Schuldzuweisungen

Explosion in Gaza-Krankenhaus: Der Krieg um die Wahrheit

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Nach der Explosion in einem Krankenhaus in Gaza spitzt sich die Lage in Nahost zu. Weltweit kommt es zu wütenden Demonstrationen. Die arabische Welt macht Israel verantwortlich – obwohl die israelische Armee beteuert, dass die Rakete von Palästinensern abgefeuert wurde.

München – Ein Mann nimmt die Leiche seines Sohnes von einem Rettungssanitäter entgegen. Der Vater hält das leblose Kind in die Luft und zeigt es den umstehenden Menschen. Das Video wird in den Sozialen Medien tausendfach geteilt. Die Szene spielt sich angeblich vor dem Al-Ahli-Arab-Krankenhaus in Gaza ab, wo am Dienstagabend eine Rakete eingeschlagen ist. „Du musst kein Muslim sein, um Palästina zu unterstützen“, kommentiert ein Nutzer. „Du musst nur ein Mensch sein.“ Unzählige Videos dieser Art kursieren im Netz. Menschen, die mit Kopfverletzungen in die Notaufnahme gebracht werden. Leichensäcke, auf dem Gelände des Krankenhauses aneinandergereiht. Tote Säuglinge, in Decken gewickelt.

Es sind verstörende Bilder, die derzeit den Nahost-Konflikt anheizen. Am Tag nach dem Raketeneinschlag beschäftigt sich die Welt mit der Suche nach einem Verantwortlichen. Die Lage ist denkbar undurchsichtig. Die Terrororganisation Hamas meldet 471 Tote. Die Zahl wird von unabhängiger Seite nicht bestätigt. Nur wenige Stunden nach der Explosion spricht die Hamas von einem israelischen Luftangriff. Medien auf der ganzen Welt teilen die Darstellung. In mehreren Ländern, auch in Deutschland, kommt es noch am Abend zu wütenden Protesten.

Menschen inspizieren am 18. Oktober 2023 den Schaden im Ahli-Arab-Krankenhaus im Zentrum von Gaza, nachdem einen Tag zuvor eine Explosion im Krankenhaus Hunderte getötet hatte.

Al-Ahli-Arab-Krankenhaus in Gaza von Rakete getroffen: Der Krieg um die Wahrheit

Die israelische Armee weist alle Anschuldigungen zurück. Es habe sich um eine fehlgeleitete Rakete der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad gehandelt. Armeesprecher Daniel Hagari sagt, die Rakete sei von einem Friedhof hinter der Klinik abgefeuert worden. Er verweist auf Videoaufnahmen, die zeigen, wie eine Rakete aus dem Gazastreifen abgeschossen wird und kurz nach dem Start wieder sinkt. Israels Regierung veröffentlicht zudem ein abgehörtes Telefonat zwischen Hamas-Terroristen. „Ich sage dir, dass dies das erste Mal ist, dass wir eine Rakete wie diese fallen sehen“, hört man einen Mann sagen. Sie gehöre dem Islamischen Dschihad in Palästina, sagt er. „Sie ist von uns?“ fragt sein Gesprächspartner verwundert. „Um Gottes Willen, hätte sie nicht woanders explodieren können?“

Hagari zeigt Satellitenaufnahmen, die zeigen, dass nur der Parkplatz vor dem Krankenhaus von den Zerstörungen betroffen ist – und nicht das Gebäude selbst. Es sei zudem kein Krater sichtbar. Die Schäden seien vor allem durch eine sehr große Menge an Raketenantriebsmittel (Propellant) zu erklären. „Der Treibstoff hat eine größere Explosion ausgelöst als der Sprengkopf selbst.“ Darum seien Fahrzeuge in Brand geraten. Auf dem Parkplatz hätten sich zum Zeitpunkt der Explosion viele Menschen aufgehalten.
Im Netz läuft die Analyse der Geschehnisse auf Hochtouren. Viele Nutzer der Plattform X weisen daraufhin, dass der Parkplatz für die von der Hamas angegebene Zahl an Opfern viel zu klein sei. Nathan Ruser, Forscher vom Australian Strategic Policy Institute, zeigt in einer Simulation, dass nicht annähernd 500 Menschen auf dem Parkplatz gestanden haben könnten. „Ich bezweifle nicht, dass Zivilisten getötet wurden“, schreibt er. Die Zahlen seien aber „unplausibel“.

Nach Raketeneinschlag in Gaza-Krankenhaus: Arabische Staaten machen Israel verantwortlich

Trotz der Unklarheiten macht die arabische Welt Israel geschlossen verantwortlich. Selbst Verbündete Israels wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain glauben der Armee nicht, dass es sich um eine palästinensische Rakete gehandelt haben soll. Der Iran fordert die islamische Welt zum Abbruch der Beziehungen mit Israel auf. Im libanesischen Beirut stecken Demonstranten ein UN-Gebäude in Brand. Im jordanischen Amman versuchen Menschen, die israelische Botschaft zu stürmen. Jordaniens König Abdullah II. sagt ein Vierer-Gipfeltreffen mit US-Präsident Joe Biden, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und dem ägyptischen Staatschef Abdel Fattah Al-Sisi ab.

Daniel Hagari, Sprecher der israelischen Armee, stellt sich nach einer verheerenden Explosion an einem Krankenhaus in Gaza der Presse.

Die Palästinenserfraktionen im Westjordanland rufen zu Konfrontationen mit israelischen Soldaten auf – in Nablus und Ramallah schwenken die Menschen neben palästinensischen Flaggen auch Fahnen der Hamas.

Im türkischen Istanbul kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen dutzende Menschen verletzt werden. Auch die Türkei als Nato-Land gibt Israel die Schuld für die Explosion. Tel Aviv fordert sogar alle Israelis auf, die Türkei wegen „der zunehmenden terroristischen Bedrohung gegen Israelis“ zu verlassen. Es gelte die höchste Warnstufe.

Rubriklistenbild: © Gil Cohen-Magen/AFP

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