Klimapolitik

Klimakrise: Der Perspektivwechsel

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Optimistisch: Patrick Flamm, Joachim Wille, Mabanza Bambu und Andreas Schwarzkopf (v.l.).
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Ein FR-Podium bricht eine Lanze für die COP29 – und für mehr.

Wie viele Stürme, Dürren und Überschwemmungen braucht es, um ein globales Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen? Ist Klimapolitik mit Donald Trump als US-Präsident überhaupt möglich? Die Weltklimakonferenz findet wieder mal in einem Erdölstaat statt und die Regierungschefs der drei „Obereinheizer“ China, USA und Indien bleiben dieser COP29 einfach komplett fern. Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen wird vermisst. Die Aussichten für die Welt sind alles andere als rosig.

Am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion unter Leitung von FR-Meinungsressortchef Andreas Schwarzkopf im Frankfurter Haus am Dom will FR-Autor und -Klimakoryphäe Joachim Wille Bange machen aber nicht gelten lassen: Ein solcher Gipfel sei wichtig, da fast alle Staaten der Weltöffentlichkeit zeigen „müssen“, dass sie das Thema nicht abgehakt haben, erklärt er. Das halte den Druck aufrecht, Lösungen zu finden.

„Wegweisende Beschlüsse sind zwar schwierig, aber diese Konferenzen bieten eine Plattform, auf der jeder gehört werden kann“, so Wille. Medien berichten weltweit darüber; das sei ein wichtiges Signal nach außen, aber auch nach innen. Vertreter:innen der Zivilgesellschaft und andere Aktive aus aller Welt tauschen sich aus, legt Patrick Flamm vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung dar. „Es entstehen neue Perspektiven.“

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Fakt ist: Es tut sich zu wenig. „Im Globalen Norden sind die Auswirkungen der Klimakrise noch nicht so dramatisch“, analysiert Boniface Mabanza Bambu von der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika. Die gesamte Katastrophe werde aus der hiesigen Perspektive betrachtet und deshalb nicht als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Der tropische Sturm Idai im Norden Mosambiks forderte Hunderte Menschenleben. Die Bilder von dort gingen 2019 um die Welt. Inzwischen gab es in der Region zehn solcher Zyklone, betont Mabanza Bambu.

Jüngst machen die Bilder aus Spaniens Osten betroffen. Mehr als 200 Menschen starben bei dem verheerenden Unwetter vor knapp zwei Wochen. Angesichts dessen muss Joachim Wille gestehen: Die Weltgemeinschaft werde so erkennen, dass sie stärker in den Klimaschutz investieren muss. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werde es einen Umschwung geben, der zu einem größeren Bewusstsein und zu Veränderungen in der Politik führen werde, glaubt er.

Zu diskutieren gibt es in Baku reichlich

Unwetterschäden werden zunehmend die Wirtschaft belasten. In Spanien werden sie Schätzungen zufolge einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Wille schätzt diese Zahl sogar auf über 100 Milliarden Euro. Südasien und Afrika bleiben jedoch am stärksten betroffen. Für die dortigen Länder steigt der Finanzbedarf ins beinahe Unermessliche: 1000 Milliarden, eine Billion … Über solche Summen werden die doch immerhin 50 000 Delegierten auf dem UN-Klimagipfel in Baku zu diskutieren haben.

Das Podium in Frankfurt ist sich bewusst, dass solche Diskussionen einen „Elefant im Raum“ umschiffen könnten und dann wenig effektiv wären: Trump will aus der Klimafinanzierung für die Entwicklungsländer aussteigen. Das wäre eine eigene Klimakatastrophe.

Es brauche vor allem ein Umdenken, betont Mabanza Bambu. Jedes Jahr fließen Milliarden Dollar aus dem Süden in den Norden: Die Länder des Globalen Südens nehmen Kredite bei multilateralen Geldgebern auf und müssen achtmal so viel zurückzahlen wie die Industrieländer. Diese Staaten– besonders die auf dem afrikanischen Kontinent – seien nur noch damit beschäftigt alte Kredite zu bedienen statt in Infrastrukturen und Klimaschutz zu investieren. Die globale Finanzarchitektur gehöre deshalb dringend reformiert.

Dabei könnte man auch gleich Europas traditionell auf sich selbst konzentrierte Perspektive in Frage stellen. In Namibia produziert Deutschland grünen Wasserstoff. Nur nütze das zuvorderst der deutschen Stahlindustrie, moniert Mabanza Bambu. Das liege auch daran, dass sich politisch Verantwortliche zu sehr an Wahlzyklen und Lobbyinteressen orientierten. Die demokratische Verfasstheit, mit Wahlen alle fünf Jahre, sei nicht geeignet um globalen Herausforderungen gerecht zu werden. Gerade beim Klimaschutz müssten sich die Menschen darauf verlassen können, dass die Institutionen mit weiter Perspektive handeln.

So viele Aufgaben, so viel Widerstand, so wenig Mut und Ausdauer. Ist die Welt also dem Untergang geweiht? Nein, entgegnet Joachim Wille, der während der Debatte immer wieder Optimismus verbreitet. Allein dieses Jahr habe China mehr Solarenergie installiert als Deutschland in 30 Jahren. „Das bedeutet: Erneuerbare Energien werden bald so günstig sein, dass selbst ein Trump bei Gas und Öl das Nachsehen haben wird.“

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