VonPhilippe Pernotschließen
Im Süden des Libanons nehmen die Kämpfe zwischen Hisbollah und Israels Armee zu. Die Menschen vor Ort müssen die Konsequenzen ertragen - oder alles zurücklassen.
Beirut – Alles still an der „Nordfront“: Trotz Krieg herrscht im Südlibanon eine seltsame Ruhe. Nur einige Hundert Meter von Israels nördlicher Grenze entfernt singen Vögel, der warme Herbstwind weht durch Olivenhaine, die Menschen gehen zu Fuß in kleine Supermärkte einkaufen. Wer mit dem Auto die militarisierte Grenze entlangfährt, zwischen den beiden sich bekriegenden Nachbarländern, kann kaum glauben, dass hier täglich Dutzende Raketen, Artilleriegranaten und Mörser Felder und Häuser zerstören. Doch tatsächlich spielt sich hier, in aller Ruhe, die gefährlichste Eskalation zwischen Hisbollah und Israel seit dem tödlichen Libanonkrieg von 2006 ab.
Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 liefern sich die bewaffnete schiitische Partei Hisbollah und die israelische Armee (IDF) einen Sitzkrieg, in dem sich beide Seiten von weitem beschießen. In diesen täglichen Auseinandersetzungen sind laut Schätzungen lokaler Medien bisher 150 Menschen umgekommen – ein Bruchteil der Anzahl der Opfer in Israel und Gaza, aber trotzdem eine besorgniserregende Ziffer für die Region. Schätzungsweise 74 Hisbollah-Kämpfer sind ums Leben gekommen sowie 18 Soldat:innen der IDF. Dutzende Zivilist:innen befinden sich sowohl in Israel als auch im Libanon unter den Opfern – darunter ein libanesischer Reporter, Issam Abdallah, der am 13. Oktober zusammen mit sechs Kolleg:innen von israelischen Bomben beschossen wurde. Sein verkohltes Auto steht Wochen später immer noch am Tatort, umgeben von einer ängstlichen Stille – niemand traut sich, in die Nähe des Grauens zu kommen.
Wegen dieser Geschehnisse wurden auf israelischer Seite 28 Dörfer und Siedlungen evakuiert, die sich in einem Vier- Kilometer-Streifen entlang der Grenze befinden. Auf der nördlichen Seite flohen rund 29.000 Menschen aus dem Südlibanon nach Tyros und Beirut, berichtete die UN. Aus Israel geschätzte 65.000. Seitdem stehen viele Häuser leer, die meisten Restaurants und Hotels sind vergittert. Eins der wenigen Autos, das noch den Grenzstreifen entlangfährt, gehört Hassan, einem 30 Jahre alten libanesisch-deutschen Staatsbürger. „Ich war bei meinen Eltern im Urlaub, als der Krieg ausbrach“, seufzt der Mitarbeiter eines Abschleppdienstes aus Hannover. Jetzt übernachtet er in einem Hotel in Tyros, in sicherer Distanz, und besucht seine Eltern morgens, weil da weniger Artillerieanschläge stattfinden. „Sie wollten nicht fliehen und haben anscheinend keine Angst vor den Bomben“, sagt er. Sie bleiben trotz der Gefahr in Naqoura, einer Küstenstadt an der Grenze, die auch das Hauptquartier der Unifil beherbergt – eine 10 000 Kopf starke Friedenssicherungsmission der UN, die an der Grenze patrouilliert.
Heute sind die weißen Panzer der UN aber kaum zu erblicken. Seitdem sie unter Beschuss gekommen sind, müssen die Blauhelme weitgehend in ihren Bunkern bleiben. „Ich musste meinen Laden schließen, weil sie keinen Alkohol mehr kaufen kommen“, beschwert sich Mahmoud, ein Ladenbesitzer, dessen Spätkauf im Schatten der Betonmauern der Unifil-Basis auf den Frieden wartet. „Das ist eine wirtschaftliche Katastrophe für uns alle. Zum Glück schickt mein Sohn Geld aus den Vereinigten Staaten“, erklärt der pensionierte Soldat der libanesischen Armee. Einige Meter vor seinem Laden steht ein Straßenschild, das die Richtung „Palästina“ anzeigt. Die Straße, die von Naqoura bis zur Grenze führt, ist leer.
Gefährlich sind vor allem die hügeligen Wälder, Gebüsche und Felder, die zwischen Naqoura und den israelischen Grenzposten liegen. Dort verstecken sich anscheinend Hisbollah-Kämpfer, dort landen viele Bomben und Granaten, und das Gebüsch brennt nieder – ein Niemandsland aus schwarzem Ruß. Das ist vor allem für die Landwirtinnen und -wirte eine Katastrophe. „Ich kann meine Kühe nicht mehr grasen lassen, denn sie werden ganz sicher von einer Bombe zerfetzt“, erklärt Ali, ein Libanese mit argentinischer Staatsbürgerschaft, der seit Jahren in Naqoura wohnt und vom Fischen, Züchten und Ernten lebt. „Unsere Felder werden zerbombt, letzte Woche hat Israel sogar einen Hühnerstall anvisiert – und seit dem Krieg streifen Hyänen durch die Gegend und töten unsere Hühner“, so Ali. Der 35-Jährige spricht eine Mischung aus Spanisch und Arabisch, sein Frust braucht aber keine Wörter.
Die Lage wird immer schwieriger, das Essen knapp und das Geld auch. „Wir essen fast nur noch Kichererbsen und Brot … Ich habe einen Freund, dessen Hund vor Hunger gestorben ist“, sagt er. Alis Eltern sind längst nach Beirut geflohen, doch er kann es nicht über sich bringen, seine Kühe und Felder aufzugeben. „Ich hänge von diesem Boden, von dieser Sonne und von diesem Meer ab, ich kann nicht weg“, seufzt er: „Wenn meine Tiere sterben, dann sterbe ich.“ Die Identität vieler Menschen hier ist ebenso tief im selben Boden verwurzelt wie die jahrhundertalten Olivenbäume, auf denen ihr Stolz beruht.
Libanon: Hisbollah hat in den vergangenen Jahren viel Unterstützung eingebüßt
Der Südlibanon ist als Land des „Widerstandes“ bekannt und seine Einwohner:innen dafür, dass sie keine Angst vor Krieg und Tod haben. Schon in den 20er Jahren fand hier eine große Rebellion gegen die französische Besatzung (1916-1943) statt. An diese Epoche der libanesischen Geschichte erinnert Mahmud Turnous, Eigentümer eines Restaurants in Tallouseh, nur einige Kilometer von der Grenze entfernt. Tief in den dunklen Eichenwäldern liegt es, verziert mit bunten Gipsfiguren, die mit Trachten aus der osmanischen Ära bemalt sind. „Leider muss ich jetzt geschlossen bleiben, weil keine Touristen sich mehr hierher trauen“, bemängelt Turnous. Die Tische sind leer, Stühle aufeinandergestapelt wie in einer Geisterstadt.
2006 wurde Turnous Augenzeuge der erbitterten Kämpfe des Libanonkriegs, als eine israelische Panzerkolonne vor seinem Restaurant von Hisbollah-Kämpfern überfallen wurde. „Dort, hinter diesen Bäumen, warteten sie – und sprangen mit Raketenwerfern aus dem Gebüsch“, erinnert sich der Inhaber und zeigt in Richtung des Waldrandes. Israel schaffte es damals nicht, die „Partei Gottes“ zu vernichten. Zurück blieben die zerbombte Infrastruktur, 1200 getötete libanesische Zivilist:innen und enorme Schäden an Umwelt und Wirtschaft: geschätzte 2,5 Milliarden Dollar. Die Hisbollah kam damals gestärkt aus dem Krieg, weil sie – anders als die libanesische Armee und Regierung – in den Augen vieler Menschen das Land beschützen und wiederaufbauen konnte.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit 2019 steckt der Libanon laut Weltbank in einer der weltweit schlimmsten Wirtschaftskrisen seit zwei Jahrhunderten. Politische und finanzielle Korruption hat den Wert der libanesischen Lira um 98 Prozent gedrückt. Laut den Vereinten Nationen leben derzeit 82 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Hisbollah ist wegen ihrer Rolle im syrischen Bürgerkrieg, bei der Hafenexplosion 2020 und der Korruption auch im Süden immer weniger beliebt. „Falls unser Haus zerstört wird, hilft uns niemand, auch die Hisbollah nicht“, kritisiert Mohammad al-Awiyeh. Der 69-Jahre alte Arabischlehrer an der Libanesischen Universität empfängt uns in seinem mit Blumen und Pfeilern verzierten Haus in Maroun al-Ras, einem Dorf an der Grenze. Vom Hügel aus sind israelische Überwachungsposten zu sehen, sogar einige Panzer, die hinter Erdhaufen auf ihre Befehle warten und deren Kanonen in diese Richtung zielen.
„Ich unterstütze die Hisbollah nicht, bin politisch unabhängig. Aber jeder Mensch hat ein Recht darauf, auf dem Flecken Erde zu bleiben, zu dem er gehört. Der Mensch kann nicht ohne seine Wurzeln leben, deswegen müssen sie verteidigt werden“, sagt der Lehrer, der in seiner Lebenszeit drei Kriege erlebt hat. „Unser Haus wurde 2006 zerstört, wir haben es mit unseren eigenen Händen wieder aufgebaut. Jetzt bleiben wir hier“, bekräftigt er. Seine 26 Jahre alte Tochter wünscht es sich anders. „Ich will so schnell wie möglich nach Amerika, wo mein Ehemann lebt, raus aus diesem müden und kaputten Land“, sagt sie, „oder zumindest nach Beirut, in Sicherheit.“
Sicherheit haben etwa 6000 Menschen aus dem Süden in Tyros gefunden, eine Stunde von der Front entfernt. Viele werden in Schulen oder bei Privatleuten untergebracht, bis sie irgendwo anders eine Unterkunft finden. So auch auf dem Campus der Technischen Universität Tyros, wo seit einigen Wochen Wäscheleinen hängen und Kinder im Hof spielen. „Wir sind hierher gekommen, weil wir vom Land leben und nicht mehr arbeiten können – wir haben kein Geld, sonst würden wir nicht unter solchen Bedingungen leben“, erklärt Zahira Iswed (40). Ihre sechsköpfige Familie teilt sich mit einer anderen Familie ein Klassenzimmer, das in der Mitte von einem Vorhang abgetrennt ist. In den Ecken stapeln sich Matratzen und Decken, Wasser und einige persönliche Sachen.
Sie und ihre Familie sind aus dem Grenzdorf Dhayra geflohen, als es am 16. Oktober von der israelischen Armee mit Phosphorbomben angegriffen wurde. Die chemische Munition explodiert in der Luft, brennt im Kontakt mit Sauerstoff bis zu 850°C heiß und verbreitet eine tödliche weiße Rauchwolke, die vom Himmel auf ihre Opfer fällt. Neun Zivilist:innen wurden schwer verbrannt – Amnesty International spricht von Kriegsverbrechen, die libanesische Regierung hat beim UN-Sicherheitsrat Beschwerde eingelegt. „Die Menschen aus dem Süden bezahlen einen hohen Preis. Sind wir etwa auf dem Weg nach Jerusalem, dass wir so bombardiert werden müssen?“, fragt Zahira mit Entsetzen.
Trotz des Schreckens schreitet der Alltag im Libanon dort voran, wo er kann
In einem Raum des zweiten Stockwerks der Schule sitzen Rettungskräfte und NGO-Mitarbeiter:innen vor Bildschirmen und beobachten die Lage. Hier tagt die Disaster and Risk Reduction Unit des Gemeindeverbandes Tyros, die seit 2010 für Katastrophenlagen die Verantwortung übernimmt. Das ist ihr erster Krieg. „Wir sind ausgebildet, bereit und koordinieren uns mit verschiedenen internationalen Hilfsorganisationen, um die Lage unter Kontrolle zu halten“, erklärt Hassan Hamoud, Vizepräsident des Gemeindeverbandes, mit müder Stimme. „Wir müssen täglich 3000 Mahlzeiten ausgeben, Decken, Matratzen, Wasser und Sanitätsprodukte finden … Bisher reicht es, aber die Lage kann schnell eskalieren“, befürchtet er.
Diese Angst teilen viele Libanes:innen, die nicht noch weiter in den Krieg hineingezogen werden möchten. 2006 wurden auch Beirut und Tyros heftig zerbombt; das will heute niemand. Der Chef der Hisbollah, Hassan Nasrallah, scheint die Eskalation noch zu vermeiden – so wie die Regierungen Israels, der USA und des Libanons, die versuchen, einen Ausweg zu finden.
Die Atmosphäre ist bedrückend: Die meisten westlichen Ausländer:innen haben den Libanon auf Rat ihrer Botschaften hin schon verlassen, viele Libanes:innen haben einen kleinen Koffer im Fall der Fälle schon vorbereitet. Pro-palästinensische Demonstrationen ziehen täglich durch Beirut, und die Augenringe unter den Augen der meisten Libanes:innen spiegeln die schlaflosen Nächte wider, die sie aufgrund der besorgniserregenden Nachrichten aus Gaza verbringen. Währenddessen geht das Leben aber auch weiter. An der Grenze pflegen inmitten der Bombenexplosionen Menschen weiter ihren Garten. In Tyros sitzen Reisende in der warmen Herbstsonne am Strand und genießen ein Eis. In Beiruts populären Klubs wird weitergetanzt. Wie immer versuchen die Menschen im Libanon so zu leben, als könnte ihnen am nächsten Tag der Himmel auf den Kopf fallen. (Philippe Pernot)
Transparenzhinweis: In der Ursprungsversion dieses Artikels stand, dass bisher 47 Hisbollah-Kämpfer getötet wurden, tatsächlich handelt es sich um 74 nach aktuellem Stand der Redaktion. Wir haben diesen Fehler am 14. November korrigiert und bitten um Entschuldigung.





