Wie viel Ansehen verliert Putin?

Kriegsversager Gerassimow: Wie Putins wichtigster General scheiterte – und jetzt zur Gefahr im Kreml wird

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Die Winter-Offensive gegen die Ukraine scheiterte unter der Führung von General Waleri Gerassimow. Das dürfte Folgen für den Kreml haben.

Moskau/Kiew/München - Der neue russische Oberbefehlshaber Waleri Gerassimow sollte Russland im Krieg gegen die Ukraine eine vielversprechende Wende bringen. Am 11. Januar hatte General Waleri Gerassimow die Führung über die russischen Truppen von Sergei Surowikin übernommen, um die gefürchtete Winter-Offensive gegen die Ukraine zu leiten. Doch statt Erfolgen häuften sich bei Putins wichtigstem General die militärischen Niederlagen, Toten und Verletzten auf russischer Seite. Wie geht man im Kreml damit um?

Kriegsversager Waleri Gerassimow: Wie Putins wichtigster General scheiterte

Elf Jahre lang war Waleri Gerassimow vor seiner Position im Ukraine-Krieg „Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation“, an Erfahrung mangelte es dem Oberbefehlshaber demnach nicht. Doch nachdem bereits Ex-General Sergei Surowikin nach nur drei Monaten an der Führung über die russischen Truppen wieder ersetzt worden war, liegt die Annahme nahe, dass Putins Erwartungen an Gerassimow hoch waren. Mehrere erfolglose Kriegsführungen in Folge schaden schließlich nicht nur der militärischen Mission, sondern vor allem dem Ruf des russischen Präsidenten.

Wladimir Putin (l), Präsident von Russland, und Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte. (Archiv)

Ein wichtiges Ziel der Winter-Offensive war laut Informationen des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) in Washington, die ostukrainische Region Donbass bis zum 31. März komplett einzunehmen. Erfolglos, wie es in einem Fazit des britischen Verteidigungsministeriums vom 1. April heißt: „An mehreren Achsen der Donbass-Front haben die russischen Streitkräfte nur geringfügige Erfolge erzielt, die Zehntausende von Opfern gefordert haben, und dabei ihren vorübergehenden personellen Vorteil aus der ‚Teilmobilisierung‘ vom Herbst weitgehend verspielt.“

Nach gescheiterter Winter-Offensive durch Gerassimow: Druck auf den Kreml wächst

Die westlichen Militärexperten begründen das Scheitern der Winter-Offensive mit fehlender Kampfkraft der russischen Truppen. Im Gebiet Donezk konzentrierten sich die seit Monaten dauernden Kämpfe weiter auf die strategische Stadt Bachmut und die Region. Ein Ende dieser bisher blutigsten Schlacht des Krieges ist nicht in Sicht. Russland erklärte der Deutschen Presse-Agentur zufolge immer wieder, sich angesichts der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine auf einen langen Krieg einzustellen.

Die Winter-Offensive unter Gerassimows Führung sehen Experten als gescheitert.

Unterdessen drängen russische Militärblogger darauf, dass die russischen Streitkräfte Bachmut und Awdijiwka in der Region einnehmen. Das sei entscheidend, um auf die im April erwartete Gegenoffensive der Ukraine vorbereitet zu sein. Die Blogger hatten zuletzt ihre Kritik an Moskaus Militärführung deutlich verschärft. Aufgrund ihrer hohen Reichweite dürften sie wie schon zuvor Einfluss auf Putins Entscheidungen haben. Dass sie das Vorgehen im Krieg öffentlich kritisieren, baut Druck auf den Kreml auf.

General Gerassimows Niederlage in der Ukraine könnte zur Gefahr für den Kreml werden

Oberbefehlshaber Waleri Gerassimow hat hinsichtlich seiner Rolle in russischen Augen versagt. Die Analysten des ISW erwarten demnach einen baldigen neuen Umbau der russischen Kommandostrukturen für den Krieg gegen die Ukraine. Die bisherigen Misserfolge sind aber nicht mehr reversibel. Sie dürften auf das Ansehen Putins abfärben und damit den internen Machtkampf unter Russlands Elite noch mehr befeuern. Der Kreml-Chef könnte den Rückhalt der russischen Eliten bald verlieren.

Jewgeni Prigoschin, Leiter der Wagner-Gruppe.

Insbesondere Putins Koch, Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin, könnte unterdessen von den aktuellen Entwicklungen profitieren. Immer wieder werden Vermutungen laut, dass er durch seine kritischen Aussagen gegen den Kreml versucht, Putins Macht zu untergraben. Erst zuletzt hatte Prigoschin wieder starke Kritik an Russlands Militär ausgeübt. „Im Moment ist die Welt noch nicht auf eine gut ausgebildete russische Armee gestoßen“, hatte der Wagner-Chef offenbar in einer Videobotschaft gesagt. Unterdessen prahlt er damit, trotz der erschwerten Bedingungen den Osten der stark umkämpften Stadt Bachmut eingenommen zu haben. (nz)

Rubriklistenbild: © Mikhail Klimentyev/dpa

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