VonJörg Staudeschließen
Der Klimawandel bringt auch in Deutschland extreme Hitzewellen mit sich. Die gesundheitlichen Risiken sind enorm, doch bislang gibt es kaum Notfallpläne – das soll sich nun ändern.
Zu den überall im deutschsprachigen Internet und besonders auf kommunalen Websites zu findenden „Hitze-Knigges“ hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine ziemlich klare Meinung. Es sei „eine Unart“, klagte er am Dienstag in Berlin, wenn ein großes Problem, das eigentlich staatliches Handeln erfordere, durch das Vorhalten einer Internetseite erledigt werden solle.
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Den Schutz vor Hitze als etwas zu betrachten, wofür jede und jeder Einzelne verantwortlich ist, sei Teil des Problems, kritisierte Lauterbach weiter. „Das ist eine Fehleinschätzung der Situation.“ Für den Minister ist der Staat mitverantwortlich für einen angemessenen Hitzeschutz. Viele Betroffene seien nicht einmal in der Lage, das Risiko richtig einzuschätzen.
Hitze-Bündnis betont das Gesundheitsrisiko
Mit der angeprangerten „Unart“ will zumindest die Gesundheitsbranche anfangen aufzuräumen. So veranstaltet die Bundesärztekammer an diesem Mittwoch zusammen mit dem Pflegerat und der Allianz für Klimawandel und Gesundheit einen sogenannten „Hitzeaktionstag“.
Die Zahlen, die das Hitze-Bündnis dazu am Dienstag bei einem gemeinsamen Medienauftritt präsentierte, sind nicht neu. Im vergangenen Sommer gab es demnach bundesweit 4500 hitzebedingte Todesfälle, im Rekordsommer 2018 waren es 8300. Hitze ist zurzeit das größte durch den Klimawandel bedingte Gesundheitsrisiko, wurde erneut betont.
Ärztepräsident vermisst konkrete Vorgaben
Hitze belaste verletzliche Gruppen wie Ältere und Kranke oder Kinder nicht nur körperlich, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt. Festzustellen sei auch eine Zunahme psychischer Erkrankungen.
Es gebe zwar eine zunehmende politische Debatte um den Hitzeschutz, aber bislang keine entsprechenden Maßnahmen in der Praxis, bedauerte Reinhardt.
Frankreich reagierte schon 2003
Vorbild beim Umgang mit Hitze ist für Minister Lauterbach Frankreich. Das Nachbarland habe schon nach der Hitzewelle des Jahres 2003 einen nationalen Hitzeplan aufgelegt, lobte Lauterbach. An dem Plan wolle er sich eng orientieren und ihn für Deutschland anpassen.
Kern des Hitzeplans sind, wie Lauterbach erläuterte, bestimmte Schweregrade, nach denen Hitzeperioden eingeteilt werden. Darauf bauen Schutzpläne in den Gesundheitseinrichtungen und den Kommunen auf – mit klaren Zuständigkeiten. So lassen sich gefährdete Menschen gezielt erreichen, etwa mit Anrufen bei alten Menschen, damit sie regelmäßig trinken
Lauterbach will zu konzertierter Aktion einladen
Bei einer bestimmten Warnstufe darf beispielsweise kein Schulsport mehr im Freien getrieben werden oder bestimmte Arbeiten unter freiem Himmel sind nicht länger erlaubt. Die nötigen Strukturen, um all dies zu veranlassen und umzusetzen, seien aber in Deutschland bisher nicht vorhanden, beklagte das Hitze-Bündnis am Dienstag. Um den Aufbau eines solchen Systems anzustoßen, will Lauterbach in der nächsten Woche Einladungen zu einer konzertierten Aktion an Kommunen, Gesundheitsbranche, Ärzteschaft und Pflegeeinrichtungen verschicken.
Für den Gesundheitsminister ist dabei auch klar: Über Appelle und Informationen hinaus muss es konkrete Angebote wie Kälteräume oder öffentliche Trinkbrunnen geben. Darüber wolle er mit Städten und Gemeinden sprechen.
Bundesregierung ist laut Lauterbach auch zu Investitionen bereit
Allein schon die öffentliche Präsenz solcher Angebote bringe das Problem stärker ins Bewusstsein, ist er sich sicher. Die Bundesregierung ist laut Lauterbach auch zu Investitionen bereit. Schätzungen über die zu erwartenden Kosten gibt es aber noch nicht.
Hitzeaktionstag
Zum Hitzeaktionstag an diesem Mittwoch bietet die hessische Landesärztekammer eine Telefonsprechstunde an. Bürgerinnen und Bürger können sich per Anruf über hitzebedingte Gesundheitsrisiken informieren. Die Ärztin und Klimaschutzbeauftragte, Svenja Krück, ist dafür zwischen 10 und 12 Uhr erreichbar, ihr Kollege Lars Bodammer danach von 15 bis 17 Uhr. Die Telefonnummer lautet: 069 / 976725598.
Die wichtigsten Informationen zum richtigen Verhalten während einer Hitzewelle hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin auf folgender Webseite zusammengestellt: www.patienten-information.de/kurzinformationen/hitze
Bundesweit sind in den kommenden Wochen Veranstaltungen unter dem Motto „Mit Hitze keine Witze“ geplant. In Regensburg richtet sich am 5. Juli ein Tagung der Gruppe „Health for Future“ an Berufstätige der Gesundheitsbranche sowie Interessierte: www.ukr.de/veranstaltung/klimawandel-und-gesundheit-wenn-hitze-zum-risiko-wird
In Frankfurt ist die Frage „Wer schützt uns vor der Hitze“ Thema einer Podiumsdiskussion am Dienstag, den 27. Juni, um 19 Uhr im Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Veranstaltet wird der Austausch zu Hessens Hitzeaktionsplan von „Health for Future“, „Scientists for Future“ und der Senckenberg-Gesellschaft. jur/jjm
Dauerhafter Hitzeschutz funktioniert nach Ansicht der Gesundheitsfachleute nicht ohne gesetzliche Vorschriften. „Wir fordern einen klaren gesetzlichen Rahmen für gesundheitlichen Hitzeschutz auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene“, verkündete dazu am Dienstag Martin Herrmann, Chef der Allianz für Klimawandel und Gesundheit, eines Netzwerks aus Organisationen und Verbänden. Hitzeschutzmaßnahmen müssten als Pflichtaufgabe verankert, Zuständigkeiten und Kompetenzen geregelt werden, sagte Herrmann.
Für den einstigen Arzt reicht der Hitzeschutz bis in den Katastrophenschutz hinein. Flächendeckende Hitzewellen könnten sich zu Großschadensereignissen entwickeln, warnte Hermann. Für das Ausrufen eines Hitzenotstands gebe es bisher keinen Plan, obwohl es jederzeit zu stärkeren Hitzewellen kommen könne.
Warum dauerte es 20 Jahre?
Nach Ansicht der Gesundheitsfachleute muss der Hitzeschutz im besten Fall als Pflichtaufgabe im kommenden Klimaanpassungsgesetz festgeschrieben werden. Darüber werde er mit der Bundesumweltministerin reden, sagte Lauterbach auf Anfrage. Wie das Bundesumweltministerium dazu steht, ist unklar – auf eine Anfrage gab es bis Redaktionsschluss keine Antwort.
Unbeantwortet bleibt an diesem Dienstag auch die Frage, warum Deutschland 20 Jahre brauchte, um sich bei der Hitzevorsorge dem Stand von Frankreich anzunähern. Es ist aber immerhin wahrscheinlicher geworden, dass Hitze nicht mehr nur mit bestem Badewetter assoziiert wird.

