- VonPatrick Guytonschließen
Ohne Permafrost fehlt den Gesteinsformationen im Hochgebirge der Kitt. Die Folge: Bergstürze. Dennoch setzen Politik und Wirtschaft auf höhere Skigebiete und mehr Verkehr.
Im Juni krachte bei Galtür in Tirol, einem beliebten Skigebiet, eine riesige Menge des Berges Fluchthorn hinab ins Tal. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Bergsturz und was er mit dem Klimawandel zu tun hat.
Was war passiert? Der gesamte südliche Gipfel des Fluchthorns war abgebrochen. Eine Million Kubikmeter Gestein hatten sich gelöst, das entspricht 120 000 LKW-Ladungen. Zu Schaden kam niemand, weil die Felsen nicht auf besiedeltes Gebiet gestürzt waren. In der Folge ist der Südgipfel des Fluchthorns flacher geworden, er liegt nun nicht mehr bei 3399 Metern, sondern bei 3380.
Warum ist der Berg herabgestürzt? Expert:innen sind sich sicher, dass das Unglück durch tauenden Permafrost ausgelöst wurde. Das meint etwa Thomas Figl, Leiter des Amtes Landesgeologie der Tiroler Landesregierung. Permafrost, also dauerhafter Frost, herrscht in hohen Lagen, wo es auch Gletscher gibt. Die Berge können Eis enthalten, das sich in Schuttablagerungen oder in Felsspalten befindet. Dieses „ewige Eis“ wirkt wie eine Art Klebstoff, der Teile des Berges zusammenhält. Wegen der insgesamt steigenden Temperaturen schmilzt es. Deshalb wird ein Berg poröser, er kann bröckeln.
Besteht ein Zusammenhang zwischen einem solchen Bergsturz mit der Erderwärmung? Ja, sagt die Geografie-Professorin Margreth Keiler von der Universität Innsbruck. „Die Emissionen von CO2 – also Treibhausgasen – müssen reduziert werden“, fordert sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Keiler betreibt auch Gebirgsforschung an der österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Das ist das Wichtigste, so können die Auswirkungen wenigstens abgemildert werden.“ Im Hochgebirge steigen laut Messungen die Temperaturen noch höher an als in anderen europäischen Regionen. Weitere Folgen des Klimawandels lassen sich vor allem in Südeuropa beobachten, wie zum Beispiel in Spanien, Portugal oder Griechenland: Hitzewellen, Trockenheit, Waldbrände und immer wieder Unwetter mit Starkregen.
Inwieweit sind auch die deutschen Alpen betroffen? Sie sind nicht so stark vom tauenden Permafrost bedroht, weil die Berge nicht so hoch sind wie in Österreich und anderen Alpen-Ländern. „Aber auch an der Zugspitze mit 2962 Metern Höhe gehen Spalten auf“, sagt Wissenschaftlerin Margreth Keiler. „Ebenso etwa am Hochvogel im Allgäu, der 2592 Meter misst.“ Die Grenze für Permafrost liegt bei etwa 2500 Metern. Das bayerische Landesamt für Umwelt hat gegenüber dem bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) Ende 2021 eine Prognose abgegeben: Demnach ist es möglich, dass der Permafrost im Inneren der Zugspitze bereits im Jahr 2040 nicht mehr existiert. Bisher war man dafür vom Jahr 2080 ausgegangen. Es wird erwartet, dass es Mitte dieses Jahrhunderts im östlichen Teil der Alpen kaum mehr Gletscher gibt.
Welche Probleme haben die Alpen insgesamt? Die Alpen sind ein sehr großes, komplexes und einzigartiges Ökosystem, das von den Menschen massiv bebaut und genutzt wird. Sie sind, so sagt es die Professorin Keiler, „die wohl am stärksten erschlossene Gebirgsregion weltweit“. Das Skifahren wurde zum Massentourismus ausgebaut. Immer weitere Skigebiete wurden und werden errichtet. Die Brenner-Transitstrecke ist vom LKW- und vom PKW-Verkehr massiv überlastet. Deutsche Spediteure rechnen damit, dass der Verkehr weiter zunimmt. Laut „Bundesverband Spedition und Logistik“ bedeutet ein Prozent Wirtschaftswachstum zwei Prozent mehr an Verkehr.
In welche Richtung geht die Entwicklung? In der Wirtschaft und im Tourismus gibt es eine Strömung, die „Weiter so“ sagt. So sollen trotz Klimawandels neue Skigebiete auf den Gletschern entstehen, die noch als schneesicher gelten. Es gibt Pläne für Pisten und Lifte auf einer über 3000 Meter hohen neuen Verbindung zwischen Pitztal und Ötztal. Die hochalpine Natur würde damit zerstört werden. Die Bevölkerung hatte sich in einem Bürgerentscheid dagegen gestellt, doch neue Anläufe dafür könnten kommen. Die Lobby der Skilift-Betreiber:innen ist in Österreich einflussreich. In Bayern werden Lift- und Beschneiungsanlagen von der CSU-Freie-Wähler-Koalition staatlich gefördert. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) argumentiert, dass sonst in Bayern Hotels und Restaurants leer wären, stattdessen würden „unsere Urlauber das Geld nach Österreich und anderswo tragen“.
Gibt es Alternativen dazu? Der Brenner-Basis-Tunnel von Bayern bis nach Südtirol soll LKW- und PKW-Verkehr von der Straße auf die Schiene leiten. Die Eröffnung verschiebt sich allerdings um mindestens vier Jahre, geplanter Termin ist jetzt 2032. Ein Grund dafür: Bayern streitet über die Trassenführung. Für die Alpen verlangt der Bund Naturschutz (BN) eine Abkehr von wirtschaftlichen Interessen und mehr Schutz der „ökologischen Funktionen“. Den alpinen Massen-Skiurlaub sieht der Verband als „nicht zukunftsfähig“. Stattdessen sollte man auf einen sanften und ökologischen Tourismus über das ganze Jahr hinweg setzen.