VonJoachim Willeschließen
Das vergangene Jahr war das heißeste Jahr seit Beginn der Dokumentation – und womöglich seit 100 000 Jahren. Das 1,5-Grad-Ziel rückt weiter in Ferne.
Brüssel – Schon im Herbst hatte sich abgezeichnet, dass 2023 wohl das wärmste Jahr seit Beginn der globalen Aufzeichnungen werden würde. Am Dienstag ist das durch den „Copernicus Climate Change Service“ (C3S) der EU offiziell bestätigt worden. Und dessen Fachleute ergänzten das durch eine weitere bedenklich stimmende Nachricht: Es sei wahrscheinlich, dass im Januar oder Februar 2024 der dann endende Zwölf-Monats-Zeitraum über 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegen wird. Die Zielmarke aus dem Pariser Klima-Vertrag würde dann erstmals überschritten.
C3S-Direktor Carlo Buontempo mahnte: „Die extremen Ereignisse, die wir in den letzten Monaten beobachtet haben, sind ein dramatisches Zeugnis dafür, wie weit wir uns von dem Klima entfernt haben, in dem unsere Zivilisation bisher florierte.“
Dramatisches Weltklima: 1,5-Grad-Ziel scheint nicht mehr zu halten
Bereits das Jahr 2023 lag an der 1,5-Grad-Grenze, wie der Dienst nun meldete, der zum EU-Weltraumprogramm gehört. Die Temperaturen waren danach im globalen Durchschnitt 1,48 Grad Celsius höher als im vorindustriellen Niveau der Zeit 1850 bis 1900 und 0,6 Grad höher als der Mittelwert der bereits deutlich erwärmten Periode von 1991 und 2020. Besonders „die beispiellosen globalen Temperaturen ab Juni“ hätten zu dem Rekord geführt und dazu, dass 2023 das vorherige wärmste Jahr 2016 „mit großem Abstand“ überholte. Das Plus gegenüber dem bisherigen Rekordhalter vor sieben Jahren betrug demnach 0,17 Grad. Die Copernicus-Fachleute stellten den neuen Rekord auch in den erdgeschichtlichen Kontext: Es sei „wahrscheinlich, dass die Temperaturen 2023 wärmer waren als in den vergangenen 100.000 Jahren.“
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Copernicus ergänzt das durch einige Details. So sei 2023 zum ersten Mal aufgezeichnet worden, dass global jeder Tag des Jahres mehr als ein Grad über dem vorindustriellen Niveau lag. Knapp die Hälfte der Tage waren danach 1,5 und mehr wärmer, und an zwei Tagen im November lag dieser Wert sogar erstmalig über zwei Grad. In Europa war 2023 übrigens „nur“ das zweitwärmste Jahr, mit 1,02 Grad über dem Durchschnitt von 1991 - 2020 und 0,17 Grad unter dem Wert von 2020, dem Rekordhalter hier.
Der 2015 geschlossene Paris-Vertrag regelt, dass die globale Erwärmung „deutlich unter zwei Grad“ gehalten, aber möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden soll. Ziel dabei ist es, eine Destabilisierung von Kippelementen des Weltklimas zu verhindern, darunter das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes oder das komplette Abschmelzen des Grönland-Eisschilds. Mit einem erstmaligen Erreichen des 1,5 Grad-Limits wäre diese Paris-Vorgabe noch nicht gebrochen, da es hier um dauerhaftes Überschreiten des Wertes geht. Allerdings ist es laut Klima-Fachleuten ein Anzeichen dafür, dass dies früher geschehen könnte als bisher erwartet. Professor Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zum Beispiel hält es für möglich, „dass eine 30-jährige Klimaperiode zentriert um 2025 schon das 1,5-Grad-Ziel reißen wird“. Ein Überschreiten des Schwellenwertes könne „als ein starkes Zeichen dafür interpretiert werden, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommen nicht mehr zu halten ist“.
Extreme Hitze im Jahr 2023: El-Niño und ungewöhnlich hohe Temperaturen an Meeresoberflächen
Ein Hauptfaktor, der 2023 zum Rekordjahr macht, ist ein natürliches Phänomen, das El-Niño-Ereignis, das im Sommer einsetzte. El-Niño tritt unregelmäßig alle zwei bis sieben Jahre auf, verändert die Meeresströmungen im Pazifik und erhöht dabei die globale Temperatur um 0,1 bis 0,2 Grad. Nach dem Ende des Ereignisses wird die globale Temperatur aller Voraussicht nach also für eine gewisse Zeit wieder unter die 1,5 Grad sinken. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif verweist darauf, dass die drei Jahre vor 2023 zudem „La-Niña-Jahre“ waren, weswegen der Anstieg der globalen Temperatur 2023 so deutlich gewesen sei. La Niña ist quasi die „kühlende“ Gegenspielerin von El Niño. Der Professor betonte aber gegenüber der FR: „Ohne den Einfluss der globalen Erwärmung wäre 2023 nicht das wärmste Jahr geworden.“
Großen Einfluss auf die aktuelle Lage hatten laut Copernicus 2023 aber generell die ungewöhnlich hohen Temperaturen an den Meeresoberflächen, die in den meisten Ozeanen festgestellt wurden. Sie hätten „eine wichtige Rolle bei den globalen Rekordwerten“ gespielt, betont der Infodienst. Es scheint sich der Trend zu beschleunigen, über den der Weltklimarat IPCC 2019 berichtete. Laut IPCC hat sich die Häufigkeit der marinen Hitzewellen seit den 80er Jahren verdoppelt, zudem werden sie intensiver und länger.
In der Fachwelt hatte der Hitzeschub in den Meeren große Besorgnis ausgelöst. Der Klima- und Ozeanexperte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sprach von einer „extremen Temperaturabweichung nach oben“. Als bedenklich gilt die starke Erwärmung unter anderem, weil die Ozeane ein Klimaregulator sind. Bisher haben sie rund 90 Prozent der Wärme aufgenommen, die durch den vom Menschen verstärkten Treibhauseffekt ins System gekommen ist. Wird diese Pufferwirkung kleiner, hat das Folgen für die Erwärmung generell. 2023 mit seinen vielen Extremwettereignissen wäre damit nur ein Vorgeschmack auf eine weitere Verschärfung der Klimakrise.
