Auch im Ausland Thema

Wegen Baerbock? Lawrow verschwindet aus G20-Treffen – Grüne sendet ihm deutliche Worte hinterher

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Hauptprotagonistin bei den G20: Annalena Baerbock bei ihrem Besuch auf Bali - Gespräch mit Sergej Lawrow gab es nicht.
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Sergej Lawrow verlässt die Sitzung der G20-Minister - just zur Rede Annalena Baerbocks. Der Eklat ist auch international Thema. Doch bedeutsamer ist das entstandene eisige Schweigen.

Nusa Dua/Berlin – Inmitten des Ukraine-Kriegs und zum ersten Mal seit Monaten war Russland am Freitag im Kreis der mächtigsten Staaten der Welt vertreten – und hat sich mit einem Eklat schnell wieder verabschiedet. Wladimir Putins Außenminister Sergej Lawrow verließ den Tagungssaal der G20-Kollegen in Indonesien lange vor Ende der Reden.

Offenbar spielte bei seinem Abgang indirekt Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) eine Rolle. Widerstreitende Aussagen gibt es darüber, ob Lawrow die Runde vor oder während Baerbocks Replik auf seine Rede verließ. Klar ist: Die deutsche Ministerin fand im Anschluss scharfe Worte für das Verhalten. So wie auch unmittelbar vor dem denkwürdigen Treffen schon.

Baerbock und Lawrow: Putins Außenminister verlässt den Saal - „aus Protest“?

Auf dem Programm stand in einem Luxushotel in Nusa Dua das Treffen der G20-Außenressortchefinnen und -chefs. Dass Lawrow überhaupt angereist war, hatte schon vorab für einige Aufregung gesorgt: Das „Familienfoto“ der Teilnehmer etwa sollte entfallen. Zu hören war, dass Gastgeberin Retno Marsudi US-Außenminister Anthony Blinken und auch Baerbock sichtlich herzlicher empfing als Lawrow, den obersten Diplomaten des Kreml.

Laut einem Bericht des britischen Guardian hielt Lawrow eine „strenge, aber kurze Rede“: „Wenn der Westen keine Gespräche haben will, aber sich einen ukrainischen Sieg über Russland auf dem Schlachtfeld wünscht - beide Standpunkte waren zu vernehmen - dann gibt es womöglich nichts mit dem Westen zu besprechen“, sagte er demnach. Zugleich habe Lawrow die Summe der westlichen Sanktionen als „Kriegserklärung“ bezeichnet.

Annalena Baerbock im Kreis der G20-Außenminister auf Bali.

Nach Informationen der dpa verließ Lawrow unmittelbar im Anschluss an seine eigene Rede den Saal. Diplomaten berichteten der Nachrichtenagentur AFP hingegen, der russische Außenminister habe bei dem Beitrag Baerbocks den Raum „aus Protest“ verlassen. Die Grünen-Politikerin hatte als amtierende Vorsitzende der G7-Gruppe unmittelbar nach dem Russen das Wort. Auch eine Videoschalte mit dem ukrainischen Außenminsiter Dmitro Kuleba erlebte Lawrow nicht mehr mit.

Eine Auflösung der Frage „wegen“ oder „vor“ Baerbocks Rede gab es am Freitag zunächst nicht. Auch internationale Medien griffen das Thema auf – teils heftig debattiert wurde in den sozialen Netzwerken aber auch, ob es einen substanziellen Unterschied zwischen einem Rede-Boykott oder einer Absage an bilaterale Gesprächen gibt: Einen Begrüßungs-Empfang am Donnerstag hatte Baerbock nach eigenen Angaben sausen lassen, ein „nettes Abendessen“ in Anwesenheit Lawrows sei angesichts des eskalierten Ukraine-Konflikts nicht möglich, erklärte sie. Lawrow dürfte so oder so mit einer ungemütlichen Einlassung der Deutschen gerechnet haben.

Baerbock: Lawrow verlässt lieber den Saal – Scholz‘ Ministerin sendet ihm bittere Grüße hinterher

Denn die Außenministerin hatte am Donnerstag kurz nach ihrem Eintreffen auf Bali auch gesagt, sie werde in ihrer Rede in Anwesenheit Lawrows „sehr deutliche Worte finden, dass wir diesen Bruch des internationalen Völkerrechts nicht akzeptieren“.  Auch aus einem offenkundig intensiven Treffen in Moskau kennen sich die beiden Politiker persönlich – Später, am Freitag schickte Baerbock Lawrow Vorwürfe hinterher.

„Einige Mitglieder verurteilten die Invasion.“

Indonesiens Außenministerin Retno Marsudi gibt Einblick in die Standpunkte der G20-Außenminister zum Ukraine-Konflikt.

„Dass der russische Außenminister einen großen Teil der Verhandlungen hier nicht im Raum, sondern außerhalb des Raumes verbracht hat, unterstreicht, dass es keinen Millimeter an Gesprächsbereitschaft der russischen Regierung derzeit gibt“, sagte Baerbock nach dem Eklat. Die allermeisten Vertreter bei dem Treffen hätten „den brutalen Angriffskrieg Russlands“ als größte aktuelle Gefahr verurteilt, betonte sie: „Der Appell aller 19 Staaten war sehr deutlich an Russland: Dieser Krieg muss ein Ende haben.“

Einen Einblick gab auch Indonesiens Außenministerin Marsudi: Die Teilnehmer hätten „ihre tiefe Besorgnis über die humanitären Auswirkungen des Krieges“ zum Ausdruck gebracht. „Einige Mitglieder verurteilten die Invasion“, fügte sie hinzu. „Einige“ sind nicht „alle“ – tatsächlich bestehen die G20 nicht nur aus entschiedenen Gegnern des russischen Vorgehens. Staaten wie China, Indien und Südafrika halten sich mit einer Verurteilung des russischen Einmarschs in der Ukraine zurück.

Baerbock und Lawrow meiden einander: Eisiges Schweigen zwischen Russland und dem Westen

Offenkundig ist, dass zwischen Russland und dem Westen nun eisiges Schweigen steht. Lawrow zeigte sich unbeeindruckt von der Kritik. „Unsere westlichen Partner versuchen es zu vermeiden, über globale Wirtschaftsfragen zu sprechen“, sagte er vor dem Tagungshotel zu Journalisten. „In dem Moment, in dem sie das Wort ergreifen, stürzen sie sich in fieberhafte Kritik an Russland.“

„Es waren nicht wir, die den Kontakt abgebrochen haben, sondern die Vereinigten Staaten“, fügte er hinzu. „Nichts zu besprechen“, „keinen Millimeter Gesprächsbereitschaft“ - das ist der Stand der gegenseitigen diplomatischen Bemühungen.

Russland im Ukraine-Krieg: Kreml und Westen arbeiten an Deutungsfragen – Schuldfrage beim Thema Hunger

Und so geht es nun auch darum, dem Rest der Welt eine Interpretation der Sachlage nahezubringen. Etwa bei der Frage, wer für drohende Hungersprobleme verantwortlich ist: Baerbock betonte, gerade beim Thema Ernährungskrise sei Lawrow nicht anwesend gewesen. Die G7 wollten nun gemeinsam die Länder des globalen Süden unterstützen und „dafür sorgen, dass die Menschen, die ohnehin schon leiden, nicht in eine viel, viel tiefere Hungersnot hineinrutschen“.

Auch Russland hat diese Fragen wohl auf dem Radar. Den Rückzug von der ukrainischen Schlangeninsel begründete der Angreifer zuletzt auch mit der Ermöglichung von Getreideexporten. Lawrow verwies laut Guardian auf Bali nun darauf, dass Russland wegen westlicher Sanktionen kein Getreide exportieren könne. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell habe das umgehend ins Reich der Fabel verwiesen: Sanktionen auf Lebensmittel gebe es nicht. (fn mit Material AFP und dpa)

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