Zahlen „nach wie vor zu hoch“

Dobrindt prescht mit „Migrationswende“ vor – droht schon der erste Koalitions-Zoff?

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Kein Kuschel-Start: In den ersten Stunden als Innenminister lässt Alexander Dobrindt die Grenzen schließen für Migranten ohne Papiere. Angekündigt war das. Doch die SPD reagiert mit Kritik.

Der äußere Anschein ist harmonisch, aber der Start wird in Wahrheit schroff. Mit breitem Lächeln empfängt Ex-Ministerin Nancy Faeser ihren Nachfolger vor dem Ministerium, tätschelt im Sonnenschein seinen Arm. Ein paar uniformierte Bundespolizisten stehen bereit. „Grüß Gott zusammen“, ruft ihnen Alexander Dobrindt mit bayerischer Färbung zu. Kaum hat er das Haus betreten, ist aber Schluss mit großer Herzlichkeit: Mit einem ziemlichen Rumms befiehlt der neue Minister eine harte Kurswende in der Migrationspolitik.

In den ersten Minuten im Amt hat der CSU-Minister angeordnet, schrittweise immer mehr Asylbewerber ohne Papiere an der Grenze abzuweisen. Es ist das Ende der seit September 2015 mündlich verordneten Praxis gegenüber der Bundespolizei, erstmal jeden reinzulassen. Auch wer Asyl begehrt, kommt jetzt zunächst ohne Papiere nicht weiter. „Das ist notwendig, um einer Überforderung der Kommunen entgegenzuwirken“, sagt er. Die Zahlen seien „nach wie vor zu hoch“. Er verspricht, „vulnerable Gruppen“ nicht an der Grenze abzuweisen; das gilt für Minderjährige und für Schwangere.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Für ein Europa der offenen Grenzen – doch Dobrindt will Entlastung

Im nächsten Schritt will Dobrindt die 11.000 Bundespolizisten an der Grenze um 2000 bis 3000 Kräfte verstärken. Hinzu kämen in Kürze Mobile Kontroll- und Überwachungseinheiten, berichtet der Spiegel. Außerdem sollten die Beamten in den Grenzinspektionen künftig in mehreren Zwölf-Stunden-Schichten rotieren. Möglichst viele Beamte im Homeoffice sollen zu den Einheiten zurückgeholt werden. Die Zahl der Grenzkontrollstellen, rund 50, soll spürbar steigen. In Gewerkschaftskreisen der Bundespolizei werden die Überlegungen im Kern bestätigt; auch die Schleierfahndung werde kräftig ausgebaut.

Dobrindt sagt, all das werde für die Polizei Mehraufwand bedeuten. Es werde aber Entlastung geben, weil die Fallzahl der Migranten sinke. Man wolle ein Europa der offenen Grenzen, brauche bei der Migration aber „Klarheit, Konsequenz und Kontrolle“. Die Regierung sei bereits in Gesprächen mit den deutschen Nachbarländern, er als Minister ebenso wie der Bundeskanzler.

Nancy Faeser (SPD), bisherige Bundesministerin für Inneres und Heimat, und Alexander Dobrindt (CSU), neuer Bundesminister für Inneres und Heimat, unterhalten sich bei einem Bildtermin anlässlich der Übergabe der Amtsgeschäfte am Protokolleingang des Bundesministeriums des Innern und für Heimat.

Dobrindts „Migrationswende“: Kommt schon der erste Koalitions-Zoff?

Es wirkt so, als äußere sich Dobrindt am ersten Ministertag öffentlich noch sehr vorsichtig. Die Unions-Spitzen preisen das als „Migrationswende“. Wenn die Migration nicht begrenzt werde, werde die Demokratie geschwächt, meldet sich CSU-Chef Markus Söder aus München. Von Faesers SPD kommt trotzdem umgehend Widerspruch. Wer nach Deutschland komme und laut Grundgesetz einen Asylanspruch besitze, müsse auch die Möglichkeit haben, dass dieser geprüft werde, sagt Fraktionsvize Dirk Wiese. „Das ist auch im Koalitionsvertrag tatsächlich so besprochen worden.“ Dobrindt wisse das doch.

Regierung unbeliebt

Die neue Regierung startet mit niedrigeren Beliebtheitswerten ins Amt als die Ampel vor dreieinhalb Jahren. Im ARD-„Deutschlandtrend“ fanden nur vier Prozent der Befragten Schwarz-Rot sehr gut und 38 Prozent gut. 29 Prozent hielten sie für weniger gut, 24 Prozent für schlecht. Das Bündnis aus SPD, Grünen und FDP war 2021 noch auf 53 Prozent gut oder sehr gut gekommen. Friedrich Merz gilt nur für jeden Dritten (32 %) als gute Besetzung.

Auch im Ministerium scheint es an Tag eins noch drunter und drüber zu gehen. Dobrindts erster Auftritt verzögert sich um Stunden, für Nachfragen ist den ganzen Tag über niemand greifbar. Das ist eher ungewöhnlich auch angesichts der politischen Wucht des Vorhabens. Für Kanzler Merz war die Schließung der Grenzen per Richtlinienkompetenz am ersten Tag ein zentrales Wahlversprechen.

Zumindest die politische Spitze ist seit frühem Mittwochabend neu aufgestellt. Neben Dobrindt rücken die neuen Staatssekretäre in den festungsartig gesicherten Bau in Berlin ein. Darunter ist die Rosenheimer Abgeordnete Daniela Ludwig (CSU); hinzu kommt der Hamburger CDU-Politiker Christoph DeVries.

Rubriklistenbild: © Christoph Soeder/dpa

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