VonDavid Zaunerschließen
Hitze, Viren, Extremwetter: Ein Bericht zeigt wie die Krise Europa besonders hart trifft.
Der Klimawandel ist kein weit in der Zukunft liegendes theoretisches Szenario: Er ist da, und er ist tödlich“, mahnt der europäische „Lancet Countdown“-Bericht. In der ein oder anderen Formulierung greifen diesen Satz am Donnerstag alle Vortragenden in der Alten Aula der Universität Heidelberg auf.
Schon der erste Bericht im medizinischen Fachjournal The Lancet zu dem Querschnittsthema Klima und Gesundheit habe 2015 prognostiziert, dass die Erderwärmung die größte Gefahr für die weltweite Gesundheit im 21. Jahrhundert darstelle, erinnert Joacim Rocklöv. Der schwedische Epidemiologe war federführend an dem aktuellen Bericht beteiligt.
Neben Rocklöv arbeiteten 70 weitere Forscher:innen aus zahlreichen Instituten und Disziplinen an dem Bericht. Die Uni Heidelberg – die maßgeblich an dem Bericht beteiligt war – hat gemeinsam mit der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit und dem Centre for Planetary Health Policy zur Vorstellung des Berichts eingeladen.
Die Erwärmung schreitet in Europa doppelt so schnell voran wie im weltweiten Durchschnitt – das sei eine Gefahr für die Gesundheit der gesamten europäischen Bevölkerung und bedeute einen „unnötigen Verlust an Menschenleben“, heißt es im Bericht. Eine der unmittelbarsten Gesundheitsfolgen des Klimawandels ist ein Anstieg der Hitzebelastung. Analysen bringen für das Jahr 2022 europaweit über 60 000 Todesfälle mit Hitzebelastung in Verbindung. Die hitzebedingte Sterblichkeitsrate habe sich innerhalb der vergangenen zwei Dekaden um 17,2 Todesfälle pro 100 000 Einwohner:innen erhöht, zitiert Rocklöv aus dem neuen Lancet-Bericht.
Infektionserreger verbreiten sich
Krankheitserreger fühlen sich zunehmend wohler in Europa. Ein Ausbruch des vor allem in tropischen Regionen vorkommenden West-Nil-Virus ist heute im Vergleich zu den 50er Jahren um über 250 Prozent wahrscheinlicher geworden. Die das gefährliche Dengue-Fieber übertragende Tigermücke kommt mittlerweile entlang des Rheins vor.
Angelina Taylor, Leiterin der Geschäftsstelle für Klimawandel und Gesundheit des Robert-Koch-Instituts, ergänzt in ihrer Rede: „Dieser Trend zeichnet sich in Deutschland auch für FSME ab.“ Wies das RKI im Jahr 2007 hier noch 129 Risiko-Landkreise aus, waren es 2022 schon 175 Kreise – eine Ausweitung besonders Richtung Norden. Diese Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit sind schon seit Jahren bekannt. Alarmierend ist die Geschwindigkeit, mit der die vielfältigen Gesundheitsgefahren zunehmen.
Ärmere leiden mehr
Die Anpassungsstrategien müssten Klimagerechtigkeitsaspekte stärker berücksichtigen, schreiben die Autor:innen. Denn es leiden nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich. Ethnische Minderheiten, Migrant:innen, indigene sowie ärmere Bevölkerungsgruppen sind stärker von klimabedingten Gesundheitsfolgen betroffen. Für ärmere Haushalte ist die Gefahr „erheblich höher“, unter Nahrungsknappheit aufgrund der Klimakrise zu leiden.
Der im Fachjournal The Lancet veröffentlichte Europa-Bericht ist der zweite seiner Art. Seit 2015 erscheint jährlich ein Lancet-Bericht über weltweite Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Vor zwei Jahren erschien auch der erste Bericht mit Fokus auf Europa. In diesem Jahr haben Wissenschaftler:innen aus 43 europäischen Forschungsinstituten in dem Gemeinschaftsprojekt 42 Indikatoren untersucht. Der Bericht befasst sich dabei nicht nur mit den Folgen des Klimawandels. Die Treibhausgasemissionen in Europa sind pro Kopf laut Bericht sechsmal so hoch wie in Afrika und dreimal so hoch wie in Lateinamerika.
„Das Tempo, mit dem sich die europäischen Länder in Richtung netto null Emissionen bewegen, ist nach wie vor völlig unzureichend“, stellt der Report fest. Europa sei auf einem Kurs, mit dem CO2-Neutralität erst im Jahr 2100 zu erwarten sei.
Eine Menge Nachholbedarf
Joacim Rocklöv lobt, dass Investitionen in erneuerbare Energien in den vergangenen Jahren stetig zugenommen haben und heute deutlich über den fossilen Investitionen liegen. Allerdings müssten die nachhaltigen Investitionen bis 2030 verdreifacht und die Investitionen in fossile Geschäfte um mehr als die Hälfte zurückgefahren werden, um in die Spur zu den europäischen Klimazielen zu kommen.
Auch politisch lässt sich ein zaghaftes Umsteuern erkennen. Auf dem Weltklimagipfel COP 28 im vergangenen Dezember in Dubai wurde der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit zum ersten Mal auf die weltpolitische Bühne gehoben.
Das ist ein wichtiges Zeichen, aber nicht viel mehr. Die Deklaration ist eine freiwillige Absichtserklärung ohne rechtliche Verbindlichkeit. Fossile Energien tauchen in dem Dokument nicht namentlich auf. Es gebe also einige Lichtblicke, schließt Joacim Rocklöv seinen Vortrag, aber vor allem jede Menge Nachholbedarf.
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