Kolumne

Proteste gegen Massentourismus: Wohin wird die Reise gehen?

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Immer mehr Proteste regen sich in seinen Zielländern gegen Massentourismus. Gleichzeitig ist er dort ein riesiger Wirtschaftsfaktor.

Frankfurt a.M. – Wo geht’s denn hin? Das dürfte die häufigste Frage sein, wenn jemand seinen nächsten Urlaub ankündigt. Und auf die Präzisierung der Destination fällt dann normalerweise ein Kommentar wie „Ach, schön“. Bisher zumindest. Das könnte sich allmählich ändern. Schließlich hört man zunehmend von Protesten der lokalen Bevölkerung gegen den Tourismus.

Schlimm muss die Situation vor Ort geworden sein, denn viele dieser Kundgebungen finden statt in Regionen, die vom Geschäft mit den Fremden bisher sehr gut lebten. Hotels, Restaurants, Wohnungsvermietungen, der Souvenirhandel, Sonnenschirme am Strand, Supermärkte, Transportunternehmen, es ist ein hochdiversifizierter, einträglicher Wirtschaftszweig.

Umweltprobleme und Wohnraumangel: Die Proteste haben vielseitige Gründe

Aber wer in der eigenen Heimat keinen bezahlbaren Wohnraum mehr findet, sich belästigt fühlt durch Massen fremder Besucherinnen und Besucher, eingeschränkt wird in seiner Lebensqualität durch hohes Verkehrsaufkommen und Saufexzesse der Angereisten, dem reicht es jetzt.

Venedig ist nur einer von vielen Orten an denen Massentourismus kritisiert wird.

Dann gibt es da noch die überlagernden Umweltprobleme, um die sich auch Verwaltungen und Politik bemühen. Wasserversorgung und Müllentsorgung gehören zuvorderst dazu. Den Müll der Strandtouris einfach in dünn besiedelten Bergregionen abzukippen, ist nicht gerade nachhaltig. Ebenso wenig wie die Privilegierung der Wasserversorgung für Hotelbetriebe und zum Nachteil der Einheimischen.

Eintritt für den Citytrip: Maßnahme soll Lenkung von Reisenden ermöglichen

Behörden befassen sich immer intensiver mit Überlegungen, wie sich die negativen Folgen des Massentourismus beschränken lassen. Schlagzeilen macht das Eintrittsgeld von fünf Euro für Tagesbesucher in Venedig. Es ist absehbar, dass das keinen einzigen Menschen abhalten wird, die Lagunenstadt zu besuchen. Schließlich kostet jeder einfache Espresso, den man in den Bars auf dem Markusplatz sitzend genießt, deutlich mehr. Zwischen Tauben, Besuchsgruppen aus der ganzen Welt und genervten Anwohnenden.

Die neue Gebühr soll nicht dazu dienen, die reisende und zahlende Masse zu reduzieren, sondern sie mit den neuen Einnahmen besser lenken zu können. Doch schon äußern lokale Gruppen deutliche Skepsis, was da passieren wird, ob das Geld an den richtigen Stellen vereinnahmt und bestimmungsgerecht verwendet wird. Unwirksame Geldschneiderei? Immerhin, von Galapagos bis Ruanda hat Management durch Teuerung zunehmend gut funktioniert und etwas gebracht für Einheimische, Artenschutz und Umwelt.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Folgen des Tourismusbooms: Viele Probleme verstärken sich selbst

Es gibt reichlich Beispiele für die positiven Wirkungen von Tourismus. Wüste, Regenwald, Wattenmeer und Riffe profitieren irgendwie und stehen doch gleichzeitig unter dem Druck ihrer – auch finanziell motivierten – Übernutzung. Die gefährliche Spirale wird befeuert durch immer mehr Kurzurlaube mit logischerweise steigenden Flugzahlen, also mehr klimaschädlichen Emissionen. Mit entsprechend notwendigen Übernachtungsmöglichkeiten.

Die einst schönen, unverbauten Strände von der türkischen Südküste bis zum mexikanischen Cancún wurden bereits nachfragegerecht gestaltet, das heißt verschandelt. Es wird mit den steigenden Tourismuszahlen immer deutlicher, wie recht Hans Magnus Enzensberger hatte, als er schon vor Jahrzehnten feststellte, dass der Tourismus das zerstöre, was er suche, indem er es finde.

Der Tourismus boomt und wächst. Die Gegenbewegung auch. Die Frage, wo es denn hingeht mit dem Tourismus, steht irgendwie am Scheideweg.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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