Geschichte der Hisbollah: Die mächtigsten Totengräber des Libanon
VonPeter Rutkowski
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Die Hisbollah hat seit ihren ersten Tagen vor mehr als 50 Jahren immer Israel im Visier. Ein Blick auf die libanesische Terrormiliz.
Beirut – „Wahrlich, die Partei Gottes sollen jene sein, die am Ende triumphieren.“ Als diese Partei aus dem Koran sieht sich die Schiitenorganisation Hisbollah. Der Triumph ist die Vernichtung des jüdischen Staates.
In ihrem Gründungsmanifest von 1985 konstatiert die Hisbollah als ihr Ziel, „alle Amerikaner, alle Franzosen und all ihre Verbündeten“ aus dem Land zu werfen und so „dem Kolonialismus im Libanon ein Ende zu setzen“. Das war insofern ein leichtes, da die Mandatsnation Frankreich den Libanon 1943 in die Unabhängigkeit entlassen hatte und in den 80ern nur zur Stabilisierung des im Bürgerkrieg seit 1976 versunkenen Landes zusammen mit US-Truppen kurzzeitig dort blieb. Die „Verbündeten“ – also die Israelis – aber hatten nach dem erfolgreichen Kampf 1982 gegen die den Libanon weitgehend dominierenden PLO den Süden des Landes als Pufferzone besetzt und gaben die erst 2000 auf, als der innenpolitische Druck in Israel selbst zu groß wurde.
Die Hisbollah: Verlängerter Arm des Iran-Regimes
Die Hisbollah verdankt ihren Namen wie ihre Entstehung Ayatholla Chomeini, der Ausbilder der Revolutionsgarden um 1980 abkommandierte, die verschiedenen schiitischen Gruppen im Libanon zu einen – und zu einer schlagkräftigen Stellvertretertruppe gegen die „Teufel“ Israel und USA auszubauen. So dauerte der Bürgerkrieg dann noch bis in die 90er Jahre, weiter befeuert von verheerenden Anschlägen durch die Hisbollah.
Offiziell zu Ende ging der Bürgerkrieg 1990, aber die fortwährende Präsenz syrischer Truppen und der israelischen Pufferzone samt Unterstützung für die maronitische christliche Gemeinde im Libanon ließ das Land nicht zur Ruhe kommen.
Hauptnutznießerin dieser Situation war die Hisbollah, die inzwischen auch als Partei im Parlament vertreten ist und in vielen Gebieten eine zivile soziale Infrastruktur errichtet hat – alles hauptsächlich finanziert von Teheran. Der militärische Arm, dem nach Schätzungen mehrere Tausend Kämpfer angehören, gilt als einer der am besten ausgebildeten paramilitärischen Verbände im Nahen Osten. Konventionelle Kampferfahrung konnte im Syrischen und im Libyschen Bürgerkrieg gesammelt werden. Gegen Israel wird Fernartillerie oder Terror eingesetzt. Zusammen mit Gruppen in Syrien, Libanon, Irak und im Jemen gehören sie zu der vom Iran ausgerufenen „Achse des Widerstands“ gegen Israel.
Im Libanon stehen längst nicht alle hinter der Hisbollah-Terrormiliz
Die seit Jahren eskalierenden Angriffe der Hisbollah auf Israel haben dazu geführt, dass die EU sie als Terrororganisation einstuft und verfolgt. In Deutschland gilt seit 2020 ein Betätigungsverbot für die gesamte Hisbollah. Das hat die Gruppe nicht daran gehindert, im Libanon sich eine Vormachtstellung zu erkämpfen. Ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah hat Bündnisse mit Politikern verschiedener Lager zum langfristigen Vorteil der Hisbollah geschlossen.
Das stößt im Libanon nicht nur auf Gegenliebe: Viele Menschen fürchten, dass die Hisbollah eine islamistische Radikalisierung des eigentlich multikulturellen, multikonfessionellen, mediterran-westlich ausgerichteten Landes beabsichtigt. Ein Übriges tut dazu, dass die Hisbollah immer wieder in Verdacht gerät, ihr unliebsame Führungsfiguren gewaltsam zu beseitigen, wie beispielsweise 2005 Premierminister Rafik Hariri.
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Gut bestücktes Arsenal: Mit ihrer militärischen Macht hält die Hisbollah den Libanon in Schach
Das militärische Potenzial der Hisbollah, das generell das der libanesischen Streitkräfte weit übertrifft, sorgt dafür, dass die Kritik nie zu laut wird. Fachleute gehen davon aus, dass die Hisbollah mehr als 100.000 Raketen, Bomben und andere Flugkörper besitzt, einige sagen 200.000. Die Hisbollah sei der am stärksten bewaffnete nichtstaatliche Akteur der Welt, heißt es von der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies.
Das israelische Institute for National Security Studies zählt auf: Die Hisbollah verfüge über etwa 40.000 Raketen mit einer kurzen Reichweite von bis zu 20 Kilometern. 80.000 Kurzstreckenraketen mittlerer Reichweite (bis 100 Kilometer) und rund 30.000 mit einer Reichweite bis zu 300 Kilometern. Daneben führt die Miliz Kriegsgerät, um Panzer und Schiffe anzugreifen. Auch Flugabwehrraketen sind im Arsenal. Das israelische Alma Research and Education Center hat im Jahr 2022 geschätzt, dass zudem rund 2000 unbemannte Luftfahrzeuge zur Verfügung stehen – darunter iranische Drohnen. (rut/dpa)