Scholz droht ein Esken-Gate: Körpersprache-Expertin rechnet mit ignorantem Kanzler ab
VonKilian Beck
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Eine Körpersprache-Expertin kritisiert Scholz‘ kalte Schulter gegenüber Esken. Mit Laschets Lachen vor der letzten Bundestagswahl sei es aber „nicht vergleichbar“.
Berlin – Auch Tage nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Vertrauensfrage im Bundestag verloren hat und damit den Weg zu Neuwahlen freigemacht hat, erregen zwei Videos, die Scholz‘ Verhalten gegenüber SPD-Chefin Saskia Esken zeigen, die Gemüter. Auf beiden Videos scheint es, als würde Scholz seine Genossin Esken ignorieren, während er männlichen Sozialdemokraten seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Das sei ein „sehr armseliges körpersprachliches Zeichen“, sagte Körpersprache-Expertin Barbara Fernández am Mittwoch (18. Dezember) dem Nachrichtenmagazin Spiegel.
Vertrauensfrage: Scholz lässt SPD-Chefin Esken stehen und schließt sie aus Männerkreis aus
Das erste, wohl bekanntere Video zeigte den Kanzler im Gespräch mit SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich nach der Vertrauensfrage vor der Regierungsbank im Bundestag. Als Esken die Szene betritt, blickt der Kanzler sie kurz an, um dann sofort kehrt zu machen und an Mützenichs Seite aus dem Bild zu gehen. Esken blieb stehen. Das zweite Video zeigt eine Runde aus dem Kanzler, Mützenich und einem dritten Abgeordneten, das Video ist zu unscharf, um ihn zu erkennen. Esken und ihr Co-Chef Lars Klingbeil möchten sich dazu stellen. Für Klingbeil öffnen die Genossen den Kreis. Esken bleibt hinter Scholz stehen, der keine Anstalten macht, Platz zu machen.
Wie viel Saskia Esken im Vergleich mit Rolf Mützenich zu melden hat, konnte man sehr schön unmittelbar nach der Vertrauensfrage sehen: pic.twitter.com/OxI9Jm140S
Esken: Scholz hat sich „sehr warmherzig entschuldigt“ – Für sie ist die Sache im Bundestag „erledigt“
Esken hatte Scholz nach eigenen Worten bereits am Mittwoch verziehen, dass er die kalte Schulter gezeigt hat. „Olaf Scholz hat sich sehr warmherzig und umfangreich bei mir entschuldigt und damit ist es für mich auch erledigt“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
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Esken: Verbreitung von Scholz‘ Verhalten auf Video zeige „auf welchem Niveau unsere Debatte stattfindet“
„Ich weiß, wenn man solche Reden hält, dass man sich dann in einer Art Tunnel befindet, wie auch jeder Künstler vor und nach dem Auftritt. Die Wahrnehmung nach außen ist ein Stück weit eingeschränkt und insofern habe ich Verständnis“, so die SPD-Vorsitzende. Gleichzeitig kritisierte Esken die große mediale Aufmerksamkeit für die Szene. „Dass die Medien da so eine große Sache draus machen und auch in den sozialen Medien das auf eine Art und Weise missbraucht wird, das zeigt, auf welchem Niveau unsere Debatte stattfindet.“
Scholz und Esken im Bundestag – Körpersprache-Expertin sieht „Vermeidungsstrategie“
Die Körpersprache-Expertin Fernández kritisierte Scholz dennoch: Im erstgenannten Video sah sie eine „Vermeidungsstrategie“ des Kanzlers. Während die SPD-Chefin eine „offene Gesprächshaltung“ gezeigt habe. Deutlich ausdrücklicher war ihre Kritik an der zweiten Szene. Scholz habe eine Frau aus einem Männerkreis ausgeschlossen, während für Eskens Co-Parteichef Klingbeil sofort Platz gemacht wurde. „Das ist ein sehr armseliges körpersprachliches Zeichen in der heutigen Zeit, und das im Bundestag – das kann gar nicht wahr sein“, sagte Fernández.
Esken lacht nicht darüber – Körpersprache-Expertin hält Scholz‘ Entschuldigung auf X für unglaubwürdig
Die per X verbreitete Entschuldigung, mit einem Foto, das Scholz und Esken zeigt, hielt Fernández für wenig glaubhhaft: „Saskia und ich haben uns das Video angeschaut. Peinlich von mir - zum Glück konnten wir beide drüber lachen…“, war auf Scholz‘ X-Account über einem Bild der beiden zu lesen. Angesichts des Eindruckes, der entstanden sei, sei das zu wenig, sagte die Körpersprache-Expertin. Das verbreitete Bild instrumentalisiere Esken und zeige angesichts ihrer nach unten gerichteten Mundwinkel auch nicht, dass die SPD-Chefin über die Szene lachen könne.
Scholz‘ Entschuldigung bei Esken nicht genug – Und doch: Kein Laschet-Moment vor der Bundestagswahl
Scholz hätte sich auch einfach entschuldigen können, so Fernández. Statt davon zu schreiben, dass es ihm peinlich sei, hätte Scholz sagen können: „Ich habe mich da ignorant verhalten, und das tut mir wahnsinnig leid.“ Kritikerinnen und Kritiker warfen dem Noch-Kanzler schon weit vor seiner Zeit als Regierungschef vor, nicht dazu bereit zu sein, eigene Fehler einzugestehen. Trotzdem glaubte die Körpersprache-Expertin nicht, dass diese Szenen einen ähnlichen Effekt haben könnten, wie er dem Lachen des damaligen CDU-Kanzlerkandidaten beim Besuch des von einer Flutkatastrophe getroffenen Ahrtals vor der Bundestagswahl 2021 zugeschrieben wurde. Sie halte die Videos schlicht für „nicht vergleichbar“, sagte Fernández. (kb mit dpa)