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Wladimir Putin droht mit der Versenkung ziviler Frachter im Schwarzen Meer. Dabei gibt es ringsherum schlagkräftige Nato-Stützpunkte. Ist die Drohgebärde aus Moskau nicht mehr als ein Bluff?
München/Kontanza/Kreta – Es ist die nächste Drohgebärde aus Russland im Ukraine-Krieg: Moskau-Machthaber Wladimir Putin ließ bekanntgeben, dass ab Donnerstag (20. Juli) alle Schiffe, die ukrainische Häfen vom Schwarzen Meer aus ansteuern, als potenzielle Feinde eingestuft werden.
Schwarzes Meer: Wladimir Putin droht mit Versenkung von Schiffen und Frachtern
„Alle Schiffe, die in den Gewässern des Schwarzen Meeres zu ukrainischen Häfen fahren, werden als potenzielle Träger militärischer Fracht betrachtet“, erklärte das russische Verteidigungsministerium bei Telegram. Außerdem gehe man davon aus, dass die Heimatländer dieser Schiffe „auf der Seite des Kiewer Regimes in den Ukraine-Konflikt verwickelt sind.“ In besagten internationalen Gewässern fahren nicht zuletzt Frachter aus Rumänien, Bulgarien und der Türkei - sie allesamt sind Mitglieder des Verteidigungsbündnisses Nato.
Jene Nato ist südlich und westlich des Schwarzen Meeres wiederum enorm präsent. Geht Putin selbst ein waghalsiges Risiko ein? Oder ist seine Androhung einfach nur ein Bluff? Merkur.de erklärt, welche drei Nato-Stützpunkte in der Region den Poker Moskaus entlarven.
Nato am Schwarzen Meer: Amerikanische Kampfjets sind an Küste Rumäniens stationiert
- Nato-Luftwaffenstützpunkt Konstanza (Rumänien): Das Southern Air Policing der Nato wurde nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland 2014 ins Leben gerufen. Seit 2017 wird die Überwachung des Nato-Luftraums an der südlichen Ostflanke durch wechselnde Rotationen von Luftstreitkräften verschiedener Mitgliedsstaaten vom Stützpunkt Mihail Kogalniceanu aus gewährleistet. Kurz vor und direkt nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hatte die Bundeswehr im Rahmen des Air Policing sechs Eurofighter-Kampfjets nach Konstanza (rumänisch Constanta) verlegt, die zuerst mit der italienischen Luftwaffe und dann mit der British Royal Air Force die Sicherung des Luftraums übernahmen. Zum selben Zeitpunkt schickten die Amerikaner acht Kampfjets vom Typ F-16 und vier Kampfjets vom Typ F / A-18 Super Hornet auf den benachbarten Luftwaffenstützpunkt Borcea, was seither ein schlagkräftiges Nato-Kontingent zur Folge hatte. In Borcea ist auch die 53. Jagdstaffel der rumänischen Luftstreitkräfte stationiert, samt allen verfügbaren 14 F-16-Kampfjets des Landes.
Nato am Schwarzen Meer: Auch ein Stützpunkt in der Türkei liegt in Reichweite
- Nato-Luftwaffenstützpunkt Incirlik (Türkei): Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 nutzen die Amerikaner die Incirlik Air Base in großem Umfang. Diese liegt in der Südtürkei nahe der Großstadt Adana (rund 2,2 Millionen Einwohner). Die USA haben im Rahmen der nuklearen Teilhabe taktische Atomwaffen, die von Kampfjets transportiert werden können, auf diesem Flugplatz stationiert. Von hier aus könnte die Nato über dem Schwarzen Meer operieren. Neben verschiedenen Kampfjets haben die Vereinigten Staaten und die Türkei dort auch riesige Boeing KC-135 Stratotanker geparkt. Zuletzt hatte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan politisch von Putin entfernt, als er nach langer Blockade dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens zustimmte.
Nato am Schwarzen Meer: Schlagkräftige Verbände der Amerikaner und Griechen auf Kreta
- Nato-Luftwaffen- und Marine-Stützpunkt Kreta (Griechenland): Bei Souda im Westen der Urlaubsinsel nutzen die griechischen sowie die amerikanischen Luftstreitkräfte einen gemeinsamen Luftwaffenstützpunkt. Von Souda Bay aus können die US-Luftwaffe und deren griechische Verbündete sowohl im östlichen Mittelmeer als auch über dem Schwarzen Meer Einsätze fliegen. Die Griechen haben dort F-16-Kampfjets stationiert, die USA hatten im Mai 2022 wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine zusätzlich zehn Tarnkappenjets vom Typ F-35 sowie 14 Kampfbomber F-15 nach Kreta verlegt - samt 500 Piloten und Technikern. Welche Kriegsschiffe auf dem benachbarten Marine-Stützpunkt aktuell vor Anker liegen, ist unklar. Die griechische Marine verfügt unter anderem über vier Fregatten vom Typ MEKO 200, gefertigt vom deutschen Schiffsbauer ThyssenKrupp Marine Systems. Zwischen Oktober 2022 und Frühjahr hatte das Pentagon aus Washington den Flugzeugträger USS George H. W. Bush (Nimitz-Klasse) auf Kreta positioniert. Aktuell ist dort offenbar kein Flugzeugträger vor Ort.
Mehrere Militärexperten hatten als Reaktion auf Putins Drohung Nato-Schiffe im Schwarzen Meer gefordert. Unter anderem erklärte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität München auf Twitter: „Wann fangen wir an, Russland rote Linien in der Ukraine zu setzen? Sabotiert ihr den Getreideexport, eskortieren wir Schiffe, wie wäre es damit?“ Bislang beließ es die Verteidigungsallianz aber bei Warnungen an die zivile Schifffahrt. (pm)
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