Gedenken an NS-Opfer

Buch über Todeslager: Knochenmänner im Auschwitzland

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Brillen von Menschen, die in Auschwitz eingesperrt waren.
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József Debreczeni beschreibt den Alltag in den Todeslagern der Nationalsozialisten erschreckend genau.

Was der ungarische Journalist József Debreczeni über den Horror von Auschwitz erzählt: „Es ist nicht auszuhalten, und es gehört doch ausgehalten“, urteilt die Journalistin Carolin Emcke. Denn kaum jemand hat die Erfahrungen in den Todeslagern so präzise beschrieben. „Alles, was zu sehen, zu riechen, zu hören, zu schmecken und auf der eigenen Haut, in den eigenen Gedärmen zu spüren war, alles, was Menschen einander angetan haben“, wie Emcke formuliert.

Der ungarische Journalist Debreczeni war am 1. April 1944 aus seiner Heimat, der Region Backa, nach Auschwitz verschleppt worden. Er verbrachte zwölf Monate in Konzentrationslagern. Sein Buch „Kaltes Krematorium“, 1950 auf Ungarisch veröffentlicht, galt einem Kritiker damals als „schärfste, gnadenloseste Anklage gegen den Nationalsozialismus, die je geschrieben wurde“. Doch das Werk geriet in Vergessenheit und wurde erst jetzt, mehr als 70 Jahre später, wieder entdeckt. Auf Deutsch ist es vom Verlag S. Fischer aufgelegt worden.

An jenem 1. April 1944 wurden 60 Menschen in der Stadt Backa Topola in den Waggon ins Ungewisse gesetzt. Wenige Tage später sind nur noch 56 von ihnen am Leben, und der Autor beobachtet: „Die beinahe erloschenen Augen alter Frauen hatten sich in groteske Spiegel des Entsetzens verwandelt. Vor sechs Tagen hatten sie noch in ihren schönen alten Armstühlen gesessen und sich über das Sonntagsessen unterhalten.“ Und jetzt? „Ich glaube, irgendwo in Osteuropa, entlang eines Bahndamms, an einem Waldrand voller blühender Bäume vollzog sich eine erstaunliche Metamorphose. Hier wurden die Menschen der plombierten Höllenzüge zu Tieren.“

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Niemand weiß, wohin es geht. Bis das Ziel erreicht ist: „Wir sind in Auschwitz angekommen, wo die Amokläufer des Rassenwahns mehrere hunderttausend Deportierte aus den verschiedensten Gegenden Europas in Holzbaracken zusammengepfercht haben“, schildert Debreczeni. „Die Knochenmänner schleppen Balken, Kisten, Fässer, schieben Handkarren.“ Das Ganze wirke „wie eine groteske Parodie“.

Der Hunger, die Demütigungen, die harte Arbeit, die unhygienischen Zustände, die Drangsalierung, die Krankheiten – all dies muss Debreczeni erleiden. Hinzu kommt der Verlust der persönlichen Identität durch die Nummern, die den Häftlingen eingebrannt werden. „Ab jetzt bin ich nicht mehr ich, sondern Nr. 33 031“, schildert der Autor. „Der Vor- und Nachname der hochmütigen standesamtlichen Daten, der Kosename, mit dem mich einst meine Mutter und meine Liebe angesprochen haben, versinken im Nichts.“

Die SS-Männer überlassen die schmutzige Arbeit den von ihnen eingesetzten „Blockältesten“. Debreczeni beschreibt dieses System genau. „Die Treiber erhielten – neben besserer Suppe, besserer Kleidung und Gelegenheiten zum Stehlen – als Trinkgeld das wirkungsstärkste Opium: Macht. Grenzenlose Macht über Leben und Tod.“

Es ist ein Werk von großer Genauigkeit, zugleich mit bitterem Humor. Es zeichnet detailliert und zutiefst menschlich, wie die Verschleppten leiden und wie diejenigen, die das Leid verursachen, ihre Macht ausnutzen – in „Auschwitzland“, wie Debreczeni formuliert, denn um das Stammlager war eine Vielzahl von Außenlagern entstanden, in denen Konzerne wie die IG Farben die Gefangenen ausbeuteten.

Vegetieren in Dörnhau

Der Titel „Kaltes Krematorium“ steht allerdings nicht für Auschwitz, sondern für die Krankenbaracke des Zwangsarbeiterlagers Dörnhau – der Ort, an dem die vom Fleckfieber infizierten Menschen vegetierten, bis sie starben. Debreczeni landete dort und hat selbst das überlebt. Es war seine letzte Station in Gefangenschaft. Weil Dörnhau deutlich weiter westlich liegt als Auschwitz, wurde es nicht Ende Januar befreit, sondern erst Anfang Mai.

In ihrem Nachwort stellt die Journalistin Emcke den Bericht von Debreczeni in eine Reihe mit Werken von Primo Levi, Imre Kertész, Ruth Klüger und anderen Überlebenden. Doch Debreczenis journalistischer Blick hebe sein Buch heraus. „Auch wer nichts weiß, auch wer das erste Mal von dem Inneren der Vernichtungsmaschine erfährt, auch wer noch nie eine Gedenkstätte besucht hat, wird durch die Lektüre von ‚Kaltes Krematorium‘ begreifen, was als unbegreiflich gilt“, urteilt Emcke.

József Debreczeni: Kaltes Krematorium, Verlag S. Fischer, 272 Seiten, 25 Euro.

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