Klimakonferenz COP28

„Klimaneutral“ mit Öl und Gas

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Sultan Ahmed Al Jaber, Chef des emiratischen Erdöl-Konzerns und Präsident von COP28, mit Kanzler Olaf Scholz in Berlin.
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Die Emirate, Ausrichter des diesjährigen UN-Klimagipfels, kündigen ein Großprojekt zur Erdgas-Förderung an – und versprechen trotzdem Fortschritte beim Klimaschutz

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind einer der weltweit größten Erdgas- und vor allem Erdöl-Produzenten. Der Golfstaat ist auch Ausrichter des UN-Klimagipfels COP28 im November und Dezember in Dubai. Das trifft in der Klimabewegung auf heftige Kritik, erst recht seit bekannt wurde, dass ausgerechnet der Chef des staatlichen Erdöl-Konzerns Adnoc, Sultan Ahmed al-Jaber, der Präsident der Konferenz sein wird.

Eine aktuelle Investitionsentscheidung des Unternehmens dürfte diese Kritik noch verstärken: Die VAE haben ein Riesenprojekt zur Erhöhung ihrer Erdgas-Förderung angekündigt. Zwar heißt es aus den Emiraten, dies werde dank zusätzlicher unterirdischer Speicherkapazitäten für CO2 klimafreundlich geschehen. Fachleute sehen diese Behauptung aber sehr skeptisch.

Adnoc – das Kürzel steht für: Abu Dhabi National Oil Corporation – will in zwei Offshore-Erdgas-Felder, „Gasha“ und „Hail“ genannt, investieren, die vor der Küste der Emirate liegen. Dafür hat das Unternehmen Verträge im Wert von umgerechnet knapp 17 Milliarden Dollar (rund 16 Milliarden Euro) abgeschlossen, wie es jetzt mitteilte. Sie gehen an die Nationale Baugesellschaft für Ölanlagen NPCC, die in Abu Dhabi ansässig ist, sowie an zwei italienische Unternehmen, Saipem und Maire Tecnimont. Sie sollen die Offshore-Anlagen, also künstliche Inseln und Unterwasser-Pipelines, sowie die Anlagen am Festland bauen, einschließlich einer Abscheidungsanlage für CO2 und Schwefel.

Die beiden Felder sind Teil der Ghasha-Konzession von Abu Dhabi, mit der bis 2030 etwa 42,5 Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert werden sollen. Man werde die Gasressourcen verantwortungsbewusst erschließen, so die VAE. Ziele seien, den Eigenbedarf der Emirate zu decken sowie die Exportkapazitäten auszubauen, um zur globalen Energiesicherheit beizutragen, teilte Adnoc mit. Die Emirate sind aktuell der vierzehnt-größte Erdgas-Produzent der Welt, die Fördermengen sind seit 2019 leicht zurückgegangen. Bei Erdöl liegt das Land auf Platz sieben weltweit und hat im vergangenen Jahr so viel produziert wie nie zuvor, seit 1990 hat sich die Fördermenge mehr als verdoppelt.

Ein hochrangiger Manager des Konzerns, Abdulmunim Al Kindy, erklärte dazu, Erdgas sei ein wichtiger „Übergangsenergieträger“. Die Argumentation hinter dieser Strategie, die von vielen Golfstaaten verfochten wird, lautet: In die fossilen Energieträger muss vorerst weiter investiert werden, um den Übergang zur klimaneutralen Versorgung bewältigen zu können.

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Adnoc erklärt, das neue Projekt sei das erste weltweit, das „klimaneutral arbeiten“ soll. Parallel zum Aufbau der neuen Erdgas-Förderung würden die Kapazitäten für CO2-Speicherung auf rund vier Millionen Tonnen pro Jahr ausgebaut werden. Das Erdgas soll auch genutzt werden, um Wasserstoff zu produzieren, wobei der darin enthaltene Kohlenstoff abgeschieden und unterirdisch eingelagert wird. Diesen Prozess will Adnoc auch mit Strom aus Atomkraft und erneuerbaren Energien betreiben. Der Konzern hatte im Juli angekündigt, seine CO2-Speicherkapazitäten bis 2030 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr anzuheben und bis 2045 „klimaneutral“ zu werden.

Trotzdem gib es Kritik. So nannte die Expertin Mia Moisio vom Analyse-Portal „Climate Action Tracker“ (CAT) die Bezeichnung „klimaneutral“ für das Gasprojekt irreführend, auch wenn sie sich nur auf die Emissionen in den Herstellungsanlagen beziehe. Es gebe „keine emissionsfreien Projekte fossiler Energieträger“. Die große Mehrheit der Treibhausgase entstehe beim Verbrennen des Erdgases, nicht der Förderung. CAT hat die Klimapolitik der Emirate in seiner Länderbilanz als „unzureichend“ bewertet. Grund dafür ist vor allem der geplante Ausbau der Erdöl- und Erdgasproduktion. Adnoc zum Beispiel will nicht nur das Gas-, sondern auch das Ölgeschäft erweitern, die Förderkapazität soll hier bis 2027 von gut vier auf fünf Millionen Barrel pro Tag erhöht werden.

Der Adnoc-Chef al-Jaber verteidigte unterdessen indirekt seine Bestellung zum Klimagipfel-Präsidenten, nach der Devise: Gerade er als Ölmanager könne die fossile Industrie zum Handeln bewegen. In einem Gespräch mit der „Financial Times“ (FT) kündigte er eine Initiative der Branche zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen an, die bei COP28 vorgestellt werden soll. Er sagte: „Ich möchte nicht, dass diese Industrie in irgendeiner Form den Eindruck erweckt, sie würde sich gegen den Ausstieg (aus den fossilen Brennstoffen, Red.) stellen. Dieser findet statt.“ Die Branche müsse „in die Dekarbonisierung des derzeitigen Energiesystems investieren“.

Al-Jaber zufolge haben bereits 20 Konzerne, die für bis zu einem Viertel der gesamten Öl- und Gasproduktion stehen, großes Interesse, sich der Initiative anzuschließen. Er übe „Druck“ auf weitere Unternehmen aus, sich ebenfalls der „Global Decarbonisation Alliance“ anzuschließen. Deren Mitglieder müssen sich verpflichten, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und bis 2030 den Ausstoß von Methan auf nahezu null zu reduzieren. Methan, Hauptbestandteil von Erdgas, ist ein besonders gefährliches Treibhausgas; es wird etwa bei der Gas-Förderung und durch undichte Pipelines frei. Setzt al-Jaber sich hier durch, wäre das durchaus ein wichtiger Erfolg seiner Gipfel-Leitung.

Der Konzernchef sagte der FT weiter, COP28 könne zu großen Veränderungen im globalen Energiesystem führen. Neben der Öl- und Gasallianz, die auch die Speicherung und Nutzung von Kohlenstoff in der Industrie voranbringen soll, drängt er darauf, dass die Staaten auf dem Gipfel eine Vereinbarung zur Verdreifachung der Kapazitäten für erneuerbare Energien bis 2030 treffen. „Wir haben 27 COPs hinter uns. Bitte lassen Sie mich dieses Mal etwas Handfestes liefern“, sagte er.

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