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Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin kündigt ein Ende der Rekrutierung von russischen Gefangenen an – angeblich wegen „Millionen“ vorliegender Bewerbungen aus den USA.
Moskau - Die Wagner-Gruppe galt lange als russische Schattenarmee, der Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin mit dem Spitznamen „Putins Koch“ wurde im Hintergrund als ihr Finanzier gehandelt. Im Laufe des Ukraine-Krieges trat Prigoschin dann erstmals öffentlich als Chef der Söldnerarmee auf, im November vergangenen Jahres eröffnete die Wagner-Gruppe sogar ein offizielles Hauptquartier in Sankt Petersburg. Angesichts der Probleme der russischen Armee gewann der Kremlvertraute Prigoschin immer mehr an Macht. Nun behauptet der Wagner-Chef, dass er keine Gefangenen aus russischen Gefängnissen mehr für seine Söldnertruppe rekrutieren wolle – angeblich auch, weil ihm „zehn Millionen“ Bewerbungen von US-Amerikanern vorlägen.
Wagner-Gruppe will „zehn Millionen“ Bewerbungen aus den USA vorliegen haben
Die russische Söldnertruppe Wagner hat eigenen Angaben zufolge ihre Rekrutierungskampagne in russischen Gefängnissen zur Unterstützung der russischen Streitkräfte in der Ukraine beendet. „Die Rekrutierung von Gefangenen für die private Söldnergruppe Wagner wurde vollständig eingestellt“, erklärte ihr Gründer Jewgeni Prigoschin am Donnerstag in einer von seinem Pressedienst verbreiteten Mitteilung. Alle „Verpflichtungen“ gegenüber den Mitgliedern der Gruppe würden erfüllt, fügte Prigoschin hinzu. Der Wagner-Chef behauptete außerdem, dass sich „über zehn Millionen Amerikaner für Wagner beworben haben“, wie die Kriegsexperten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) am Donnerstag in ihrem täglichen Bericht mitteilten.
Unabhängig verifizieren ließ sich diese Angabe des Wagner-Chefs nicht, die ISW-Experten bezeichneten die Meldung indes als „absurd“ und relativierten Prigoschins Äußerungen sogleich: Die Wagner-Gruppe werde aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin Gefangene aus russischen Haftanstalten rekrutieren, wenn auch in einer viel geringeren Kapazität, so die Einschätzung des ISW. Die US-Kriegsexperten hatten bereits zuvor festgestellt, dass sich die Rekrutierung von Gefangenen durch die russische Söldnertruppe in den letzten Monaten verlangsamt hatte. Dies ließe sich auch durch Statistiken des Föderalen Strafvollzugsdienstes in Russland bestätigen, aus denen hervorgehe, dass sich der Rückgang der russischen Gefangenenpopulation zwischen November 2022 und Januar 2023 stabilisiert habe, so der ISW-Bericht weiter.
Wagner-Gruppe rekrutierte bis zu 40.000 russische Gefangene – offenbar als „Kanonenfutter“
Mitte 2022 waren Berichte aufgetaucht, wonach der Geschäftsmann Prigoschin mit Verbindungen zum Kreml Häftlinge für den Kampf in der Ukraine rekrutiert haben und ihnen für ihre Rückkehr nach Russland einen Erlass ihrer Strafe versprochen haben soll. Insgesamt sollen Angaben der US-Regierung zufolge 50.000 Menschen für Wagner in der Ukraine kämpfen, 40.000 davon Strafgefangene. Wagner-Söldner spielen eine Schlüsselrolle bei der russischen Offensive auf die seit Monaten erbittert umkämpfte ostukrainische Stadt Bachmut. Allerdings gehen die ISW-Kriegsexperten davon aus, dass das russische Militär die Wagner-Gruppe um Bachmut nun nach und nach ersetzt. Dies deute darauf hin, dass die russische Militärführung ihre Abhängigkeit von der Söldnertruppe reduzieren wolle. Die Gefangenen würden lediglich als „Kanonenfutter“ eingesetzt, so der ISW-Bericht weiter.
Eigenen Angaben zufolge führte die Wagner-Gruppe den Angriff auf die Salzminenstadt Soledar an, die im Januar unter russische Kontrolle geraten war. Die private Kampftruppe hat mehrfach vor der russischen Armee Siege an der Front vermeldet und war teilweise in Konkurrenz zur russischen Armee getreten. Prigoschin selbst hatte teilweise offen Kritik an der russischen Militärführung geübt und war zunehmend zu einem politischen Problem für den russischen Präsidenten Wladimir Putin geworden. Militärexperten zufolge setzt die russische Armee deshalb weniger auf die Wagner-Gruppe, wodurch Prigoschin offenbar immer mehr an Boden in Russland verliert. Die 2014 gegründete Söldnertruppe war bereits in Konflikte in Afrika, Lateinamerika und im Nahen Osten verwickelt, UN-Menschenrechtsexperten werfen Wagner unter anderem bei ihrem Einsatz in Mali Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. (bme mit Material von AFP).
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