VonPatrick Mayerschließen
Ein russicher Kommandeur schildert schlimme Folter durch die Wagner-Söldner. Auch aus Russland gibt es einen Bericht über die Misshandlung eigener Soldaten.
München/Moskau - Sie sterben und sterben und sterben: Die Rede ist von russischen Soldaten auf den Schlachtfeldern des Ukraine-Kriegs. Laut Medienprojekt Kyiv Independent, das sich auf Zahlen des ukrainischen Generalstabs beruft, wurden seit dem völkerrechtswidrigen Einmarsch am 24. Februar 2022 bislang geschätzt 213.770 russische Soldaten getötet oder verwundet - mindestens.
Wagner-Söldner im Ukraine-Krieg: Werden russische Soldaten in der Ukraine entführt und gefoltert?
Auch in den eigenen Reihen? Ein mutmaßlicher russischer Kommandeur hat jetzt schwere Vorwürfe gegen die Söldner der Wagner-Truppe erhoben, die die Ukraine gemeinsam mit der Armee Russlands im Ukraine-Krieg angegriffen haben.
Konkret: Der mutmaßliche Befehlshaber der 72. russischen Schützenbrigade, Oberstleutnant Roman Venevitin, behauptet in einem bei Twitter verbreiteten Video, seine Leute seien von Wagner-Söldnern gefoltert und gedemütigt worden. Die Privatarmee (PMC) von Jewgeni Prigoschin würde zudem immer wieder russische Soldaten entführen, erklärt er.
„Guten Tag, mein Name ist Roman Venevitin, ich bin Oberstleutnant der russischen Armee, früherer Kommandant der 72ten Brigade“, sagt der Mann in dem Video, das verschiedene Twitter-Nutzer geteilt haben. Und dessen Authentizität sich nicht unabhängig verifizieren lässt. Zumindest trägt er wohl eine russische Uniform. Unbekannt ist, wo das Video entstanden ist.
Wagner-Söldner im Ukraine-Krieg: Russischer Kommandeur erhebt schwere Vorwürfe gegen Prigoschin-Truppe
„Ich muss sagen, dass ich und meine Brigade seit den ersten Tagen unserer Verlegung in die Gegend von Bachmut Spannungen mit Wagner hatten. Es bezog sich nicht nur auf das dreiste Verhalten, die Androhungen der ‚Annullierung“ oder Tötung, sondern auf konkrete Handlungen“, erklärt er und listet mutmaßliche Vergehen der Söldner innerhalb der eigenen Reihen im Ukraine-Krieg auf. So hätten die Wagner-Söldner angeblich T-80-Tanks und BMP-Schützenpanzer der russischen Armee gestohlen, um diese als vermeintliche Kriegstrophäen zu präsentieren.
Wagner-Söldner in der Ukraine: Folter russischer Soldaten durch Hunger und Säure?
Venevitin berichtet weiter über die Foltervorwürfe gegenüber der Wagner-Gruppe im Ukraine-Krieg: „Es gab einen Fall im Zusammenhang mit der Androhung körperlicher Repressalien gegen eine Kompanie, die umzingelt wurde und der die Liquidierung (Erschießung, d. Red.) angedroht wurde, weil sie anders ‚gearbeitet‘ hatte als von Wagner gewünscht. Es gab Entführungen unserer Kämpfer, die körperlich und moralisch gedemütigt wurden. Zum Beispiel wurde einer (ein Soldat, d. Red.) unseres Bataillons Starshina entführt, mit Hunger gefoltert und auf dem kalten Boden einer Basis liegen gelassen. Ihm wurden Säure und andere chemische Verbindungen in die Augen gestreut.“
Commander of the Russian 72nd Brigade, Roman Venevitin, who was previously captured and interrogated by Wagner, was released, and recorded the following statement.
— Dmitri (@wartranslated) June 8, 2023
Venevitin says Wagner is known for numerous cases of kidnapping Russian soldiers, threatening them with shooting,… pic.twitter.com/NeHs2FM3ac
Obwohl er zwischenzeitlich die Besinnung verloren habe, „haben sie ihn mit Benzin übergossen und versucht, ihn anzuzünden. Auch der Kommandant des Artillerie-Bataillons wurde entführt. Ich werde seinen Namen nicht nennen. Sein Auto wurde ihm gestohlen. Er wurde geschlagen und nahe dem Feindgebiet ausgesetzt“, schildert er. Er berichtet in einem Fall auch von einem mutmaßlichen Selbstmord eines Soldaten, „wegen einer aussichtslosen Situation“. Verwundete seien wie Sklaven behandelt, andere Kämpfer bestohlen worden, damit sie unter Druck angeblich Wagner-Verträge unterschreiben, listet er ferner auf.
Wagner-Söldner in der Ukraine: Falsche Vorwürfe gegen die russische Armee?
Schließlich beschuldigt er Wagner in dem Video, teilweise seine Soldaten abgezogen zu haben und so seine Flanke bei Bachmut geschwächt zu haben. Danach habe Wagner jedoch seiner Einheit vorgeworfen, dass sie besagte Flanke nicht halten konnte. Was dokumentiert ist, da Prigoschin in einem Telegram-Post Soldaten der beschriebenen 72. Schützenbrigade die Flucht von besagter Front vorhält.
Misshandlungen russischer Soldaten gibt es derweil offenbar nicht nur an der Ukraine-Front, sondern auch in der Heimat. So ist in der Reportage „Geheim in Russland“ des „Frontal“-Magazins im ZDF die Rede von mutmaßlich ermordeten Rekruten in russischen Kasernen.
Gewalt innerhalb der russischen Armee: Mutter schildert Schikane gegen ihren Sohn
In einer Sequenz wird in der Reportage, recherchiert durch zwei russische Journalistinnen, eine Mutter aus der Stadt Magnitogorsk gezeigt. Ihr Name: Swetlana Latiouk. Ihr Sohn Stanislaw: tot. Nie zurückgekehrt aus der Grundausbildung der Armee. So schildert es die Frau, die trotz des Risikos von Repressionen ihren vollen Namen nennt. „Vergib mir, dass ich dich der Armee gab. Ich denke, dass ich schuld bin“, sagt sie in dem Interview. Stanislaw kam bereits am 29. März 2019 mit nur 19 Jahren ums Leben, weit weg von der Heimat in Ussurijsk am Pazifik. Mutter Swetlana schildert zum Beispiel von Schikane gegen ihren Sohn, und dass seine Kommandeure ihn angeblich hungern ließen.
Laut offizieller Version soll er bei einer Schießübung getötet worden sein, heißt es in dem Beitrag. Laut einem Foto, das die Mutter auf ihrem Smartphone zeigt, soll er jedoch tatsächlich an einem Baum erhängt worden sein. Sie erhebt den Vorwurf, dass seine Kommandeure Schikane gegen Rekruten vertuschen wollten. Gewalt gegen eigene Leute ist laut dem Bericht des ZDF-Magazins „Frontal“ in den russischen Streitkräften indes an der Tagesordnung. Und offenbar auch im Verhältnis zwischen regulärer Armee und Wagner-Söldnern. (pm)
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