VonJörg Staudeschließen
Klimaforscherin Julia Pongratz über neuartige Technologien, die Rolle der Aufforstung und die Bedeutung von Rest-Emissionen.
Frau Pongratz, seit anderthalb Jahren läuft das deutsche Forschungsprogramm CDR-terra. CDR steht hierbei für Carbon Dioxide Removal, also CO2-Entnahme und terra steht für unsere Erde. Was wollen Sie mit diesem Programm herausbekommen?
Bei CDR-terra untersuchen wir vor allem, wie und in welchem Umfang landbasierte CO2-Entnahme zur Begrenzung des Klimawandels beitragen kann. Da geht es um die Rolle von Böden und Vegetation, aber auch um die Kombination mit technischen Verfahren, etwa die Nutzung von Bioenergie mit anschließender Abscheidung und Speicherung von CO2. Neben pflanzenbasierten Methoden schauen wir uns weitere an, die nicht über die Fotosynthese funktionieren, wie Gestein fein zu mahlen und es auszubringen. Auch sehr neuartige Methoden haben wir im Blick, etwa karbonfaserbasierte Baustoffe, die aus Algenöl hergestellt werden und so CO2 aus der Atmosphäre binden. Erforscht wird auch die direkte technische CO2-Filterung und -Abscheidung sowie die künstliche Fotosynthese. Unser Ziel ist es, Grundlagen für einen sinnvollen CO2-Entnahme-Mix für Deutschland zu schaffen. Wie der genau aussehen wird, ist am Ende eine politische Entscheidung. Für diese wollen wir die wissenschaftliche Basis schaffen. Auch bei CDR-terra steht an erster Stelle, CO2-Emissionen zu vermeiden. Aber ohne eine Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre ist es nicht möglich, Treibhausgasneutralität zu erreichen, wie sie für die Einhaltung der Pariser Klimaziele notwendig ist.
Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Und was können wir alle tun, damit die Erde keine gefährlichen Kipppunkte überschreitet – und die Menschheit die richtige Richtung einschlägt? Der Klima-Podcast der Frankfurter Rundschau macht sich daran, solche Fragen zu beantworten. In „Kipp und klar“ spricht das Klimateam der FR über das wichtigste Thema unserer Zeit: den menschengemachten Klimawandel, der zunehmend spürbar unseren Alltag bestimmt.
In der vierten Folge „Welche Grenzen braucht die Wirtschaft?“, erklärt der Klimaforscher Anders Levermann unserer Redakteurin Friederike Meier wie unsere Art zu Wirtschaften den Planeten zerstört. Gibt es denn „grünes Wachstum“? Und falls nicht, was ist die Alternative? Anders Levermann zeigt in „Kipp und klar“, wie er das Dilemma aus Wachstum und Klimaschutz lösen will.
Technologien, die CO2 „versenken“, sollen jetzt auch genutzt werden, um fossile Rohstoffe CO2-arm zu machen. Man denke nur an den „blauen“ Wasserstoff. Wie bleibt CO2-Vermeidung an erster Stelle?
Durch CO2-Entnahme darf eine ambitionierte Klimapolitik nicht unterminiert werden. Sie kann aber die notwendige Ergänzung zu einer schnellen und drastischen CO2-Reduktion sein. Gesellschaftlich haben wir dabei noch nicht endgültig ausgehandelt, was wirklich schwer zu vermeidende Emissionen sind und wie viele Restemissionen wir uns folglich leisten wollen. Weltweit liegen die CO2-Emissionen bei jährlich ungefähr 40 Milliarden Tonnen. Geschätzt wird, dass auch bei aller Ambition ein Anteil von fünf bis 15 Prozent der Emissionen nicht wegzubekommen sein wird. Um auf die Netto-Null zu kommen, müssen wir also – global gesehen – jedes Jahr mehrere Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre herausnehmen. In Deutschland haben wir uns – verglichen mit vielen anderen Ländern – zwar relativ anspruchsvolle Ziele für die Emissionsreduktion gesteckt. Aber auch wir werden die Emissionen nicht auf null bringen. Deswegen braucht auch Deutschland CO2-Entnahme.
Zur Person und Sache
Julia Pongratz, Jahrgang 1980, ist Geowissenschaftlerin und Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Sie arbeitet auch im Global Carbon Project und im Erdsystemmodell-Projekt Aimes mit.
Das Forschungsprogramm CDR-terra zu landbasierten CO2-Entnahmemethoden begann Mitte 2021. Es wird vom Bundesforschungsministerium mit rund 21 Millionen Euro für zunächst drei Jahre gefördert. Die Koordination liegt bei der Universität München, beteiligt sind mehr als 30 weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen. jst
CO2-Entnahme gibt es ja schon, wenn man so will, seit ewigen Zeiten in großem Maßstab durch die Biosphäre.
Gegenwärtig werden durch Aufforstung, Wiederaufforstung und Forstwirtschaft jährlich etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 gebunden. Diese Bindung findet nur zu etwa einem Drittel im globalen Norden statt. Da tut sich auch eine Frage globaler Gerechtigkeit auf. Wer ist dafür verantwortlich, das CO2, das andere emittieren, wieder wegzuschaffen? Andere Methoden wie Bioenergie mit CCS, Pflanzenkohle oder beschleunigte Verwitterung decken zusammen nur 0,1 Prozent der aktuellen CO2-Entnahme ab. Keine der bisher bekannten Methoden ist eine Wunderwaffe. Es gibt Risiken, zum Beispiel bezüglich der Permanenz, also der Frage, wie dauerhaft der Kohlenstoff gespeichert wird. Alle CO2-Methoden haben außerdem ein limitiertes Potenzial, keine ist ohne Nebenwirkungen. Aus dem Grund brauchen wir ein Portfolio an Entnahmeverfahren. Wichtig ist auch, nicht nur zu prüfen, was technisch möglich ist, sondern auch, was gesellschaftlich machbar und wünschenswert ist. All das wird am Ende in die wissenschaftlichen Erkenntnisse einfließen, mit denen ein risikoarmes und nachhaltiges Portfolio entwickelt werden kann, um die CO2-Entnahme in Deutschland sozial, ökonomisch und ökologisch verträglich zu gestalten.
Landbasierte CO2-Senken scheitern oft nicht an mangelnder Forschung, sondern an jahrelangen Umsetzungsproblemen, siehe die Wiedervernässung von Mooren. Muss die Wissenschaft nicht den Vorwurf akzeptieren, sie betreibe mit CDR teils eine Art Alibiforschung, um den Verzug beim natürlichen Klimaschutz mit angeblich fehlenden Kenntnissen begründen zu können?
Genau hier setzt CDR-terra an. Woran scheitert denn die Umsetzung, wo doch schon seit mehreren Jahren bekannt ist, dass wir CO2-Entnahme praktizieren müssen, um unsere Klimaziele einzuhalten? Wir arbeiten deshalb mit Landwirt:innen zusammen, mit Verbänden und Vertreter:innen der Politik und wollen so ermitteln, woran es hapert. Sind es rechtliche Rahmenbedingungen oder fehlende Förderung oder mangelnde Absatzmärkte für neuartige Produkte wie etwa die aus Paludikultur? Hier ist unsere CDR-Forschung der Praxis sehr zugewandt. Darüber hinaus brauchen wir aber auch Grundlagenforschung. Neuartige Technologien wie die künstliche Fotosynthese sind erst noch zu entwickeln. Eine breite Auswahl möglicher CDR-Maßnahmen hilft uns auch, die mit bestimmten Klimaschutzpfaden verbundenen Risiken zu mindern. Der Zeitdruck nimmt zu. Besonders dringlich ist dabei, die konventionellen landbasierten Methoden anzuwenden. Denn bisher können wir im großen Stil keine anderen als diese konventionellen Methoden einsetzen, die mit der Landnutzung zusammenhängen. Aber das Entnahme-Portfolio wird sich künftig ändern. Derzeit generieren wir mehr als 99 Prozent der CO2-Entnahme über den Wald. Schon in zehn Jahren wird das vermutlich deutlich vielfältiger aussehen und in 50 Jahren wird CO2-Speicherung in geologischen Formationen vielleicht schon einen substanziellen Anteil haben.

