bleibt bei Ingenieuren als Arbeitgeber beliebt - muss aber zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr einbüßen. Die Ingolstädter leiden ebenfalls unter der Autokrise - gerade wird über die Schließung eines Werks in Brüssel intensiv diskutiert.  © Sven Hoppe/dpa
Google eröffnet Cloud-Rechenzentrum in Hanau
Google ist für Ingenieure ein beliebter Arbeitgeber in Deutschland, der Tech-Riese steigt sogar auf im Ranking. Bei der letzten Untersuchung konnte Google nur den 10. Platz für Ingenieure belegen. Dafür ist der Gigant aus den USA im Fachkräfte-Ranking bei der IT an der Spitze der beliebtesten Arbeitgeber.  © Arne Dedert/dpa
Deutsche Bahn fährt in Dresden
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Deutsche Bahn gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern für Ingenieure in Deutschland. Trotz seines schlechten Rufs als Verkehrsmittel scheint die Firma insbesondere Fachkräfte gut zu erreichen. Bei den Lokführern und Kontrolleuren hingegen hörte man zuletzt eigentlich nur Frust.  © Robert Michael/dpa
Björn Bernhard, Geschäftsführer der Rheinmetall Landsysteme GmbH, spricht bei der Übergabe vom Radpanzer für die Bundeswehr vom Typ Boxer als Schwerer Waffenträger Infanterie. Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist mit der Lieferung der 123 Boxer-Fahrzeuge beauftragt worden.
Auf Platz 10 hat es zum ersten Mal ein Rüstungsunternehmen geschafft: Rheinmetall steigt im Ranking der Ingenieure um drei Plätze auf. Damit profitiert das Unternehmen von einer neuen Stellung und Wahrnehmung im Land.  © Philipp Schulze/dpa

Die Arbeitsproduktivität unterscheide sich zwar nicht wesentlich von den USA, so die CDU-Politikerin, aber die Wochen- und Monatsarbeitszeit sei im Vergleich zu anderen europäischen Staaten geringer. Deshalb wäre es gut, mehr Vollzeitarbeitsplätze mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien zu kombinieren.

Debatte über Arbeitszeit: CDU-Wirtschaftsflügel will Recht auf Teilzeit abschaffen

Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt warf dem CDU-Flügel Misstrauen gegenüber der arbeitenden Bevölkerung vor, wie der Deutschlandfunk berichtet. Auch aus der Union selbst kommt Widerspruch: Der Vorsitzende des Sozialflügels, Dennis Radtke, sagte den Funke-Medien, für mehr Vollzeitarbeit müssten die Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege verbessert werden.

Nach dem Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels zu einer Reform des Rechtsanspruchs auf Teilzeit haben mehrere Vertreter des Koalitionspartners SPD Kritik geübt. Die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, wies den Vorschlag im Stern (26. Januar) deutlich zurück. „Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten“, sagte sie.

Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland zeigten jeden Tag vollen Einsatz, betonte Schwesig. „Das sollte man nicht kleinreden.“ Es gebe unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit gingen. „Und der Staat sollte hier nicht zwischen guten und schlechten Gründen unterscheiden“, sagte die Sozialdemokratin. Stattdessen müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise Pflege und Beruf verbessert werden.

SPD kritisiert Vorstoß zur Teilzeit: „Viele arbeiten an Belastungsgrenze“

In einem am Sonntag bekannt gewordenen Papier des CDU-Wirtschaftsflügels mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ fordert die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) eine Reform des Rechtsanspruchs auf Teilzeit: Dieser solle künftig „nur bei Vorliegen einer besonderen Begründung gelten“. „Besondere Gründe können beispielsweise die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder eine berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung sein“, heißt es in dem Antrag weiter, der AFP vorliegt und über den zuerst der Stern berichtet hatte.

Mehrere SPD-Bundestagsabgeordnete stellten sich ebenfalls gegen die CDU-Forderung. „Die Menschen in Deutschland arbeiten heute bereits in vielen Fällen an der Belastungsgrenze“, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Annika Klose, dem Spiegel. „Der Weg der Union, mit ihren Vorschlägen den Druck auf die Beschäftigten immer weiter zu erhöhen, ist ein Holzweg und führt in die Sackgasse: zu höheren Burnout-Quoten oder einem früheren Ausscheiden aus dem Arbeitsleben.“

Richtig sei es, Fehlanreize wie Minijobs und das Ehegattensplitting abzuschaffen, erklärte Klose. „Schade, dass die MIT stattdessen auf Populismus auf dem Rücken der Beschäftigten setzt.“

Streit um Teilzeit: „Ideologie auf dem Rücken von Beschäftigten“

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Roloff, kritisierte ebenfalls den CDU-Vorstoß. „Wer Sozialleistungen für Teilzeitkräfte streichen will, zeigt, dass es hier nicht um Fachkräftesicherung geht, sondern um Ideologie auf dem Rücken von Beschäftigten“, sagte er dem Spiegel. „Wir brauchen mehr Arbeitsvolumen in Deutschland“, sagt der SPD-Abgeordnete. „Aber der Weg dahin führt über bessere Kinderbetreuung, echte Entlastung bei der Pflege und Anreize statt Sanktionen.“

Ähnlich äußerte sich die SPD-Abgeordnete Rasha Nasr. „Der Rechtsanspruch auf Teilzeit ist kein Luxus und kein Zeichen mangelnder Solidarität“, sagte sie dem Spiegel. Wer Beschäftigte in Teilzeit „als unsolidarisch diffamiert, verkennt die Lebensrealität vieler Menschen und wertet ihre Leistung ab.“ (Quellen: Deutschlandfunk, AFP) (frs)

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